Wohnhäuser und Siedlungen Historismus Juni 2009

Frankfurts Villa Mumm

Das prickelnde Erbe

Die Sektfabrikanten-Familie aus dem Rheingau, der Thomas Manns Hochstapler Felix Krull entstammte, war liederlich, ihr Schaumwein so hemmungslos gepanscht, dass er eine Gefahr für die Gesundheit darstellte. Die reale Champagner-Dynastie Mumm von Schwarzenstein kann sich der Dichter kaum zum Vorbild genommen haben: Seit dem 18. Jahrhundert in Frankfurt am Main ansässig, brachte sie nicht nur seriöse Weinhändler und Bankiers, sondern auch angesehene Politiker und Diplomaten hervor.

Die Eingangsfront der Villa Mumm 
© ML Preiss
Die Eingangsfront der Villa Mumm

In diesem Haus gab man sich in jeder Hinsicht qualitätsbewusst und konservativ. Seit 1827 besaß die Familie eine Champagnerkellerei in Reims. 1873 wurde sie in den preußischen Adelsstand erhoben und erhielt 1896 für ihre Verdienste um die besten Weine des Rheingaus die Freiherrenwürde.


"Es ist wohl ein selten und schwerer Entschluss, seiner Väter Haus zu verlassen", bekundeten die Mumms im März 1902 anlässlich der Grundsteinlegung einer neuen Villa vor den Toren Frankfurts. Ihr angestammter Familiensitz befand sich direkt auf der Zeil, die sich in den Gründerjahren zur belebten Geschäftsstraße entwickelte. Immer mehr Palais mussten dort den Warenhäusern weichen. "Electrische Bahnen sausen mit tosendem Lärmen und schrillem Gepfeife vom Morgengrauen bis spät in die Nacht, - stören des Menschen Ruhe und eigenes Denken, vertreiben uns aus dem Elternhause."

Das neue Grundstück an der Forsthausstraße (heute Kennedyallee) sollte sie für den Verlust entschädigen. Am westlichen Rand Sachsenhausens, wo um 1900 direkt am Stadtwald eine Villenkolonie entstand, erwarben sie rund 125.000 Quadratmeter mit herrlichem Baumbestand.

Was die Gestaltung des Neubaus betraf, so wollte man außen wie innen am Bewährten festhalten. Das 1795 errichtete Mumm-Haus auf der Zeil, herrschaftlich wie ein Palazzo der italienischen Hochrenaissance, gab den Stil vor. Den Entwurf lieferte Aage von Kauffmann, ein Freund der Familie. Der dänische Architekt hatte sich in Frankfurt mit großbürgerlichen Villen einen Namen gemacht.

Posieren mit Wagen und Hund: die Familie Mumm legte Wert auf Repräsentation 
© Staedtisches Archiv, Frankfurt am Main
Posieren mit Wagen und Hund: die Familie Mumm legte Wert auf Repräsentation

Spolien vom Altbau dokumentierten das Traditionsbewusstsein: Von Kauffmann integrierte die Schmuckreliefs mit Muscheln und Füllhörnern in die mit gelbem Kalkstein verblendete Fassade. Die Symbole des Überflusses passten jetzt besser denn je, wo man den wirtschaftlichen Aufstieg mit einer noch imposanteren Villa krönte. Das Mummsche Wappen fand seinen Platz im Giebeldreieck über dem Mittelrisalit, flankiert von zwei weiblichen Figuren. Die Pilaster und Halbsäulen der Schauseite sowie die feine Bänderrustika verleihen dem mit sechs Terrassen versehenen Gebäude die Eleganz einer villa suburbana.


Im Dezember 1903, nach weniger als zwei Jahren Bauzeit, konnte das Ehepaar Mumm mit sieben Kindern und über 20 Dienstboten an der Forsthausstraße einziehen. Mehr als 70 Zimmer standen ihnen nun zur Verfügung, vom Ballsaal bis zum Billardzimmer gab es genügend Raum für Repräsentation und Zerstreuung. Die Ausstattung war neoklassizistisch-pompös: Für das Vestibül und die Säle im Hochparterre wurden feinste Materialien wie Marmor und Stuckmarmor verwendet, Gemälde schmückten Wände und Decken. Darunter für die Bibliothek eine Kopie von Guido Renis berühmtem Deckengemälde "Aurora" (1613/14) aus dem römischen Casino Rospigliosi, mehrere Gemälde von Peter Cornelius, die im Ballsaal hingen, sowie Historienbilder von Norbert Schrödl für das großzügige Treppenhaus. Noch heute sind technische Raffinessen zu bewundern: So lassen sich die Fensterläden mit einem Schiebemechanismus seitlich im Mauerwerk versenken.

Das Treppenhaus ist seiner Historiengemälde beraubt 
© ML Preiss
Das Treppenhaus ist seiner Historiengemälde beraubt

Der Champagnerbaron hatte allerdings nicht lange Freude am neuen Domizil. Herrmann von Mumm erlag 1904 einem Schlaganfall. Die "Königin von Frankfurt", wie seine Gattin Emma im Volksmund genannt wurde, residierte fortan allein. Der Erste Weltkrieg setzte den glanzvollen Zeiten bald ein Ende. Die Mumms wurden von den Franzosen enteignet und durften nur noch deutschen Sekt produzieren. Ohne den lukrativen Besitz in der Champagne konnten sie ihren luxuriösen Lebensstil nicht aufrechterhalten. Emma Mumm von Schwarzenstein zog sich in den Rheingau zurück und lebte bis zu ihrem Tod 1922 auf dem Landsitz der Familie in Johannisberg. 1937 wurde die Sachsenhäuser Villa an die Stadt Frankfurt verkauft.

Lange Zeit nahm man an, dass sich die Gestapo nach 1933 in der Villa Mumm eingerichtet hatte. Jüngste Archivrecherchen, an denen unter anderem ein Mitglied des Ortskuratoriums Frankfurt am Main der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beteiligt ist, haben jedoch die Berichte einer Zeitzeugin bestätigt, dass die Deutsche Wehrmacht Behörden und Schulungseinrichtungen in dem Gebäude unterhielt. Im Bunker, der unter einem Teil des Gartens gebaut wurde, verweisen noch heute Einbauten für Luftschutzeinrichtungen auf dieses düstere Kapitel der Geschichte. 1945 übernahmen die Amerikaner das im Krieg beschädigte Haus. Vier Jahre später wollte man noch einmal an dessen schillernde Vergangenheit anknüpfen: Bei der Bewerbung Frankfurts um den Sitz der Bundesregierung war die Villa Mumm für den Bundespräsidenten vorgesehen. Fast hätte "Papa Heuss" die "Königin von Frankfurt" beerbt. Stattdessen zogen die Oberpostdirektion und die Organisation Gehlen, aus der der Bundesnachrichtendienst hervorgegangen ist, hier ein.

Seit Mitte der fünfziger Jahre nutzt das Institut für Angewandte Geodäsie, heute Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, das Gebäude. Für die wachsende Behörde wurden 1980 in Sichtweite der Villa weitere Bürokomplexe errichtet. Deren einfallslose Betonarchitektur könnte keinen herberen Kontrast zu dem Palais des Champagnermillionärs bilden. Ein großer Teil des ursprünglichen Parkgeländes ist mittlerweile mit Einfamilienhäusern bebaut.

Auch wenn moderne Büromöbel Fremdkörper bleiben - der Marmorsaal ist der beeindruckendste Raum der Villa. 
© ML Preiss
Auch wenn moderne Büromöbel Fremdkörper bleiben - der Marmorsaal ist der beeindruckendste Raum der Villa.

Nicht nur der Zweite Weltkrieg, dem vor allem die Wandgemälde zum Opfer fielen, auch die späteren Umbaumaßnahmen hinterließen ihre Spuren an der Villa. Decken wurden abgehängt, Wände überstrichen und Fußböden erneuert. Statt über Marmor und Parkett zu schreiten, erledigte man die Amtsgänge auf Linoleum.

Zu Beginn der 1990er Jahre ist die Villa Mumm aufwendig saniert worden. Sie erhielt ein neues Dach, und die Fassade wurde gereinigt. Im Inneren hat man die ursprünglichen Zimmergrundrisse wiederhergestellt und in den wichtigsten Räumen das historische Dekor zum Vorschein gebracht beziehungsweise rekonstruiert. Im sogenannten Marmorsaal, früher Bibliothek, wurde der Marmorstuck in vorbildlicher Handwerkstechnik erneuert und das Deckengemälde nach Reni ergänzt.

Zwar mussten die Denkmalpfleger einige Zugeständnisse an das Budget hinnehmen, doch die Villa Mumm hat viel von ihrem alten Charme zurückgewonnen; nicht zuletzt auch dank der überaus aufgeschlossenen Haltung der Eigentümerin zum Denkmalschutz. Im Festsaal, der wieder mit Stuck und Blattgold bezaubert, finden zweimal im Jahr Konzerte statt. Auch als Filmkulisse wurde der imposante Bau schon in Szene gesetzt. Wer Gelegenheit hat, das Denkmal zu entdecken, dem wird sein Wert schnell bewusst - denn so viele original erhaltene Gründerzeitvillen hat Frankfurt nicht mehr zu bieten.

Bettina Vaupel