Landschaften, Parks und Friedhöfe August 2009

Das Stibadium in Potsdam am Tag des offenen Denkmals

Magische Momente im Paradiesgarten

Um ihn herum versank die althergebrachte Welt im Chaos, die Monarchie in ihrer absoluten Ordnung drohte abgeschafft zu werden, in ganz Europa schwelte seit Jahren der nationale Aufstand, die Revolution von 1848 lag nicht mehr fern. Und was tat Friedrich Wilhelm IV., seit 1840 preußischer König? Er träumte sich - wie er es in seiner Italienbegeisterung schon so lange tat - ins römische Arkadien und malte sich die Potsdamer Landschaft als antikes Ideal aus.

Das Stibadium im Paradiesgarten mit den richtungsweisenden Pergolen auf einem Aquarell von Carl Graeb, 1852. Gut zu erkennen sind auf dem Gebäude die exklusiven Vasen zwischen den Triglyphen. 
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/C. Graeb
Das Stibadium im Paradiesgarten mit den richtungsweisenden Pergolen auf einem Aquarell von Carl Graeb, 1852. Gut zu erkennen sind auf dem Gebäude die exklusiven Vasen zwischen den Triglyphen.

Unzählige Skizzen fertigte er an, entwarf Gebäude - majestätische wie die Orangerie neben Schloss Sanssouci, anrührende wie die Römischen Bäder, würdevolle wie die Friedenskirche. Und jede Menge intime Gartenarchitekturen, gedacht für den Rückzug ins Nachdenken. Für die Momente, in denen die anstrengende Politik weit entfernt sein sollte und sich der König im Geiste ganz der Kunst hingeben wollte.


Immer - schon als Kronprinz - hatte er einen hauptamtlichen Architekten zur Seite. Der brachte die sprudelnden Ideen des Monarchen - wieder und wieder von ihm überarbeitet und mitunter auf Servietten und sogar auf Tischplatten gekritzelt - in die rechte Form und zur Ausführung. Nach Karl Friedrich Schinkels Tod 1841 hatte die Position der gebürtige Potsdamer Ludwig Persius inne. Unter seiner Hand kamen die Gärten der preußischen Residenzstadt in der brandenburgischen Weite dem antiken Vorbild schon ziemlich nahe. So nahe, dass noch heute an warmen Sommertagen ein Hauch der Gedanken Plinius' des Jüngeren über der Parklandschaft zu liegen scheint. Seine Briefe, in denen er um 100 n. Chr. seine römischen Landgüter Laurentinum und Tusculum beschreibt, waren es, die den Hohenzollern-Herrscher Jahrhunderte später, 1.500 Kilometer weiter nördlich, inspirierten.

Die Wasserkaskade, die zwar außerhalb des Stibadiums liegt, aber inhaltlich eng mit dem Bauwerk verbunden ist, wurde bereits in den 1990er Jahren instand gesetzt. 
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/R. Rossner
Die Wasserkaskade, die zwar außerhalb des Stibadiums liegt, aber inhaltlich eng mit dem Bauwerk verbunden ist, wurde bereits in den 1990er Jahren instand gesetzt.

Tatsächlich findet sich in einer Konche im Potsdamer Refugium eine gebogene Marmorbank, die ihm seinen Namen gab. Eigentlich aber handelt es sich bei dem sogenannten Stibadium um eine etwas eigenwillige Konstruk­tion, denn es ist nichts anderes als ein Atrium. Das Atrium war im römischen Wohnhaus der zentrale Raum mit einer Öffnung im Dach, durch die Regenwasser das Impluvium, ein Wasserbecken, füllen konnte. Hier in Potsdam wird der zentrale Raum zum einzigen Raum, keine weitere bauliche Anlage umgibt ihn. Innenwände werden zur Fassade, und Pergolen, die um das Gebäude angelegt sind, sollen die fehlenden Räume andeuten. Das Stibadium ist ein Staffagebau, er ist nicht zum Wohnen gedacht, noch nicht einmal zum hemmungslosen Schlemmen, wie der Name denken ließe, sondern zur stillen Sammlung.

Da saß er also, König Fried­rich Wilhelm IV., in seinem Stibadium auf der halbrunden Bank, von der aus man einen ausgeklügelten Blick durch das Atrium und die geöffnete Ostwand hindurch auf die Wasserkaskade im Paradiesgarten hat. Gerahmt wird die Sicht durch die Terrakottasäulen, die das quadratische Impluvium umstehen und die das Dachgebälk stützen. Stetes Wasserrauschen betäubt die Sinne, die Augen entspannen sich zwischen sorgfältig ausgewählten Blicken in die Natur oder auf die italienischen Landschaften, die Karl Lompeck in pompejanischer Manier an die Innenwände des Stibadiums malte. Und stellt man sich einen strahlenden Sommertag vor - den braucht das Stibadium für seine Inszenierung -, dann funkeln neben den Wasserspielen als besondere Pointe noch die 40 weißen, rubinroten, blauen und grünen Glasvasen. Sie stehen in den Öffnungen des Triglyphenfrieses, der als eine Art Balustrade das Viereck des Atriums auf dem Dach umrahmt, und tauchen den Raum in ein magisches Licht: eine vollendete Idylle.

©  Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/C. Graeb 
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/C. Graeb
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/C. Graeb

Einzig die Skulpturengruppe des Brunnens von Fried­rich Leopold Bürde, die recht dramatisch einen ein Reh zerfetzenden riesigen Adler zeigt, lässt erahnen, dass die Welt nicht nur aus Vogelgezwitscher, Licht- und Wasserspielen besteht. Ist sie ein Hinweis auf das gefährliche Universum außerhalb der Potsdamer Gartenspielereien? Auf den preußischen Adler, dem schwache Rehe niemals die natürliche Rangordnung streitig machen dürfen, über die ein angegriffener König nachdenkt? Oder ist es nur ein Kunstgriff, um einen Moment der Bewegung in das kompositorische Gleichgewicht dieser Kleinarchitektur zu bringen? Und um sie noch geschickter zu dem zu machen, was sie immer sein sollte und jetzt - wie am Tag des offenen Denkmals zu sehen sein wird - auch wieder ist: ein durch und durch angenehmer Ort des ästhetischen Genusses.

Beatrice Härig

Kopfgrafik: Der Sinn für Ästhetik beschränkte sich bei den Malereien nicht nur auf Landschaften. Die Schönheiten waren jedoch seit ihrer Entstehung gefährdet, weil Grund- und Feinputz keine ausreichende Bindung hatten und die Wachs-Ölfarben nach pompejanischem Vorbild für das Potsdamer Klima nicht geeignet waren. Foto: Manfred Thomas