August 2009

Die Dorfkirche in Neddemin

War alles vergeblich?

Mehr als sieben Jahrhunderte hat sie überstanden, Kriege und Machtwechsel. Gebaut wurde die Kirche in Neddemin in einer risikoreichen Zeit, in der ein Mensch auf dem Lande weitgehend recht- und schutzlos war. Heute kann man über das Ergebnis der mühsamen Handarbeit lapidar in der Fachliteratur lesen: "Kleine Feldsteinkirche mit für die Stargarder Region ungewöhnlich kunstvollem Maßwerkgiebel aus Backstein, Anfang 14. Jahrhundert." Die Sanierung dieses Giebels konnte 2008 nicht mehr umgesetzt werden, weil weniger Mittel gesammelt wurden als erhofft. Deshalb sieht auch der Innenraum so kläglich aus.

Während das Hauptschiff dank vieler Spenden bereits neu gedeckt werden konnte, wartet die gesamte Ostfassade noch auf Hilfe. 
© R. Rossner
Während das Hauptschiff dank vieler Spenden bereits neu gedeckt werden konnte, wartet die gesamte Ostfassade noch auf Hilfe.

Heute, im Sommer 2009, ringen etwa 150 Rentner im Dorf Neddemin um die Erhaltung ihres sozialen Mittelpunktes, sparen sich von ihrer Rente, die für ein Leben in der Großstadt nicht ausreichen würde, Euro für Euro für ihr Gotteshaus ab, betteln bei Besuchern um eine Spende für das gefährdete Kunstwerk, das nicht zur "hohen Kunst" zählt und doch zur europäischen wie zur regionalen Kulturgeschichte gehört. Hier geht es schon lange nicht mehr um Konfessionsunterschiede. Was in Neddemin zählt, ist alltagsbezogene Nachbarschaftshilfe, gegenseitige Unterstützung in schwierigen Zeiten.

Die Dorfkirche in Neddemin ist der Ort, an dem sich Biografien festmachen: Hier wird getauft, konfirmiert, geheiratet und beerdigt. Hier trifft man sich zum Singen, Beten, Plaudern und Ausweinen. Pastor Mathias Kretschmer betreut elf bedürftige Dorfkirchen, eine davon ist Neddemin. Seit Jahren quält ihn das gleiche Dilemma: Welche der Kirchen ist die bedürftigste, um welche müssen wir uns zuerst kümmern? Sobald mit Hilfe vieler die Finanzierung gesichert ist, wird erst das Dach repariert. Neddemin hat seit 2008 ein neues Kirchendach, dank des erfolgreichen Bettelns der Neddeminer und ihrer hartnäckigen Vorsprache bei Behörden. Neddemin ist nicht mehr vom Einsturz gefährdet, seit die morschen Dachbalken repariert werden konnten. Neddemin sieht von außen gut aus. Wo also liegt das Problem?

Dramatische Schäden: Die kleine Apsis ist völlig durchnässt. Doch die Sanierungsarbeiten mussten abgebrochen werden. 
© R. Rossner
Dramatische Schäden: Die kleine Apsis ist völlig durchnässt. Doch die Sanierungsarbeiten mussten abgebrochen werden.

Die Architektin Maxi Ernst erläutert, wofür die Kirche dringend Geld braucht: "An unserer anfänglichen Diagnose aus der Nähe, vom Ge­rüst aus, hat sich nichts geändert!" Die Mitt­vierzigerin hat schon viele Kirchen mit sehr behut­samen, kaum sichtbaren Eingriffen vor dem Einsturz bewahren können. "Doch manchmal wünschte ich, unsere Kirche sähe noch aus wie vor zwei Jahren: ohne Dach, innen alles feucht, muffig, einfach alles kaputt - denn dann wäre jedem einsichtig, wie groß unsere Not ist. So aber", sie holt die Fotografien des Maßwerkgiebels aus der akribisch geführten Dokumentation aller Bauabschnitte, "sieht man nur die Schäden, wenn man ganz nah herangeht." Als Maxi Ernst vor kaum zwei Jahren den Efeu von der idyllisch zugewachsenen Dorfkirche entfernte und die Folie vom Dachboden nahm, kam im Sommer 2006 das ganze Ausmaß der Schäden ans Tageslicht; nun wurde klar, warum die Kirche innen schon lange modrig roch und die Apsis große feuchte Stellen zeigte.

Wenige Wochen vorher, am 10. Juli 2006, hatte der Denkmalpfleger der Bauabteilung des Oberkirchenrates in Schwerin, Ralf Gesatzky, in seiner Stellungnahme geschrieben: "Wenn das Dach nicht bald gründlich instand gesetzt wird, muss der Kirchenraum für Kirchenbesucher - wie nach dem Krieg - gesperrt werden. (…) Im Bereich der Dachhaut, des Dachwerkes und der Mauerkronen besteht akuter Handlungsbedarf." Von Anfang an arbeiteten hier alle Beteiligten schnell und Hand in Hand, der Pfarrer, der Pastor i. R., die Baufachleute der Landeskirche und des Kirchenkreises, der Denkmalpfleger der Landesbehörde, die erfahrene Architektin und die Handwerker aus der Region.

Pastor i. R. Günther Schulz kämpft seit 1956 für seine Kirche mit dem schmuckvollen Giebel. 
© R. Rossner
Pastor i. R. Günther Schulz kämpft seit 1956 für seine Kirche mit dem schmuckvollen Giebel.

Jemand, der die Kirche in Neddemin so lange wie kein anderer kennt, ist Günther Schulz. Ohne ihn würde sie nicht mehr stehen. Seit mehr als ­einem halben Jahrhundert, seit 1956, wohnt er im Pfarrhaus neben der Kirche. Mit kleinen Reparaturen konnte er sein Gotteshaus über die schwierigen Zeiten hinüber retten. Lakonisch beschreibt er die Situation: "Es gab in der DDR kein Brett, keine Ziegel, einfach kein Baumaterial, das können sich viele kaum vorstellen. Heute hingegen gibt es gutes Material, aber kein Geld. Deshalb zeige ich gerne allen Interessierten, was gemacht wurde und wo hier das Problem liegt." Die Architektin Maxi Ernst hat ihre Fotodokumentation für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt: Aus der Nähe erkennt man ausgehöhlte Backsteine mit Vogelnestern, unter den Kreisblenden sind Mauerwerk und Putz ausgespült. Wenn man nur leicht auf den Putz klopft, fällt er in großen Placken ab. Ein Feldstein hängt lose im Sturz einer Blendnische. Es ist eine Frage der Zeit, bis er herunterfällt.

Auch innnen sind Schäden zu sehen: Feuchtigkeit macht Putz und Anstrich fleckig. 
© R. Rossner
Auch innnen sind Schäden zu sehen: Feuchtigkeit macht Putz und Anstrich fleckig.

Innen sind Putz und farbiger Anstrich durch die Feuchtigkeit fleckig geworden. Außerdem ist schon auf den Schadensbildern von 2005 ein Riss im Mauerwerk sichtbar: Große Feldsteine fielen beim Entfernen des Efeus heraus, die Fugen waren mit Humus und Wurzeln durchzogen. Der Grund für diesen großen Spalt sind die Schäden der Dachkonstruktion. Da die Mauerschwellen zersetzt waren, hatte sich der gesamte Dachstuhl gesenkt und drückte die Wand nach außen. Dieser Zustand ist behoben, seit die Last buchstäblich von vielen getragen wurde: Die Förderung der DSD in Höhe von 43.000 Euro wurde möglich durch eine Spende für Neddemin über 23.000 Euro von einem langjährigen Kooperationspartner der Stiftung, der Rudolf-August Oetker Stiftung. Weitere 10.000 Euro gab die von der DSD treuhänderisch verwaltete Ernst-Ritter-Stiftung. Außerdem half der Kirche eine direkte Spende des Vereins Dorfkirchen in Not e.V. Der Gemeinde gelang es mit vielen hier nicht genannten Spendern, die geforderten Eigenmittel nachzuweisen. Den Lö­wenanteil gaben das Landesamt für Denkmalpflege und der Kirchenkreis.

Mit der erfolgreichen Notsicherung sind nun alle Mittel ausgeschöpft. Aber damit ist es nicht getan. Sollen diese Anstrengungen nicht vergeblich gewesen sein, muss nun dringend der Ostgiebel instand gesetzt werden. Ob die DSD den Förderantrag aus Neddemin überhaupt genehmigen kann, hängt davon ab, ob sich großzügige Spender finden. Deshalb bitten wir um Ihre Hilfe für Neddemin, wobei wir es mit Günther Schulz halten, der Neddemin durch viele kleine Beträge gerettet hat, die in ihrer Gesamtheit Großes bewirken können.

Angela Pfotenhauer