Städte und Ensembles

Entwürfe für ein menschliches Wohnen

Städtebau mit Notbremse

Der Städtebau im 20. Jahrhundert wird vorwiegend von drei Tendenzen geprägt: von der Entmischung der Stadtfunktionen, dem Übergang von der Blockbebauung zum Zeilenbau und dem Versuch, den immer stärker wachsenden Verkehr zu bewältigen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs enthielten die historischen Stadtzentren alle Funktionen: Wohnen, Arbeiten, Handel, Verwaltung und Kultur.

Dieses historische Luftbild von der Sorauer Straße in Berlin-Kreuzberg zeigt, wie sich Hinterhäuser und Werkstätten in den Höfen drängen. 
© Archiv G. Kiesow
Dieses historische Luftbild von der Sorauer Straße in Berlin-Kreuzberg zeigt, wie sich Hinterhäuser und Werkstätten in den Höfen drängen.

Mit der Industrialisierung war aber durch die geräuschvollen und abgasreichen Maschinen das Nebeneinander der Gewerbebetriebe mit den Wohnungen wie zum Beispiel in den engen Hinterhöfen von Berlin-Kreuzberg ungesund und menschenunwürdig geworden. Heinrich Zille stellte die Verhältnisse in seinen Zeichnungen eindringlich dar.


Deshalb strebte der Städtebau schon in den 1920er Jahren die räumliche Trennung von Wohn-, Arbeits- und Erholungsorten an, was in der Charta von Athen zum Ausdruck kommt. Sie entstand 1933 auf dem IV. Internationalen Kongress für neues Bauen als Leitbild für den Städtebau und wurde von Le Corbusier 1941 in veränderter Form veröffentlicht.

Eine bauliche Umsetzung erfuhr die Charta bei der Anlage von Brasilia. Die Hauptstadt von Brasilien wurde in den Jahren 1956-60 unter Präsident Juscelino Kubitschek tief im Inneren des Landes aus dem Boden gestampft. Stadtplaner war Lúcio Costa, Architekt war Oscar Niemeyer. Der Grundriss gleicht einem Flugzeug, denn Brasilia ist wegen der großen Entfernung zu den alten Küstenstädten nur aus der Luft zu erreichen. Im Cockpit erheben sich die Bauten der beiden Parlamente und die Regierungsgebäude, im Rumpf die Kaufhäuser, Hotels und Kultureinrichtungen, in den Super Quadras genannten Tragflächen die Wohnungen.

Brasilia: Regierungsgebäude (links oben), Plan (rechts oben), Wohnviertel (links unten) und Parlamentsbauten (rechts unten) 
© G. Kiesow
Brasilia: Regierungsgebäude (links oben), Plan (rechts oben), Wohnviertel (links unten) und Parlamentsbauten (rechts unten)

Mir erschien bei meinem Aufenthalt in Brasilia 1980 die Stadt als ein so bedeutendes Zentrum für den Städtebau des 20. Jahrhunderts, dass ich bei einem Seminar vorschlug, sie unter Denkmalschutz zu stellen. Das bewirkte bei den Brasilianern nur ein ungläubiges Lächeln, seit 1987 steht die Stadt jedoch auf der UNESCO-Liste des Welterbes. Die räumliche Trennung der Stadtfunktionen Brasilias wurde zum Vorbild für den Wiederaufbau kriegszerstörter Städte in Deutschland, so auch in Hannover durch Rudolf Hillebrecht. Er ordnete die Regierungsbauten rings um den Waterlooplatz, die Banken und Versicherungen um den Ägidientorplatz, die Einzelhandelsgeschäfte rings um den Kröpcke sowie an der Karmarschstraße an, die Reste der historischen Fachwerkbebauung beließ er an der Marktkirche. Wohnungen liegen in der Südstadt und in den neu entstandenen Stadtrandsiedlungen.

Funktionalität und Moderne, Köln 1984 Das Schema zeigt die Entwicklung von der Block- zur Zeilenstruktur bei Wohnvierteln. 
© Mohr/Müller, Funktionalität und Moderne, Köln 1984
Funktionalität und Moderne, Köln 1984 Das Schema zeigt die Entwicklung von der Block- zur Zeilenstruktur bei Wohnvierteln.

Nach dem Ende der Kaiserzeit und des Historismus 1918 strebte die neue Generation von Städtebauern und Architekten die Überwindung der gründerzeitlichen Großstadt an. Zu ihren wichtigsten Methoden gehörte die Auflösung der dichten Blockstrukturen, wie sie in Berlin-Kreuzberg im Luftbild von 1925 zu erkennen sind. An der Sorauer Straße in Kreuzberg vermittelt die Vogelperspektive einen Eindruck von der ungesunden Enge der Hinterhöfe, deren Größe nur noch das Wenden der Feuerwehrspritze garantieren musste.

Das Schema aus der von Ernst May ab 1926 herausgegebenen Monatszeitschrift "Das neue Bauen" gibt stufenweise den Übergang durch die Öffnung der Blocks an den Ecken, einen Rest von Raumbildung durch die Anordnung eines querstehenden Traktes und schließlich den reinen Zeilenbau aus fünf, nach der Sonneneinstrahlung parallel ausgerichteten Reihen wieder. In den geschwungenen Doppelreihen der zweigeschossigen Bebauung der unter Leitung von Ernst May 1927-28 erbauten Römerstadt in Frankfurt ist noch eine gewisse Raumwirkung zu spüren, durch die sorgfältig in das Niddatal eingebetteten Grünanlagen eine angenehme Lockerheit und damit Wohnqualität. Dagegen wirkt die ebenfalls unter Leitung von Ernst May 1929-31 entstandene Siedlung Westhausen erschreckend starr und monoton. Mit ihren nach Süden ausgerichteten neun viergeschossigen Wohnblocks und den um 90 Grad gedrehten, zweigeschossigen Reihenhäusern ist sie stark verdichtet und nimmt die Tendenzen des Massenwohnungsbaus nach dem Zweiten Weltkrieg vorweg.

Für diese Entwicklung steht stellvertretend das Märkische Viertel in Berlin, geplant für 17.000, ausgeführt 1963-1971 mit 15.218 Wohnungen für 35.000 Bewohner. Die übermäßig starke Verdichtung mit nüchternen Hochbauten aus Beton provozierte deutschlandweite Proteste von Planern und Architekturkritikern, wodurch die Wende im Städtebau herbeigeführt wurde. Sie zeichnete sich auf der Internationalen Bauausstellung in Berlin 1979-84 ab, als man in Kreuzberg an der Ritterstraße Nord zur traditionellen Blockrandbebauung zurückkehrte, allerdings ohne Hinterhäuser im Blockinneren, an deren Stelle jetzt Spielplätze und Grünanlagen traten. Die Wende im Städtebau brachte auch die Besinnung auf die Qualitäten historischer Stadtquartiere mit sich, bei deren Sanierung man in der Baupolitik von Bund und Ländern vom Flächenabriss aller Altbauten zur "Erhaltenden Erneuerung" und damit zum städtebaulichen Denkmalschutz überging. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 trug erheblich zum Bewusstseinswandel zugunsten des historischen Bauerbes bei.

Historische Luftbilder der von Ernst May geschaffenen Frankfurter Siedlungen Römerstadt und Westend 
© Archiv G. Kiesow
Historische Luftbilder der von Ernst May geschaffenen Frankfurter Siedlungen Römerstadt und Westend

Die Entwicklung des Verkehrs hatten die Stadtplaner beim Artikel 60 der Charta von Athen unterschätzt, als sie formulierten: "Die Verkehrsstraßen müssen ihrem Charakter gemäß klassifiziert werden und entsprechend den Fahrzeugen und ihrer Geschwindigkeit gebaut werden". Hier wird die Begeisterung von Le Corbusier für schnelle Sportwagen erkennbar - er hat bei jedem seiner Entwurfszeichnungen jeweils einen im Vordergrund dargestellt. Die Folge dieses Artikels war der Bau von Schnellstraßen innerhalb der Stadtgebiete, beispielhaft verwirklicht in Hannover, wo ein Ring von vier- bis sechsspurigen Schnellstraßen um die Altstadt gelegt wurde. Dabei baute man die Calenberger Neustadt nicht auf altem Grundriss wieder auf, sondern ersetzte sie durch die weiträumige Gestaltung des "Hohen Ufers" mit der sechsspurigen Straße.

Die Hochhäuser im Märkischen Viertel und die neuere Blockgestaltung in Kreuzberg – beides in Berlin - demonstrieren die Wende im Städtebau seit den 1970er Jahren. 
© G. Kiesow
Die Hochhäuser im Märkischen Viertel und die neuere Blockgestaltung in Kreuzberg – beides in Berlin - demonstrieren die Wende im Städtebau seit den 1970er Jahren.

Man sprach als Ziel des Städtebaus von der autogerechten Stadt und versuchte auch durch Straßenerweiterungen mit dem Abbruch von historischen Bauten dem Verkehr Platz zu verschaffen. Hans Bernhard Reichow hatte diesen Begriff allerdings für die Anlage neuer Wohnsiedlungen am Stadtrand geprägt mit dem Versuch, die Lärm- und Abgasbelästigung der Bewohner durch die Trennung der Verkehrsarten Schnellstraßen, Wohnstraßen und Fußgänger- wie auch Radwege zu den Wohnbauten zu vermindern.

Sechsspurige Schnellstraßen kennzeichnen die Stadt Hannover seit dem Wiederaufbau in den 1950er und 1960er Jahren. 
© D. Laubner
Sechsspurige Schnellstraßen kennzeichnen die Stadt Hannover seit dem Wiederaufbau in den 1950er und 1960er Jahren.

Seit den späten 1970er Jahren ist das Ziel des Städtebaus, den Verkehr den Städten und nicht umgekehrt anzupassen. Dies erreicht man durch Verkehrsberuhigung mit der Sperrung ganzer innerstädtischer Bereiche für auswärtige Kraftfahrzeuge, durch die Privilegierung des öffentlichen Nahverkehrs unter anderem durch Busspuren, durch Anwohnerparken und den Bau von Radwegen. Die Innenstädte sind wieder attraktiv zum Wohnen geworden, die bauliche Entmischung der Stadtfunktionen zugunsten einer Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Verwaltung und Erholung kein Ziel mehr.

Prof. Dr. Dr. E. h. Gottfried Kiesow

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