Landschaften, Parks und Friedhöfe Historismus Gärten August 2008 L

Schüler führen durch die Lindauer Villengärten

Unterrichtsfach "Denkmal"

Es ist eine Szene, wie geschaffen, um das selbsterfundene bayerische Klischee von Lederhose und Laptop in schönster Weise zu bestätigen: Schüler der denkmal aktiv-Projektgruppe vom Lindauer Valentin-Heider-Gymnasium stehen im Park der Villa Lindenhof am Bodenseeufer und zeigen auf ein Schweizerhaus, ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude im ländlichen Stil.

Das Schweizerhaus im Lindenhof-Park wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Gesindehaus gebaut. Hinter der Fassade verbirgt sich eine moderne Nutzung.  
© R. Rossner
Das Schweizerhaus im Lindenhof-Park wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Gesindehaus gebaut. Hinter der Fassade verbirgt sich eine moderne Nutzung.

Hier ist alles schön: Der Park mit seinem grandiosen Alpenpanorama, die Villa selbst, der Bodensee, das schmucke und gepflegte Haus, die zufriedenen Gesichter der Schüler. Was man nicht sehen kann: Hinter den Schnitzereien des Schweizerhauses verbirgt sich ausgefeilte Technik. Der Radiosender Allgäu hat hier seine Lindauer Redaktion. Für die Schüler traf sich das perfekt. So brauchten sie selbst für die technische Ausführung ihres ambitionierten denkmal aktiv-Projekts, nämlich die Tonaufnahmen, dank der Kooperation des Senders das Thema ihrer Arbeit nicht zu verlassen: die Parks am Bodenseeufer.


Oftmals ist man für das Naheliegende blind, betrachtet die Heimat als Selbstverständlichkeit, entdeckt ihre Schönheit erst in späteren Jahren. Die Gymnasiasten in Lindau hingegen sind da schon weiter: "Hier ist es so schön, nicht nur auf der berühmten Insel, sondern auch an anderen Stellen der Stadt, das wollten wir den Leuten bewusst machen. Lindau hat mehr zu bieten als die Altstadt. Der Kulturtourismus muss angekurbelt werden", erzählen die Elft- und Zwölftklässler. Vor allem im Ortsteil Bad Schachen finden sich am Ufer des Bodensees pittoreske Plätze. Die Schüler kennen einige ganz genau: Die Wiese im Lindenhof-Park zum Beispiel ist an Sommerabenden oder am Wochenende beliebt, um sich zu treffen oder ein Bad im See zu nehmen. Der Park ist öffentlich. Die meisten anderen Ufergrundstücke zwischen Insel und Bad Schachen aber sind versteckt und vielen unbekannt - selbst Lindauern, von den vielen Urlaubsgästen ganz zu schweigen.

Das wollten die Schüler vom Valentin-Heider-Gymnasium ändern. Von Beginn an, so erzählen sie, stand die Idee im Raum, im Rahmen des denkmal aktiv-Projekts einen Audioguide und dazu eine kleine Broschüre zu erarbeiten. Mit diesen zeitgemäßen Mitteln sollen Interessierte durchs Land streifen und die Vergangenheit aufspüren: gelenkt, aber dennoch frei vom Zwang geführter Gruppen.

Die "Bayerische Riviera", wie man den Teil des nur zehn Kilometer langen Seeuferstreifens auf bayerischem Boden nicht ohne Grund nennt, ist eher eine Gegend des vornehmen Rückzugs. 1842 entdeckte der im Baumwollhandel höchst erfolgreiche und steinreich gewordene Kaufmann Friedrich Gruber die Attraktivität der Lage und baute die klassizistische Villa Lindenhof, eingebettet in einen herrlichen, von Maximilian Friedrich Weyhe entworfenen Park. Schnell zogen der bayerische Hochadel und weitere Großkaufleute nach, und es entstand bis zur Jahrhundertwende am Lindauer Seeufer eine regelrechte Villen- und Parklandschaft.

Camilla, Marie, Jacob, Anna und Recep – Schüler der Lindauer denkmal aktiv-Gruppe – vor der Villa Lindenhof.  
© R. Rossner
Camilla, Marie, Jacob, Anna und Recep – Schüler der Lindauer denkmal aktiv-Gruppe – vor der Villa Lindenhof.

Die Gebäude und Grundstücke haben bis heute an Reiz nicht verloren. Einige sind hermetisch abgeschottet. Fünf der leichter zugänglichen - öffentliche Anlagen oder zumindest gut einsehbare Grundstücke - haben sich die Schüler für ihre Touren per Hörführer als Schwerpunkte ausgesucht. Von der Villa Leuchtenberg im Osten des Lindauer Stadtgebiets über die Parks weiterer klassizistischer und historistischer Paläste und des Luxushotels Bad Schachen gelangt man damit bis an die westliche Stadtgrenze zur Villa Alwind, die mit ihrem geometrischen Terrassengarten einen überraschenden Kontrapunkt zu den Landschaftsgärten bildet. Über Kopfhörer wird jeweils die Geschichte der Anwesen erklärt, im Booklet finden sich Pläne der Gärten und Ansichten aus früheren Zeiten. Besonderes Augenmerk wird auf außergewöhnliche Pflanzen gelegt, markante Bäume dienen als Haltepunkte für detaillierte Erläuterungen.

Aussichtspunkt im Park der Villa Alwind.  
© M. Brass-Kästl
Aussichtspunkt im Park der Villa Alwind.

Zu einem erfolgreichen Schülerprojekt gehört ein engagierter Lehrer. In diesem Fall ist die treibende Kraft Marigret Brass-Kästl. Selbst schon seit vielen Jahren sehr aktiv bei der Erhaltung des Lindenhofparks und Gründerin eines entsprechenden Fördervereins - sie stammt aus der Erbauerfamilie Gruber - hat die Deutschlehrerin geschafft, das anzustoßen, was Sinn und Zweck der denkmal aktiv-Schulprojekte sein soll: Schüler lernen, sich praxisnah mit den geschichtlichen Wurzeln ihrer Umgebung auseinanderzusetzen, öffnen die Augen für bisher nicht wahrgenommene Denkmale in ihrer Umgebung und machen schließlich auch andere auf sie aufmerksam. Die nächtlichen Treffen der Jugendlichen im Park - "mal ganz romantisch, mal zerstörerisch", wie Frau Brass-Kästl sagt - haben sie auf den Gedanken gebracht, die Schüler für die Schönheit der Parks als Kunstwerke, für ihren ganz besonderen Zauber zu sensibilisieren. Ein Lehrer für Biologie und eine Kunstlehrerin unterstützten sie dabei in den letzten beiden Schuljahren.

Wie bei den denkmal aktiv-Projekten üblich, sollen die Schüler ihre persönlichen Vorlieben und Begabungen einbringen: Marie zum Beispiel arbeitet bei der Schülerzeitung mit und kümmerte sich um das Layout des Booklets. Jacob komponierte die Musik für den Hörführer und spielte sie auch eigenhändig ein, während Caroline und Camilla vor allem als Sprecherinnen aktiv waren.

Besprechung der Schüler auf dem Bootssteg vor dem Hotel Bad Schachen  
© R. Rossner
Besprechung der Schüler auf dem Bootssteg vor dem Hotel Bad Schachen

Mit dem Ende des Schuljahres 07/08 wurde das Projekt Hörbuch und damit das Unterrichtsfach "Denkmal", wie sie es nennen, abgeschlossen. 20 Audioguides werden ab dem 1. August bei der Tourist-Information in Lindau gegenüber dem Bahnhof deponiert und können gegen eine Kaution ausgeliehen werden. Das Begleitheft kann für drei Euro erworben werden. Damit ausgestattet macht sich der Besucher mit dem Fahrrad oder dem Bus auf den Weg. Um dann, an welcher Station auch immer er will, seine Reise in vergangene Zeiten zu beginnen, und sich von freundlichen Stimmen - zum Beispiel beim Hotel Bad Schachen - erzählen zu lassen: "Unser Rundgang beginnt an der Schiffanlegestelle für die Bodenseedampfer an der Südseite des Hotels. Von hier haben wir einen wunderbaren Blick auf die Weite des Sees nach Westen, auf die Insel Lindau und auf das imposante Hotel Bad Schachen mit dem charakteristischen Turm, auf dem in goldenen Lettern sein Name prangt. Suchen Sie sich eine der bequemen Bänke aus, oder lehnen Sie sich an die schöne Steinbalustrade, die das Gelände bei der riesigen alten Platane zum See hin begrenzt und lassen Sie sich erzählen, was es mit diesem Gebäude, seinen 125 Gästezimmern, eleganten Salons und prachtvollen Speisesälen auf sich hat. (...)" Eine Einladung, die man wirklich nicht ausschlagen kann!

Beatrice Härig

"denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule"
Das Schulförderprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission wurde 2002 ins Leben gerufen. Seitdem haben rund 12.000 Schüler an 380 Schulen aus ganz Deutschland daran teilgenommen. Ziel der Aktion ist es, junge Menschen mit Denkmalen vertraut zu machen und ein Bewusstsein für ihren Wert und ihre Bedeutung zu wecken. Die teilnehmenden Schulen führen Projekte zu Denkmalen in ihrer Region durch und werden dabei von der Stiftung beraten und finanziell gefördert.

http://denkmal-aktiv.de/