Kleine und große Kirchen Oktober 2009

Der Ausstattung von St. Georg in Mansfeld drohen schwere Schäden

Ein Juwel der Religionsgeschichte

Der Lutherweg in Sachsen-Anhalt, der seit 2008 auf 410 Kilometern mit 40 Stationen den Spuren des Reformators folgt, ist ­eine touristische Attraktion. Für die Kirche St. Georg in Mansfeld ist er ein Segen - wenn auch ein indirekter.

Aufnahme vor Beginn der Baumaßnahmen. Deutlich ist zu sehen, dass die wertvollen Kunstwerke durch die Feuchtigkeit in den Kirchenwänden stark gefährdet sind. 
© Ing.-Büro Hermanns
Aufnahme vor Beginn der Baumaßnahmen. Deutlich ist zu sehen, dass die wertvollen Kunstwerke durch die Feuchtigkeit in den Kirchenwänden stark gefährdet sind.

Luther als Ministrant

Seit einer Turmsanierung im Jahr 1995, bei der das Ausmaß der Schäden am Dach erstmals zu erkennen war, rang die Kirchengemeinde darum, die aufwendige Restaurierung der undichten Ziegeleindeckung und des durch Feuchtigkeit faulenden und von Anobien geschädigten hölzernen Dach­stuhls finanzieren zu können.    Aber dann wurde das Projekt "Luther 2017" geboren. Im Jahr 2017 wird der 500. Jahrestag der Reformation gefeiert werden. Ein Teil des großangelegten Konzepts ist der Lutherweg, der auch über Mansfeld führt. 1484 war der Vater Hans Luder mit seiner Frau Margarethe und dem knapp einjährigen Martin von Eisleben in die Hochburg des Kupferbergbaus im Mansfelder Bergland ge­zogen. Hier in Mansfeld wuchs er auf, besuchte von 1488 bis 1497 die Lateinschule und diente in der gegenüberliegenden Stadtkirche St. Georg als Ministrant.


Die heutige stattliche Hallenkirche kannte er damals noch nicht, sondern ihre romanische Vorgängerin, auf deren Mauerresten sich der Westturm erhebt. 1497 wurde mit dem Bau der spätgotischen Kirche begonnen, als Martin Luder - wie er damals noch hieß - nach Magdeburg zur höheren Schule geschickt wurde. Doch sie wurde ihm in späteren Jahren vertraut, da der Reformator zeitlebens Mansfeld, seiner Familie und auch den Grafen, die dort in einer eindrucksvollen Renaissance-Residenz ihren Stammsitz hatten, verbunden blieb.

Verhüllte Kostbarkeit – Blick zum Chor in der Stadtkirche St. Georg. 
© ML Preiss
Verhüllte Kostbarkeit – Blick zum Chor in der Stadtkirche St. Georg.

Reich und wertvoll präsentiert sich die Ausstattung, die vornehmlich aus dem 16. Jahrhundert stammt. Allein schon die drei zwischen 1492 und 1520 entstandenen Schnitzaltäre - der Hochaltar stellt die Kreuzigung Christi dar, zwei weitere Retabeln die Geburt Christi und die Krönung Mariens - sind einen Besuch wert. 49 bemalte Tafeln mit ­Szenen aus dem Neuen Testament schmücken die Brüstungsfelder der Hufeisenempore. Darüber hinaus ziehen eine kunstvoll gestaltete Kanzel von 1617, ein ganzfiguriges Luther-Porträt von 1540, ein vorzügliches Auferstehungsgemälde von 1545 aus der Schule Lucas Cranachs d. Ä. sowie zahlreiche qualitätvolle Grabdenkmäler der Grafen von Mansfeld die Blicke auf sich.

Genauer gesagt: Sie zogen die Blicke auf sich. Denn seit fast zwei Jahren sind die Kunstwerke mit weißen Abdeckungen verhüllt. Aufwendig angebracht, um Staub, Putz und Feuchtigkeit fernzuhalten, und trotzdem luftig genug, damit die wertvollen Schnitz- und Bildwerke mit ihren originalen Farbfassungen nicht vermodern.

St. Georg und Luther 2017

Im Zuge des landesweiten Lutherprojekts fanden sich für St. Georg 2007 Geldgeber, die einen ersten Bauabschnitt für die Sanierung des östlichen Schiffdachs ermöglichten. In diesem Sommer wurde mit dem zweiten Bauabschnitt im westlichen Bereich begonnen. Dann erfüllt sich nach 14 Jahren der sehnliche Wunsch der Kirchengemeinde: Das mächtige Dach von St. Georg wird wieder dicht und trocken sein, die Zinkwannen und Eimer zum Auffangen des Regenwassers können von Orgelempore und Dachboden weggeräumt werden.

Das ist auch höchste Zeit, denn wer sich die Fotografien von Kirchenraum und Interieur vor der Verhüllung anschaut, sieht mit Schrecken, dass die wertvollen Kunstwerke an völlig durchnässten Wänden hängen. Feuchte- und Schimmelflecken sowie blätternder Putz zeigen nur zu beredt, dass große Gefahr für das Kunstgut besteht.

Religionsgeschichte in Bildern

Es wäre mehr als bedauerlich, wenn die Ausstattung von St. Georg verlorenginge, weil die finanziellen Mittel für die Restaurierung des Mauerwerks und des Innenraums nicht zusammengetragen werden könnten. Es wäre nicht nur ein großer Verlust für die Gläubigen und für die Liebhaber frühneuzeitlicher Kunst, sondern auch für die kunsthistorische Forschung. Denn schon die Brüstungsmalerei an der Empore gibt Rätsel auf: Man weiß nicht, ob die gebräuchlichen Inschriften unter den einzelnen Szenen nie vorhanden waren oder bei einer 1929 durchgeführten Kirchenrestaurierung übermalt wurden. Sie erschweren eine genaue Datierung sowie die Deutung des Bildprogramms, das nur Szenen aus dem Neuen Testament enthält.

Der hl. Georg ist Patron der Mansfelder Stadtkirche. 
© ML Preiss
Der hl. Georg ist Patron der Mansfelder Stadtkirche.

So erscheint es interessant, die Bilderfolge im Zusammenhang mit Cyriakus Spangenberg (1528-1604) zu untersuchen. Der Theologe, Kirchenmann und Chronist wurde 1553 zum Stadt- und Schlossprediger in Mansfeld, 1559 zum Generaldekan der Grafschaft berufen. Er war ein glühender Anhänger der Reformation und gilt unter den di­rekten Schülern Luthers als einer der führenden und streitbarsten Theologen zu einer Zeit, in der sich die lutherischen Territorien ausbildeten und sich im frühneuzeitlichen Prozess der Konfessionalisierung befanden. Spangenbergs religionspolitisches Wirken reichte bis in die Niederlande und nach Österreich.

Dann wurde er selbst im sogenannten Erbsündenstreit als Ketzer angegriffen. In dieser heftigen und polemisch geführten Auseinandersetzung waren auch die Grafen von Mansfeld - zum Teil seine Gönner, aber auch seine Gegner - involviert, was zu weiteren Konfessions­zwisten im Land, dem Erzstift Magdeburg und Kursachsen führte. Als 1575 Truppen des Erzstiftes Magdeburg aus Halle einmarschierten, den Rat und einzelne Bürger der Stadt einsperrten, floh Spangenberg aus Mansfeld.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein, weitaus länger als an anderen Orten, war es daraufhin üblich, dass in den Gottesdiensten "vier Knaben in Mänteln auf den Knieen vor dem Altare, mit halber Stimme, dabei die Häupter auf die Schwelle oder Stufe des Altars gelegt," gegen Spangenbergs 'Irrlehren' gerichtete Sätze aus der Konkordienformel von 1577 vortrugen. Dem Werk, zu dem sich lutherische Theologen und Fürsten in einzelnen Territorien des Reiches bekannten und mit dem sie nicht nur theologisch, sondern auch rechtlich, sozial und kulturell die Gestalt der betreffenden Territorien vereinheitlichen wollten. Wäre es nicht spannend zu erforschen, ob und inwieweit sich in dem Bildprogramm der Brüstungsmalereien von St. Georg, die nach dramatischen Auseinandersetzungen vermutlich Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden, das orthodoxe Luthertum widerspiegelt? Würden die Inschriften bei einer Restaurierung wieder zu Tage treten?

Auch zu anderen Fragen der Religionsgeschichte könnte die spätgotische Kirche Antworten bewahren. Sie drohen nun durch den Schimmel und die Feuchtigkeit in den Kirchenwänden mit den Kunstwerken unterzugehen. Wir bitten Sie daher: Helfen Sie mit, St. Georg in Mansfeld zu retten!

Christiane Rossner