Schlösser und Burgen Menschen für Denkmale April 2009

Ein brandenburgisches Gutshaus braucht Ihre Hilfe

Ferien auf Zernikow

Da bin ich einen Tag in Zernikow gewesen,wo ich glückliche Tage der Kindheitin Vergleich mit den übrigen zubrachte,wo ich mein erst poetisch Werk schriebund vielerlei in aller Einsamkeit lernte".Achim von Arnim an Bettine,4. September 1819

Der preußische König Friedrich II. mochte es nicht, wenn seine engen Vertrauten heirateten. So war es ein mühsames Unterfangen, die Einwilligung für die Hochzeit seines Geheimen Kämmerers Michael Gabriel Fredersdorff mit der Bankierstochter Carolina Maria Elisabeth Daum zu bekommen. Der nicht ganz gesunde Bräutigam griff daher 1753 zu einer List: Er schrieb seinem König, dass er durch diese Ehe zu genesen hoffe. Friedrich willigte schließlich ein, und nur 24 Stunden später wurde Hochzeit gefeiert, damit es sich der König nicht wieder anders überlegen konnte. "So war das Krankenlager der Eingang einer Ehe, in welcher meine Großmutter (...) unter so seliger Freiheit, Übereinstimmung und innerer Heiterkeit drei Jahre, bis er nach vielen Leiden verschied, gelebt hat, dass sie nach ihrem Tode nur an der Seite dieses geliebtesten unter ihren Männern im Sarge ruhen wollte", schrieb der Dichter Achim von Arnim. Er hatte die unbeschwerten Ferientage bei seiner Großmutter Carolina Maria Elisabeth Labes, geborene Daum und verwitwete Fredersdorff, in Zernikow verbracht.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Sanierung der Kirche und des Gutshauses in Zernikow zusammen mit der GlücksSpirale und weiteren Geldgebern unterstützt. Die Mittel reichten bislang nur zur Außensanierung einer Achse. 
© ML Preiss
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Sanierung der Kirche und des Gutshauses in Zernikow zusammen mit der GlücksSpirale und weiteren Geldgebern unterstützt. Die Mittel reichten bislang nur zur Außensanierung einer Achse.

Friedrich war noch Kronprinz, als er Fredersdorff 1730 in Küstrin kennenlernte, wohin ihn sein Vater nach dem gescheiterten Fluchtversuch verbannt hatte. Das geliebte Flötenspiel war ihm dort zwar verboten, aber er traf sich heimlich mit dem Militärmusicus Fredersdorff, um dieser Leidenschaft nachzugehen. Es entwickelte sich ein enges Vertrauensverhältnis zwischen den beiden, und als Friedrich 1740 preußischer König wurde, machte er Fredersdorff - dieser wurde von Voltaire als "grand factotum du Roi Frédéric" bezeichnet - zum Geheimen Kämmerer und schenkte ihm das Rittergut Zernikow.

"Er fand eine vernachlässigte Sandscholle vor und hinterließ ein wohlkultiviertes Gut, dem er teils durch Anlagen aller Art, teils durch Ankauf von Wiesen und Wald das gegeben hatte, dessen es zumeist benötigt war", notierte Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

Ab 1746 ließ Fredersdorff durch den märkischen Oberbaudirektor Christian Friedrich Feldmann (1706-65) - einem Schüler Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffs - ein siebenachsiges und zweigeschossiges Gutshaus errichten. Die Steine wurden in der Ziegelei des Guts hergestellt. Nicht nur bei der Dekoration der Innenräume orientierte sich Fredersdorff an den Vorlieben seines Königs. Er ließ sich von ihm außerdem zur Seidenraupenzucht inspirieren. Friedrich II. hatte dazu aufgerufen, um Preußen von teuren ­Seidenimporten unabhängig zu machen. Weil sich Seidenraupen ausschließlich von Blättern des Maulbeerbaums ernähren, ließ Fredersdorff 1747 eine aus 8.000 Bäumen bestehende Plantage anlegen und erzielte ein Jahr später einen ersten, wenn auch bescheidenen Gewinn.

Die Decke des Gartensaals im Zernikower Gutshaus droht herabzustürzen. Bis 1945 befanden sich an den Wänden dieses Raums Malereien des Dichters Achim von Arnim und seines älteren Bruders. 
© ML Preiss
Die Decke des Gartensaals im Zernikower Gutshaus droht herabzustürzen. Bis 1945 befanden sich an den Wänden dieses Raums Malereien des Dichters Achim von Arnim und seines älteren Bruders.

Mit dem Erbe seiner vermögenden Frau vergrößerte und verschönerte Fredersdorff Gut und Dorf Zernikow. Seine Gesundheit aber ließ sich auch durch die sehr glückliche Ehe nicht wieder herstellen, und so blieben dem Paar nur wenige gemeinsame Jahre. Fredersdorffs früher Tod 1758 ist wohl auf das Experimentieren mit Quecksilber zur Herstellung von Gold zurückzuführen. Fried­rich II. hatte immer wieder auf die Gefahren hingewiesen. So auch 1753, als er das "Rezept zum Goldmachen" seines Kämmerers mit den Worten zurückschickte: "Ich danke Dihr vohr Deine Schöne Sachen; ich Schike Dihr alles zurüke. gesundtheit ist besser, wie alle Schätze der Welt. flege Dihr erst, daß Du besser wirst, dann Könen wihr goldt und Silber Machen."

Carolina Maria Elisabeth heiratete 1760 Johann Labes, der später geadelt wurde, und beide setzten die Arbeiten in Zernikow fort. 1777 wurde auch die unweit des Guts gelegene Kirche prächtig ausgeschmückt, und in dem Dorf entstanden soziale Einrichtungen, darunter ein Hospiz für alte und arbeitsunfähige Angestellte.

Nach dem Tod des Ehepaars Labes und der direkten, aber kinderlosen Erben, gelangte das Gut Zernikow 1861 in den Besitz der sechs noch ­lebenden Kinder von Bettine und Achim von ­Arnim. Ihr Enkel Erwin übernahm es 30 Jahre später, ließ eine achte Achse an das Gutshaus bauen, errichtete eine Brennerei sowie ein Sägewerk und gründete eine Dorfschule. Sein Sohn Friedmund machte aus der Anlage ein land- und forstwirtschaftliches Mustergut. 1945 gelangten seine Frau Clara und die sechs Kinder auf gefahrvollen Umwegen in den Westen. Friedmund von Arnim wurde nach Russland verschleppt, wo er im ­Januar 1946 starb.

In ihrer Autobiographie "Der grüne Baum des Lebens. Erinnerungen einer märkischen Gutsfrau" erzählt Clara von Arnim über ihre Zeit in Zernikow, aber auch über die Zustände nach dem Krieg. "Als ich 1974 Zernikow zum ersten Mal wieder besuchte", schreibt sie, "wohnten nicht weniger als siebzehn Flüchtlingsfamilien im Gutshaus. Durch die extreme Beanspruchung waren sämtliche Öfen geplatzt. (...) An den Wänden des Ess­zimmers mit der vom Dichter Ludwig Achim gemalten Tapete war hoch hinauf Holz gestapelt, der obere Saal mit Brettern in vier Räume aufgeteilt. (...) Im Badezimmer hatte man einen Putenstall eingerichtet."

Nach der Wiedervereinigung engagierte sich Familie von Arnim in der "Initiative Zernikow e. V." und finanziell auch für das verwahrloste Gutshaus. Es wurde zunächst gesichert und erhielt seine ursprüngliche Raumaufteilung zurück. Das Gut ist heute im Besitz der Strukturentwicklungsgesellschaft AQUA Zehdenick, des Amts Gransee und der Gemeinde Großwoltersdorf, zu der das kleine Dorf Zernikow gehört. Der "Initiative Zernikow e. V." ist es zusammen mit diesen Institutionen gelungen, die Anlage mit verschiedenen Veranstaltungen zu beleben. Neben Vorträgen, Ausstellungen und Lesungen ziehen zwei Feste in den Sommermonaten immer mehr Besucher in das Dorf: das Maulbeerfest und das Ritterfest, das an die Zeit erinnert, als der "angesehene Ritter" ­Joachim von Zernikow dort wirkte.

Die Schulferien verbrachte Achim von Arnim bei seinen Großeltern in Zernikow. Eine Ausstellung im Gutshaus erinnert an diese Zeit. 
© ML Preiss
Die Schulferien verbrachte Achim von Arnim bei seinen Großeltern in Zernikow. Eine Ausstellung im Gutshaus erinnert an diese Zeit.

Mit der Sanierung des Guts wurde ebenfalls begonnen. Zunächst widmete man sich der Kirche, dem Fredersdorffschen Erbbegräbnis und dem barocken Verwalterhaus, in dem eine Gutsschänke, eine kleine Ausstellung zur Seidenraupenzucht und zwei Ferienwohnungen untergebracht sind. Weitere Zimmer stehen im umgebauten Teil des Rinderstalls zur Verfügung. Sie werden gerne von Gästen gemietet, die auf dem nahegelegenen Fernradweg Berlin-Kopenhagen unterwegs sind.

Das Obergeschoss des Gutshauses wird vom Vestibül aus durch diese Treppe erschlossen. 
© ML Preiss
Das Obergeschoss des Gutshauses wird vom Vestibül aus durch diese Treppe erschlossen.

Bislang reichten die Mittel nicht aus, um die kostspielige Gesamtsanierung des Gutshauses zu bewältigen. Der Gewölbekeller, der noch von ­einem Vorgängerbau stammt, wurde jedoch restauriert, so dass dort nun standesamtliche Trauungen und die immer beliebter werdenden Ritterhochzeiten stattfinden können. Im Obergeschoss des Gebäudes richtete man in den unsanierten Räumen eine Ausstellung über das Leben, das frühe Werk und die naturwissenschaftlichen Neigungen Achim von Arnims ein.

Man hätte die Sanierung des Gutshauses gerne zum 300. Geburtstag und 250. Todestag Michael Gabriel Fredersdorffs im letzten Jahr zum Abschluss gebracht. Die Mittel reichten aber nur zur Restaurierung des Mittelrisalits. Sollte diese Maßnahme nicht umsonst gewesen sein, müssen die Arbeiten dringend weitergehen. Wir bitten Sie daher, liebe Leserin und lieber Leser, helfen Sie mit, das Gutshaus in Zernikow zu retten, in dem Achim von Arnim die glücklichen Tage seiner Kindheit verlebte.

Carola Nathan

Literaturtipps:
Besprechungen von Publikationen zu Herrenhäusern und Parks in Brandenburg finden Sie in unserer Rubrik Bücher

Clara von Arnim: Der grüne Baum des Lebens. Erinnerungen einer märkischen Gutsfrau. Vergriffen. Erhältlich z. B. beim Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher Freundeskreis Schlösser und Gärten der Mark (Hg.): Schloss Zernikow. 1996.

Kopfgrafik - Bild links: Maulbeerbaumallee (c) Thomas Loewe

Weitere Infos im WWW:

www.gut-zernikow.de

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5 Kommentare

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    Mandy Koch schrieb am 21.03.2016 11:38 Uhr

    Ich lese gerade das Buch "Der grüne Baum des Lebens". Es gefällt mir sehr gut, da es mir nicht nur Bettine von Arnim näher gebracht hat, sondern weil es vor allem ein breites geschichtliches Panorama umfasst. Durch dieses Buch bin ich auf Ihre Seite gestoßen und freue mich hier zu lesen, dass versucht wird, Geschichte zu erhalten. Ich werde meinen kleinen Beitrag dazu beisteuern.

    Auf diesen Kommentar antworten
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    Hans Eschler schrieb am 21.03.2016 11:39 Uhr

    Mein Großvater Jakob mit Familie müsste um 1905-1915 auf dem Gut Zernikow als Melker angestellt gewesen sein. Er musste fliehen, weil er eingezogen werden sollte. So hat er es mir als kleinem Bub erzählt. Gibt es vieleicht noch Unterlagen?

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    Ursula Wedler schrieb am 21.03.2016 11:40 Uhr

    "Den grünen Baum des Lebens" lese ich mittlerweile zum dritten Mal und habe mir nun fest vorgenommen die Schauplätze des Buches zu besuchen. Die Autorin hat ihre frühe Kindheit in meiner Heimatstadt verbracht und bei noch gut erhaltenen alten Villen jenseits der Wilhelmshöher Alle denke ich so oft ... ob sie wohl hier gelebt hat?

    Das Buch sollte verfilmt werden.

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    HEINZ-WERNER FREYBERG schrieb am 21.03.2016 11:40 Uhr

    Ich habe das Buch von Clara von Arnim gelesen und bin sehr beeindruckt. Deshalb habe ich Ihren Artikel heruntergeladen, um mehr über Zernikow zu erfahren. Es ist schön, dass man den alten Zustand wiederherstellt. Das Buch von Clara von Arnim sollte übrigens neu aufgelegt werden.

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    Dr. von Arnim schrieb am 21.03.2016 11:41 Uhr

    "Die Mittel reichten bislang nur zur Außensanierung einer Achse." heißt es hier in dieser Web-Seite. Doch es waren nicht Mittel der Stiftung. Ich will nicht unbescheiden sein, aber es waren Gelder von der kürzlich (Mai 2009) verstorbenen Clara und von mir, die diese Aussensanierung möglich machten. Die Fertigstellung der hofseitigen Fasade war nur durch Mittel der Stiftung möglich. Dafür bin ich sehr dankbar!

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