Schlösser und Burgen Gärten Menschen für Denkmale April 2009

Denkmalkultur für Feingeister

Wege durch das Land

Es ist ein sprödes Land. Sagt man. Eine eher stille Gegend. Vielleicht ist das so. Aber jedes Jahr im Sommer blühen in Ostwestfalen-Lippe ungeahnte Schätze auf: Wenn sich Landschaft und Denkmale mit Literatur und Musik vereinigen und einer treuen Anhängerschaft jenseits jeder Hektik Kulturmomente der feinen und behutsamen Art schenken - und das seit zehn Jahren.

"von überall äugelt die Blume die Sonne"
(Friederike Mayröcker über Schloss Wendlinghausen)

36 Kinderbeine stapfen die Treppe hoch. Die Wendeltreppe bis zum zweiten Geschoss geht sich noch zügig und ohne Probleme, danach wird es kniffliger: Die letzte Stiege - eng und unglaublich krumm - erfordert alle Aufmerksamkeit, dann ist der Dachboden von Schloss Wendlinghausen im lippischen Dörentrup erreicht. Dabei sollten die 6- bis 12-Jährigen auf dem Weg nach oben auch noch kluge Überlegungen anstellen, darüber nämlich, wie das Pferd einst auf den Kirchturm gekommen ist. Das Pferd des Freiherrn von Münchhausen, das er damals Mitte des 18. Jahrhunderts in einem tiefverschneiten Winterabend vermeintlich an einen Baum angebunden hatte und das am Morgen an der Kirchturmspitze hing. Vielleicht hat nicht jedes der Kinder über einer solch verzwickten Frage brütend bewusst die fast 400 Jahre alten Flure mit den dicken Dielen registriert. Tief in ihrem Inneren aber wird die verschwiegene Atmosphäre, die alten Gemäuern so eigen ist, Spuren hinterlassen haben.

Abenteuergeist am Fuße des Wendlinghausener Wendelsteins. 
© R. Rossner
Abenteuergeist am Fuße des Wendlinghausener Wendelsteins.

Zuvor hatte die Gruppe sich im Gewölbekeller kennengelernt, der trotz schönstem Frühsommerwetter klamm und nur durch Kerzenschein erleuchtet war. Und spätestens der riesige Dachboden - dunkel, geheimnisvoll und verstaubt -, auf dem sich das Rätsel mit dem Pferd und dem weggetauten Schnee löst, wird allen in Erinnerung bleiben. Schon allein, weil der berühmte Geschichtenerzähler Münchhausen, dessen Ahne Anfang des 17. Jahrhunderts dieses Schloss gebaut hat, der Legende nach oft hier zu Gast gewesen ist und aus seinem 12-Liter-Glas fleißig dem roten Punsch zugesprochen haben soll.

Die Kinder forschen im Laufe des Abends den Lügengeschichten auch im sommerlichen Schlosspark nach und haben dabei ganz praktische Aufgaben zu lösen. Zum Beispiel: Wie viele Kugeln, ähnlich der, auf der Münchhausen in die belagerte Stadt hineinflog, finden sich auf den Rollgiebeln des Schlosses wieder?

Währenddessen sitzen die Erwachsenen in der Scheune des Schlosses Wendlinghausen und lauschen dem Schauspieler Tobias Moretti, der augenzwinkernd und kammermusikalisch begleitet die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen vorträgt. In der Pause hatten sie entspannt im Hof der Schlossanlage gestanden, die friedliche Atmosphäre genossen, das Schloss im Weserrenaissancestil inmitten der schönen Natur auf sich wirken lassen und vielleicht ein kurzes Gespräch mit den Hausherren gesucht, in dessen Familienbesitz sich der Ort seit 300 Jahren befindet. Es ist wie ein Ankommen auf dem Land, eine Art von Zeitver­zögerung. Ganz im Sinne der Organisatoren des Literatur- und Musikfestes "Wege durch das Land", in dessen Rahmen der Abend im Juni 2008 stattfand und der damit einer von rund zwanzig in jenem Sommer war.

Kunstgenuss vor Weserrenaissance: Schloss Wendlinghausen im lippischen Dörentrup, erbaut 1613–16 von Hilmar d. J. von Münchhausen, gilt seit den Tagen des Lügenbarons als erprobter Gastgeber. 
© R. Rossner
Kunstgenuss vor Weserrenaissance: Schloss Wendlinghausen im lippischen Dörentrup, erbaut 1613–16 von Hilmar d. J. von Münchhausen, gilt seit den Tagen des Lügenbarons als erprobter Gastgeber.

Und ganz im Sinne der Hausherren, Elisabeth und Joachim von Reden. Sie sind glücklich, wenn sie ihr Anwesen öffnen können, denn genug haben sie in den letzten Jahren in dessen Erhaltung investiert. Eine Bronzetafel neben dem Wendelstein zum Kellergewölbe zeugt davon, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Jahre 2000 und 2002 zusammen mit der Lotterie GlücksSpirale und weiteren Geldgebern hat helfen können, die Alterserscheinungen des betagten Gebäudes in den Griff zu bekommen. Aber Steinkonservierung und Restaurierung sind das eine, die angemessene Nutzung eines Baudenkmals ist oftmals die weitaus schwierigere Aufgabe, die es zu lösen gilt. Ein Glücksfall, wenn Schlösser noch bewohnt und nicht nur von Tagesbesuchern entlang dicker Absperrkordeln durcheilt werden.

Blick an einem der Zwerchhausgiebel vorbei auf die Wirtschaftsgebäude von Wendlinghausen, inklusive der "Kunstscheune" 
© R. Rossner
Blick an einem der Zwerchhausgiebel vorbei auf die Wirtschaftsgebäude von Wendlinghausen, inklusive der "Kunstscheune"

Ein noch größerer Glücksfall, wenn die Besitzer sich mit Herz und Seele engagieren und der Kultur Einzug gewähren. Auch und vor allem der zeitgenössischen wie der von Tobias Rehberger oder Louise Bourgeois etwa, die hier im Schlosspark schon Installationen aufbauten. Die von Redens sind sehr froh, dass "Wege durch das Land" seit dessen Premiere vor nunmehr zehn Jahren regelmäßig Station auf Schloss Wendlinghausen macht.

"Als hügelte es sich immer so weiter, ein Rhythmus wie die Verse." 
(Else Lasker-Schüler)

Elegant, aber nicht zu förmlich sollen die Veranstaltungen von "Wege durch das Land" sein, dabei weder den Genuss noch die Nachdenklichkeit vernachlässigen. Autorenlesungen und Literaturfestivals haben in den letzten Jahren einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Dabei sind einige Veranstaltungen zu krachenden Spektakeln mutiert. "Wege durch das Land" kann sich hingegen rühmen, eines der stimmigsten zu sein. Behutsam und sehr durchdacht werden an außergewöhn­lichen Plätzen in Ostwestfalen-Lippe Landschaft und Ort mit Literatur, Musik, Tanz, Performances und den anderen Schönen Künsten zusammen­gebracht. Wobei die bekannten baukulturellen Höhepunkte wie die Klöster Corvey und ­Dalheim, die diversen Schlösser und Gutshöfe oder die Häuser, in denen sich Annette von ­Droste-Hülshoff aufhielt, natürlich auch ein­­bezogen werden.

Laubengang am Schloss Bökerhof in Brakel-Bökendorf. Hier traf sich Annette von Droste-Hülshoff auf dem Anwesen ihres Onkels mit Dichtern wie Clemens Brentano und den Brüdern Grimm. 
© R. Rossner
Laubengang am Schloss Bökerhof in Brakel-Bökendorf. Hier traf sich Annette von Droste-Hülshoff auf dem Anwesen ihres Onkels mit Dichtern wie Clemens Brentano und den Brüdern Grimm.

Die Intendantin und Initiatorin Dr. Brigitte Labs-Ehlert vom Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe e. V. liest sich dafür im wörtlichen Sinne in die Landschaft zwischen Weser, Teutoburger Wald und den Mindener Mooren ein. "Landschaft und Gebäude bleiben solange stumm, solange man sich nicht mit ihnen auseinandersetzt", sagt Labs-Ehlert, die immer wieder die feinsinnigsten und überraschendsten Zusammenhänge zwischen der Weltliteratur und Westfalen findet. "Jede Landschaft spricht anders." Eine Natur, die Else Lasker-Schüler in ihrem Künstlerfreund Peter Hille, im ostwestfälischen Erwitzen geboren, wiederfand: Er gehe so wie die Landschaft, so schwingend, so sanft. Als hügelte es sich immer so weiter.

Die Sensibilität, mit der die Geschichte der ­Orte - darunter auch schon mal ein Truppen­übungsplatz - mit der Gegenwart und der Kunst verbunden wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr: Nicht nur immer mehr Besucher machen sich im Sommer auf nach Ostwestfalen-Lippe, auch die renommiertesten Künstler, Schauspieler wie Musiker, treffen sich im weiten Land mit den oft verborgenen gebauten Kostbarkeiten. Die Städter treten den Auszug auf das Land an, auf den Spuren von Rainer Maria Rilke und Friedrich Hölderlin.

"Dort drüben in Westphalen mein ehrlich Meister" 

(Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin hielt sich 1796 für mehrere Wochen in Bad Driburg auf. Dort hatte die Familie von Sierstorpff in Konkurrenz zum nahen Bad Pyrmont ein Kurbad eingerichtet. Die Reise ist in sein Werk eingegangen. Hölderlin wähnte sich hier in "heroischer Landschaft", denn nicht weit vom Kurbad befindet sich der Knochenberg, und hier soll die Varusschlacht stattgefunden haben - so nahm man damals an.

"Ach! Wehe mir! Es waren schöne Tage". Hölderlin war ­glücklich im Driburger Kurbad. Man kann es verstehen. 
© R. Rossner
"Ach! Wehe mir! Es waren schöne Tage". Hölderlin war ­glücklich im Driburger Kurbad. Man kann es verstehen.

"In unserem Bade lebten wir sehr still, (...) wohnten unter herrlichen Bergen und Wäldern. (...) Was Dich besonders freuen wird, ist, dass ich sagen kann, dass wir wahrscheinlich nur eine halbe Stunde von dem Thale wohnten, wo Herrmann die Legionen des Varus schlug", schrieb Hölderlin an seinen Bruder. Er war der Faszination des Au­thentischen erlegen, das ja das Wesentliche von Orten der Geschichte ausmacht - in diesem Fall allerdings des vermeintlich Authentischen, ohne Wissen um die wissenschaftlichen Kämpfe, die wegen genau dieser Frage einmal ausgetragen werden würden.

"Ich sah hinab und leise schauerte/Mein Herz, und bei den Starken war mein Sinn,/Den Guten die hier unten vormals lebten." (aus: Emilie vor ihrem Brauttag). So wie Hölderlin einst über den Knochenberg "im Land des Varustals" wanderte und sich ob der Vorstellung am vergangenen Wirklichen ergriffen fühlte, spazieren wir heute durch den Gräflichen Park Bad Driburg und stellen uns einen endlich einmal glücklichen Hölderlin mit seiner Susette Gontard vor.

Uwe Bohm, Brigitte Labs-Ehlert und Angela Winkler bereiten die Hölderlin-Lesung in Driburg vor. 
© R. Rossner
Uwe Bohm, Brigitte Labs-Ehlert und Angela Winkler bereiten die Hölderlin-Lesung in Driburg vor.

In den letzten Jahren ist in der Kuranlage, die noch immer im Besitz der Familie ist, ein Hotel der Luxusklasse entstanden. Das Fingerspitzengefühl dabei hat den Geist des Lyrikers bewahren können. Lesen hier Schauspieler wie Angela Winkler und Uwe Bohm Hölderlins Verserzählung, dann sind es nicht nur die Blankverse, die die Herzen der Zuhörer erreichen. Es ist die Verbindung vom Ort mit der Literatur, vom Denkmal mit der historischen Person. Es ist letztendlich Denkmalpflege als hochkultureller Akt: nämlich nicht nur als Erhaltung von Baukunst, sondern als Geschichts­erinnerung. Bauwerke bleiben die dichtesten Orte der Erinnerung. Peter Hille wird auf Gut Holzhausen vorgetragen, eine Installation belebt die Straßen von Rietberg, Bruno Ganz liest in der Abtei Marienmünster: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sieht gerne auf solche Weise die Seele ihrer Förderprojekte in Szene gesetzt.

"Großes Geheimnis, große Leidenschaft,  große Freude immer wieder."

(Peter Zumthor bei einem Vortrag in Schloss Wendlinghausen 2003)

Die Sprache Zumthors, die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel bei Euskirchen. Ein Monolith, auf den ersten Blick wie hineingeworfen in die Landschaft und dennoch alles andere als deplaziert. 
© pp/Agentur Profipress
Die Sprache Zumthors, die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel bei Euskirchen. Ein Monolith, auf den ersten Blick wie hineingeworfen in die Landschaft und dennoch alles andere als deplaziert.

Trotz der hohen Kunst der kultivierten Vergangenheit: "Wege durch das Land" ist fest in der Gegenwart verankert. Auftragsarbeiten werden an Schriftsteller und Künstler vergeben, die Literatur wird fortgeschrieben. Und doch, meint Brigitte Labs-Ehlert, es fehle etwas: zeitgenössische Landmarken. Seit über zehn Jahren schon denken sie und ihre Mitarbeiter um das Projekt "Poetische Landschaft" herum. Künstler wurden eingeladen, über die Landschaft zu dichten. Gedichthäuser sollen die Ergebnisse visualisieren. Der Architekt Peter Zumthor, bewundert für seine durchdachte Ästhetik, berühmt für sein Feingefühl im Umgang mit Materialien, sich selbst als angewandter Künstler sehend, konnte für das Projekt begeistert werden. Modelle der Poesie-Häuser - und zusätzlich für ein Audito­rium und für eine Bibliothek der Landschaft - existieren bereits. Die Idee ist, gemeinsam eine zweite, eine imaginäre Landschaft über die ­Hügel und Weiten von Ostwestfalen zu weben. Allein - und hiermit wird es zutiefst prosaisch: Es fehlt das Geld.

Anschauungsmaterial, wie es einmal sein könnte mit den Poesie-Häusern, findet man im Süden des Bundeslandes: In Wachendorf bei Euskirchen in der Eifel steht seit 2007 die Bruder-Klaus-Kapelle, vom örtlichen Landwirt in wochenlanger dörflicher Handarbeit gemeinsam mit Zumthor errichtet. Das kleine Bauwerk ist mit dem Moment seiner Fertigstellung ein Denkmal geworden, die Gegenwart hat die Zukunft bereits eingeholt. Der Besucherstrom reißt nicht ab, Hunderte sind schon den unspektakulären Acker, auf dem die Kapelle steht, hinaufgestiegen. Beseelte Gesichter verlassen das so einfache wie raffinierte Gebäude. Kaum einer aber weiß, dass in diesen Bau viel von den Schwingungen und Gedanken der ostwestfälischen Poetischen Landschaft, viel von den dortigen Stunden gemeinsamen Nachdenkens und Nachspürens eingeflossen ist.

"Wege durch das Land" 2008 im Park von Wendlinghausen 
© R. Rossner
"Wege durch das Land" 2008 im Park von Wendlinghausen

Dieses Jahr wird in Wendlinghausen - im Rahmen der 10. Ausgabe des ­Literatur- und Musikfestes - der im Januar dieses Jahres verstorbenen Inger Christensen gedacht. Die dänische Lyrikerin gehört zu den Dichterinnen und Dichtern, für die es schon einen der Zumthorschen Poesie-Haus-Entwürfe gibt. Die hügelige Landschaft Ostwestfalens erinnerte sie an ihr heimatliches ­Jütland.  

So spinnen sich die Fäden. Sprachspuren flechten sich von Gegend zu Gegend, Sedimente von Geschichte lagern sich ab, Landschaften werden zu Erzähltem: Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft suchen sich Wege durch das Land - in Steinen, in Worten und in Gedanken.

Beatrice Härig

Zum Weiterlesen:

Ein Interview mit Joachim von Reden über Schloss und Gut Wendlinghausen lesen Sie

Das 10. Literatur- und Musikfest wird am 21. Mai 2009 in Detmold mit einer "Himmelfahrt und westfälischen Erdenreise" eröffnet und in Bad Oeynhausen mit einem literarischen Sommerfest beendet.

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