Interviews und Statements

Interview mit Katrin Rodrian

Kulturtourismus in Ostfriesland

Katrin Rodrian leitet bei der Ostfriesischen Landschaft die Abteilungen Kultur und Bildung und erklärt, warum Ostfriesland unbedingt auch ein attraktives Ziel für Kulturtouristen ist.

Die auf das 14. Jahrhundert zurückgehende Noderburg in Dornum wurde 1698-1707 zu einem prächtigen Barockschloss mit Park ausgebaut.  
© Gronewold, Ostfriesische Landschaft
Die auf das 14. Jahrhundert zurückgehende Noderburg in Dornum wurde 1698-1707 zu einem prächtigen Barockschloss mit Park ausgebaut.

MO: Mit Ostfriesland verbindet man gemeinhin die malerische Landschaft aus grünen Weiden, Kanälen und leuchtenden Rapsfeldern sowie ausgedehnte Dünengebiete und den Nordseestrand. Die Küstenregion zieht vor allem Badetouristen oder an Sport- und Wellnessangeboten interessierte Besucher an. Aufgrund der besonderen Regionalgeschichte bieten der Küstenstreifen und gerade das weniger bekannte Binnenland jedoch weit mehr. Warum ist Ostfriesland auch ein attraktives Ziel für Kulturtouristen?

Katrin Rodrian: Ostfriesland bietet für Kulturinteressierte überraschende Angebote, die man auf den ersten Blick so nicht erwartet. Nennen möchte ich insbesondere drei Stichpunkte: Burgen und Häuptlinge, romanische Kirchen sowie den "Musikalischen Sommer". Mit Häuptlingen verbindet man häufig Indianer und nicht die Friesen. Die Friesen durften sich seit 1100 "vreesch ende fry" - friesisch und frei nennen. Das bedeutet, sie mussten dem Kaiser keine Soldaten stellen und kannten keine Leibeigenschaft. Aus dieser Stellung entwickelten sie ein Stammessystem, dessen Häuptlinge über das ganze Land verteilt Burgen aus Stein erbauten. Die Häuptlingsburg in Dornum und die Evenburg in Leer-Loga seien hier genannt sowie die Lütetsburg bei Norden, die von einem englischen Garten umgeben ist, der mit seiner botanischen Pracht jährlich tausende Besucher in Staunen versetzt. Die jetzigen Burgen stammen natürlich nicht aus dem Mittelalter, zeugen aber noch von der Häuptlingszeit. Weiterhin besitzt die ostfriesische Halbinsel eine stattliche Anzahl romanischer Kirchen, die kunst- und kulturhistorisch bedeutsam sind. Das Musikfestival "Musikalischer Sommer" ist der festliche Rahmen, in dem viele dieser Gotteshäuser Musik- und Raumgenuss von ausgewählter Qualität bieten.

MO: Ostfriesland umfasst die drei Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden. Welche übergreifenden Institutionen oder gemeinsamen Initiativen tragen dazu bei, Ostfriesland bei Kulturtouristen bekannter zu machen und kulturtouristische Angebote erfolgreich zu etablieren?

Katrin Rodrian: Eine wichtige übergreifende Institution ist die Ostfriesische Landschaft, die für die Inhalte und die Koordination der kulturellen Angebote steht. Dort ist auch der Arbeitskreis Kulturtourismus angesiedelt, der die bündelnde Funktion aller Kulturanbieter übernehmen soll und mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern dafür sorgt, dass Inhalte sowie Qualität stimmen. Weiterhin sind die Ostfriesland Touristik GmbH (zuständig für Binnenland und Küste) sowie der Tourismusverband Nordsee e.V. (zuständig für Küste und Inseln) für eine erfolgreiche Tourismusvermarktung verantwortlich.

MO: Seit wann bemüht man sich in Ostfriesland aktiv um die Förderung des Kulturtourismus, und haben sich die Besucherstrukturen seither verändert?

Vom 12.-14. Jahrhundert war der Upstalsboom Versammlungsort von Abgesandten der Friesen. Auf der Anhöhe wurden Recht gesprochen und Beschlüsse gefasst. Die Steinpyramide stammt aus dem 19. Jahrhundert.  
© ML Preiss
Vom 12.-14. Jahrhundert war der Upstalsboom Versammlungsort von Abgesandten der Friesen. Auf der Anhöhe wurden Recht gesprochen und Beschlüsse gefasst. Die Steinpyramide stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Katrin Rodrian: Ostfriesland trat für Kulturtouristen zum ersten Mal nachhaltig in Erscheinung, als der Gründer der Zeitschrift "Stern", Henri Nannen, in seiner Heimatstadt Emden die Kunsthalle erbaute. Dort werden Werke des Deutschen Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit sowie zeitgenössische Kunst von internationalem Rang ausgestellt. Dadurch haben alle Akteure in der Region erkannt, dass Kultur, Tourismus und Wirtschaft von der Zusammenarbeit profitieren. Es gibt einige sogenannte Leuchttürme des Kulturtourismus in Ostfriesland. Dazu gehören neben der Kunsthalle in Emden auch der "Musikalische Sommer" sowie der "Park der Gärten" in Bad Zwischenahn.

Die Besucherzahlen in Ostfriesland haben sich durch die kulturtouristischen Angebote stark verändert. Nehmen wir beispielsweise die Ausstellung "Edvard Munch", die vor einigen Jahren außerhalb der Badesaison in der Emdener Kunsthalle stattfand und die Übernachtungszahlen der Hotellerie um 24 Prozent steigern konnte. Das sind die Momente, in denen die Vermieter anfragen, wann es wieder eine so gute Ausstellung gibt. Für uns Kulturverantwortliche ist das natürlich sehr erfreulich.

Im vergangenen Jahr gab es in Ostfriesland eine weitere Premiere. Unter dem Themenbegriff "Garten Eden" schlossen sich fast alle Kulturveranstalter in der Region zusammen und boten unter einem gemeinsamen Dach sehr unterschiedliche Angebote. Neben Ausstellungen zum Thema gab es zum Beispiel aus Führungen durch Parks und Gärten sowie Konzerte im Freien. Die Besucherzahlen waren so hoch, dass wir aus dem Wirtschaftsministerium den Impuls erhielten, in jedem Fall dieses Erfolgsmodell von übergeordnetem Thema, Marketing und Vertrieb fortzuführen. Bei der Ostfriesischen Landschaft laufen in Zukunft alle Fäden zusammen, wird der Kulturtourismus mit gemeinsamen Inhalten und Strategien gefüllt. Den Vertrieb und die professionelle Vermarktung übernimmt die Ostfriesland Touristik GmbH.

MO: Gibt es finanzielle oder auch andere Maßnahmen, die die Einheimischen dazu motivieren, den Gedanken des Kulturtourismus mitzutragen und diesen auch praktisch zu unterstützen?

Katrin Rodrian: Ein finanzielles Instrument, die Kulturschaffenden in Ostfriesland zu motivieren, ist die "Regionale Kulturförderung". Diese Mittel werden durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Ostfriesischen Landschaft zur Verfügung gestellt, um regionale Kulturprojekte zu unterstützen. Diese haben zum Ziel, das Profil der Region zu verbessern und die Identität innerhalb der Bevölkerung zu stärken. Das Modell läuft seit 2005 mit wachsender Nachfrage. Ich nenne einmal ein Beispiel: In diesem Sommer 2008 installieren drei junge Künstlerinnen in Neßmersiel am Deich einen bengalischen Stelzenbunker. Sie wollen mit diesem Projekt auf den globalen Klimawandel hinweisen und mit künstlerischen Mitteln Wattwanderer und Schiffsreisende darauf aufmerksam machen, dass nicht nur in Bangladesch die Menschen von den Fluten bedroht sind, sondern dass auch Ostfriesland sich immer aufs Neue dem Anstieg der Fluten anpassen muss.

MO: Wie wichtig ist der Kulturtourismus als Wirtschaftsfaktor im eher strukturschwachen ostfriesischen Binnenland?

Das Hauptgebäude der Ostfriesischen Landschaft in Aurich wurde 1898-1901 im Stil der Neorenaissance erbaut.  
© Gronewold, Ostfriesische Landschaft
Das Hauptgebäude der Ostfriesischen Landschaft in Aurich wurde 1898-1901 im Stil der Neorenaissance erbaut.

Katrin Rodrian: Die Vorstellung von der strukturschwachen Region muss etwas zurecht gerückt werden. Ostfriesland erlebt zur Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, der für viel Aufbruchstimmung sorgt. Im Bereich der maritimen Wirtschaft aber auch im Bereich der Produktion alternativer Energien stehen die Zeichen auf Wachstum.

Der Kulturtourismus ist in Niedersachsen vor allem ein Städtetourismus. Die Zahlen in dieser Sparte sind in den vergangenen Jahren in zweistelliger Höhe gestiegen. Auch als Flächengebiet profitiert Ostfriesland von wachsenden Besucherzahlen auf diesem Sektor. Dabei hat sich im Bereich Kultur in der Region bestätigt, dass die Vermarktung der so genannten Leuchttürme, wie der Kunsthalle in Emden oder dem "Musikalischen Sommer", aber auch der einzigartigen Orgellandschaft dazu geführt hat, dass die Besucher, wenn sie erst einmal in der Region sind, bereitwillig längere Strecken auf sich nehmen, um weitere Kulturangebote wahrzunehmen. Eine Studie vom April 2008 hat gezeigt, dass der Kulturtourist in Ostfiesland im Schnitt 80 Kilometer fährt, um an sein Ziel zu gelangen. Wenn wir also weiterhin inhaltlich gute und qualitativ hochwertige Angebote schaffen und das Vermarktungsnetz weiter ausbauen, dann sehe ich für den Kulturtourismus in der Region sehr positiv in die Zukunft. Die Aufgabe der Ostfriesischen Landschaft wird sein, zum einen das spezifisch ostfriesische Profil weiter zu definieren und zum anderen die regionalen Kooperations- und Marketingnetzwerker zu koordinieren.

MO: Im Juli und August 2008 kann man für drei Wochen den von Ihnen schon erwähnten "Musikalischen Sommer Ostfriesland" erleben. Welche Kulturereignisse verbergen sich hinter diesem Titel?

Katrin Rodrian: Der 24. Musikalische Sommer bietet vom 25. Juli bis 17. August 2008 40 Konzerte verteilt über die gesamte ostfriesische Halbinsel. Das Besondere an dem Klassikfestival ist die Kombination aus Kammerkonzerten, bei denen bekannte Komponisten und Stücke mit noch Unbekanntem kombiniert werden. Es gibt aber auch Angebote aus dem Bereich Jazz oder Orgelkonzerte, die in historischen Gebäuden der Region stattfinden sowie Fortbildungskurse für Musikstudenten aus der ganzen Welt. Letztes Jahr reiste eine Gruppe junger Koreaner und Japaner an, die sehr viel Lebensfreude versprühten. In diesen drei Wochen schwingt ganz Ostfriesland in den Klängen der Musik. Die Konzertbesucher kommen durch das Festival in Burgen oder Gulfhäuser, oder in den so genannten Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft. Im Rahmen von Exkursionen unter der Leitung von Experten werden auch die wertvollen historischen Orgeln der Region vorgestellt. Ein wirklicher Genuss für die Sinne wird das Konzert am 07. August 2008 im Wasserschloss Dornum sein. Die ehemalige Häuptlingsburg wird heute als Realschule genutzt und in den Ferienzeiten für Ausstellungen und Konzerte geöffnet. Michal Lewkowicz (Klarinette) Peter Barcaba (Klavier) und Béatrice Petite-Kircher (Mezzosopran) werden Robert Schumanns vertonte zwölf Gedichte aus Friedrich Rückerts "Liebesfrühling" für Gesang und Klavier op. 37 vortragen.

Das Interview führte Julia Ricker

Zur Person:
Katrin Rodrian hat in Hamburg Kunstgeschichte und Volkskunde studiert. Sie arbeitete zunächst im Kunsthandel, im Kölner Museum Ludwig sowie im Bonner Kunstmuseum und kam 2002 nach Ostfriesland für ein Verbundprojekt von mehreren Museen der Region. 2003 gründete sie ein Projekt zur kulturtouristischen Vermarktung von Museen. Seit Mai 2008 leitet Katrin Rodrian bei der Ostfriesischen Landschaft die Abteilungen Kultur und Bildung.

Info:
Die Highlights der kulturellen Veranstaltungen hat die Ostfriesische Landschaft in der Broschüre "Kultursommer" zusammengestellt, Bestelladresse: kultur@ostfriesischelandschaft.de
Am 09. Juni 2008 beginnt der Kartenvorverkauf zum "Musikalischen Sommer",
Tel. 04941/17 99 67

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Die sprechenden Steine von Amrum 08.11.2012 Seelen unter Segel Seelen unter Segel

    Seelen unter Segel

    Sprechende Steine, so nennt man auf Amrum die alten Grabplatten auf dem Friedhof von St. Clemens in Nebel. In der Tat erzählen die Inschriften aus dem Leben der Seefahrer aus den letzten Jahrhunderten, darunter manch abenteuerliche Geschichte. Nach Jahren der Verwahrlosung sind sie gerettet und werden sorgfältig gepflegt.

  • Otto Bartning und seine Kirchen 09.03.2016 Bartning Kirchen Spiritualität in Serie

    Spiritualität in Serie

    Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.

  • Zur Entstehung botanischer Gärten 08.11.2012 Eine Muskatnuss an der Uhr Eine Muskatnuss an der Uhr

    Eine Muskatnuss an der Uhr

    Im letzten Jahr wurden zwei denkmalgeschützte Tropenhäuser nach mehreren Jahren der Restaurierung wiedereröffnet: Grund genug für uns, einmal der Entstehung botanischer Gärten in Deutschland nachzugehen.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn