Kleine und große Kirchen 1500 Juni 2008

Die Glocken von St. Nicolai in Zerbst

Läuten für den Frieden

Spannung und Freude herrschten am Mittag des 1. September 2007 im sachsen-anhaltischen Zerbst: Erstmals ertönte das volle Geläut der Glocken von St. Nicolai. Neben der berühmten Gloriosa von 1378, die mit einem unteren Durchmesser von 195 Zentimetern und einem Gewicht von 4.540 Kilogramm eine der größten Glocken des 14. Jahrhunderts in Deutschland ist, hatten vier weitere Glocken die Tragödie des 16. April 1945 überlebt.

Durch die Chorfenster der Ruine von St. Nicolai sind die Türme zu erkennen.  
© Roland Rossner
Durch die Chorfenster der Ruine von St. Nicolai sind die Türme zu erkennen.

Nach einem alliierten Bombenangriff sanken damals 80 Prozent der einst so malerischen Altstadt von Zerbst - nur wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs - in Schutt und Asche.


Der Abriss der beeindruckenden Reste von St. Nicolai konnte in den Folgejahren glücklicherweise verhindert werden. Die um 1500 fertiggestellte gotische Hallenkirche, deren nach 1420 errichteter Chor unter dem Einfluss der Parler-Schule steht, war einst die größte Kirche in Anhalt. Der Westbau mit den beiden erhaltenen Türmen ist noch romanischen Ursprungs. Dank des Engagements des 1991 gegründeten Förderkreises St. Nicolai Zerbst e. V. ist die Ruine inzwischen gesichert - die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte die Arbeiten seit 1991 mit rund 380.000 Euro - und wird für zahlreiche Veranstaltungen genutzt.

Die Glocken zeigten nach der Zerstörung der Kirche zum Teil schwere Schäden. Die Gloriosa war schon 1726 verstummt, da ihre Schwingungen die Stabilität des Turmes gefährdeten. Ein deshalb 1934 für sie errichteter stählerner Glockenstuhl hatte sich beim Brand 1945 verzogen, doch war die wertvolle Glocke wenigstens nicht herabgefallen.

Weil das Geläut immer auch von der turmlosen benachbarten Trinitatiskirche genutzt wurde, bat die Kirchengemeinde den Förderkreis, sich nach Abschluss der Ruinensicherung des einzigartigen Glockenbestandes anzunehmen. Unterstützt wurde er dabei unter anderem vom Land, von der Stadt Zerbst, der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, dem Zerbster Geistlichen Stift St. Bartholomäi und von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, die einen Großteil der Kosten für die Restaurierung der fünf historischen Glocken übernahm.

Blick in den neuen Glockenstuhl im Nordturm von St. Nicolai  
© Roland Rossner
Blick in den neuen Glockenstuhl im Nordturm von St. Nicolai

Ein Neuguss aus der Kunstgießerei Lauchhammer komplettiert nun das Geläut im Nordturm, zu dem neben der Gloriosa noch die Apostel- oder Friedensglocke von 1660, die Nicolaiglocke von 1477 und die kleinste, die Taufglocke von 1418, gehören. Doch nicht nur ihr hohes Alter zeichnet sie aus, sondern auch ihre reichen Verzierungen und der grandiose Klang. Die sechste, die Uhrschlagglocke von 1443, wartet derweil im Südturm auf ein neues Uhrwerk. Dank des Geldes aus der Rudolf-August Oetker Stiftung in Höhe von 50.500 Euro konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bei der Sanierung des Glockenturms und der Installation des Geläuts helfen.

Seit der Wiedereinweihung am 1. September des letzten Jahres, dem Tag, der in der DDR als Weltfriedenstag begangen wurde, können die Zerbster nun erleben, was selbst der berühmtesten Tochter der Stadt, Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst - sie ging als russische Zarin Katharina die Große in die Geschichte ein - verwehrt blieb: Streng geregelt in einer Läuteordnung rufen die Glocken zu den Gottesdiensten und anderen Ereignissen des Kirchenjahres. An großen Festtagen, am Tag des offenen Denkmals und - zur Mahnung - am 16. April aber ertönt das volle Geläut mit der Gloriosa.

Dr. Dorothee Reimann

Lesen Sie die Besprechung einer Publikation zu Kirchenglocken in Sachsen-Anhalt in der Rubrik Bücher

Kopfgrafik - Bild links: Detail der 1378 entstandenen Gloriosa