Öffentliche Bauten April 2008 K

Eine kleine Kulturgeschichte des Kinos

Zweimal Sperrsitz, bitte!

Das Ritual war noch nicht geläufig. Als das Licht im Saal gelöscht wurde, machte sich zunächst Unruhe, dann gespannte Stille breit, "und gar viele sahen wir schließlich mit offenem Mund dasitzen, vor lauter Staunen über das bewegliche Bild auf der weißen Wand". 1895 gilt als das Geburtsjahr des Kinos in Europa.

Hans Poelzig errichtete das Kino Babylon 1928/29 als Teil eines Wohnblocks im Berliner Scheunenviertel.  
© Roland Rossner
Hans Poelzig errichtete das Kino Babylon 1928/29 als Teil eines Wohnblocks im Berliner Scheunenviertel.

Im Berliner Varieté Wintergarten führten die Brüder Max und Emil Skladanowsky einem zahlenden Publikum ihre erste Lichtspielprojektion vor. Auch wenn es sich nur um ein Potpourri von einminütigen Sequenzen handelte, raubten "Das boxende Känguruh", "Komisches Reck" und "Serpentintänzerin" den Zuschauern schier den Atem. Ihre Verbeugung hatten die Brüder wohlweislich mitgefilmt. Reihenaufnahmen von Bewegungsphasen kannte man schon eine Weile. Doch mit dem Bioskop hatten die Skladanowskys den ersten wirklichen Filmprojektor entwickelt - eine neue Unterhaltungsgattung feierte Premiere.


In die Geschichte ist allerdings ein anderes Datum eingegangen: Am 28. Dezember 1895, nur wenige Wochen nach dem Auftritt der Skladanowskys, zeigten die Gebrüder Lumière im Pariser Grand Café erstmals öffentlich Dokumentarfilme auf ihrem Kinematographen. Dieser "Bewegungsschreiber" war technisch ausgereifter und verbreitete sich in Windeseile über den ganzen Kontinent. So ernteten die Franzosen den Ruhm, das Kino erfunden zu haben.

Neben den Vorführungen in Revuetheatern und Vergnügungslokalen etablierten sich Wanderkinos auf Messen und Jahrmärkten. Eine Bretterbude oder ein Zelt, ein paar Holzbänke und ein weißes Tuch reichten aus, um die Sensation perfekt zu machen. Der Filmvorführer bediente seinen Projektor per Handkurbel und sorgte mit einem Grammophon für die musikalische Untermalung der heftig flimmernden und zitternden Bilder. Der Wirkung taten die primitiven Verhältnisse keinen Abbruch - zuweilen sollen die Leute vor einer ins Bild brausenden Lokomotive oder einer heranrollenden Woge kreischend Reißaus genommen haben. Mit der Zeit wurden die Schaubuden und Kinozelte nicht nur immer größer, sondern mit riesigen grellbunten Reklametafeln und unzähligen elektrischen Lichtern - mobile Dampfmaschinen machten es möglich - auch immer auffälliger in Szene gesetzt. Wie Märchenschlösser erstrahlten sie allabendlich auf den Festwiesen.

Ab 1913 flimmerten hier Filme: Das Central Theater in Esslingen zählt zu den ältesten Kinos in Deutschland. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Instandsetzung.  
© Joachim Achenbach
Ab 1913 flimmerten hier Filme: Das Central Theater in Esslingen zählt zu den ältesten Kinos in Deutschland. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Instandsetzung.

Als Theater des kleinen Mannes wurde der Kinematograph allmählich in den Städten sesshaft: Viele Ladenlokale funktionierte man nun zum "Kintopp" um. Im allgemeinen Trubel mit Bierausschank durfte jeder kommen und gehen, wann er wollte. Neben dem Attraktionen-Programm informierten die Wochenschauen über aktuelle Geschehnisse. Dank stetig verbesserter Technik produzierte man in den 1910er Jahren Spielfilme mit durchgehender Handlung und eigens komponierten Filmmusiken. "Der Student von Prag" (1913) gilt als der erste künstlerisch wertvolle Streifen. Mittlerweile war das Medium auch für die "gehobenen Kreise" interessant geworden und verlangte nach entsprechenden Räumlichkeiten: Der 800 Sitze fassende Saal des 1909 eröffneten Union-Theaters am Berliner Alexanderplatz war in Purpur und Gold gehalten. Bezeichnenderweise wurde er bereits wenige Jahre später umgebaut und vergrößert. Es waren oft Plakatmaler und Bühnenbildner, die die Lichtspielsäle mit kräftigen Farben und Massen von Glühbirnen ausgestalteten: Hier hatten die neuen Stars wie Asta Nielsen oder Henny Porten ihre glamourösen Auftritte.

Als das Kino zu einer ernstzunehmenden Bauaufgabe avancierte, war der Film den Kinderschuhen schon entwachsen. 1911 hatte die Zeitschrift "Der gute Geschmack" angemahnt: "… schließlich muss eine so volkstümliche Erscheinung doch irgend wie einmal münden vor den Händen und Sinnen eines schöpferischen Architekten, der aus der besonderen Geste dieser Bilderspiele seine Raumdisposition entwickelte." Eines der ersten freistehenden Lichtspielhäuser in Deutschland - nach dem Weltspiegel in Cottbus - war das Cines-Theater, das Oskar Kauffmann 1912/13 am Berliner Nollendorfplatz als blockhaften, fensterlosen Bau errichtete. Auf dem Dach, das für Freilichtvorstellungen geöffnet werden konnte, waren weithin sichtbare Leuchtbuchstaben montiert. Besonders vornehm und extravagant war Hugo Páls gleichzeitig am Kurfürstendamm erbautes Marmorhaus mit seiner feierlich-antikisierenden Front. Schon das von César Klein bizarr gestaltete Foyer verhieß große Illusionen. Uraufführungen im Marmorhaus gerieten zum gesellschaftlichen Ereignis.

Hochkonjunkur hatte das Kino schließlich in der Weimarer Republik: Wichtigster Bauherr der neuen Filmpaläste war die 1917 gegründete Universum-Film AG (Ufa). Man legte großen Wert auf eine gediegene Innenausstattung und zuvorkommendes Personal. Berlin, Zentrum der Stummfilmproduktion, behauptete seine Vorreiterrolle: Hier entstanden in den zwanziger Jahren unzählige Filmtheater für Tausende von Zuschauern. Bei neu angelegten Wohnvierteln plante man das Kino als Stätte der Massenkultur ganz selbstverständlich mit ein.

1928 eröffnete der Titania-Palast in Berlin als Luxuskino mit beeindruckender Innenarchitektur. In die Lichtvouten über der Leinwand waren die Orgelpfeifen integriert.  
© Ullsteinbild
1928 eröffnete der Titania-Palast in Berlin als Luxuskino mit beeindruckender Innenarchitektur. In die Lichtvouten über der Leinwand waren die Orgelpfeifen integriert.

Während die Fassaden bei Tag eher funktional und sachlich wirkten, entfalteten sie ihren Zauber mit der Dämmerung. Vor dunklem Himmel wurde Licht zum Architekturelement, leuchtende Streifen, strahlende Buchstaben und Reklametafeln setzten bisher nicht gekannte Akzente im nächtlichen Stadtbild der modernen Metropole. Auf dem Dach der Lichtburg, die Rudolf Fränkel 1929 für die Berliner Gartenstadt Atlantic errichtete, rotierte ein Scheinwerfer in einem gläsernern Pavillon. Der Stromverbrauch der Kinos war legendär.

Auch im Zuschauerraum wurde mit ausgeklügelten Illuminationen, die schon vor dem Film Stimmung erzeugen sollten, nicht gegeizt. Besonders beliebt war indirektes Deckenlicht. In Hohlkehlen waren zuweilen mehrere Reihen verschiedenfarbiger Glühbirnen hintereinander angebracht. Mit Lichtorgeln konnten so surreale Effekte erzeugt werden. Die Bühne, vor der oft ein großes Orchester Platz fand, wurde für Varietéeinlagen genutzt. Im 1925 von Hans Poelzig gegenüber der Berliner Gedächtniskirche errichteten Capitol bot sich den Zuschauern zu Beginn der Vorstellung ein besonderes Spektakel. In Beleuchtungskörpern aus Kristallglas, die zu beiden Seiten des Vorhangs installiert waren, schoss blaues Licht gleich einer Fontäne in die Höhe. In den zwanziger Jahren war der Film das Medium, auf das die Avantgarde ihre kühnsten Visionen projizierte. Und was architektonisch nicht zu verwirklichen war, konnte zumindest in phantastischen Filmbauten umgesetzt werden.

Aus Mendelsohns Berliner Tonfilmtheater Universum wurde 1981 die Schaubühne am Lehniner Platz.  
© Wolfgang Reuss, LDA Berlin
Aus Mendelsohns Berliner Tonfilmtheater Universum wurde 1981 die Schaubühne am Lehniner Platz.

Eine neue Ära markierte der Tonfilm: Obwohl technisch bereits früher möglich, setzte er sich erst 1928 in Europa durch. Der "sprechende Film" rief keineswegs ungeteilte Begeisterung hervor. Die Filmindustrie zeigte lange kein Interesse, Komponisten, Musiker und Artisten fürchteten um ihre Existenz und verbreiteten Pamphlete gegen die "Konservenbüchsen-Apparatur": "Der Tonfilm verdirbt Gehör und Augen! Der Tonfilm wirkt nervenzerrüttend!" Auch wenn 1930 die meisten großen Spielstätten mit einer Tonfilmanlage ausgestattet waren, gehörten Kinoorgeln und Orchester noch lange zur Standard-Ausstattung. Als den idealen Kinobau der neuen Zeit feierte die Kritik 1928 Erich Mendelsohns Universum am Kurfürstendamm. Über die geschwungene Front des mit dunklen Klinkern verkleideten Stahlskelettbaus zog sich ein durchgehendes Fensterband wie ein Filmstreifen. Der hoch aufragende Entlüftungsschacht diente als Reklamewand. Sachlich-dynamisch war auch der Zuschauerraum gestaltet. Zur Eröffnung erklärte der Architekt: "Bewegung ist Leben. Wirkliches Leben ist echt, einfach und wahr. Deshalb keine Pose, keine Rührmätzchen. Im Film nicht, nicht auf der Leinwand, nicht im Bau."

Für die Berlinale wurde 1957 der Zoo-Palast am Berliner Kurfürstendamm errichtet. Derzeit verteidigen Denkmalschützer den großen Saal gegen Umbaupläne.  
© Wolfgang Reuss, LDA Berlin
Für die Berlinale wurde 1957 der Zoo-Palast am Berliner Kurfürstendamm errichtet. Derzeit verteidigen Denkmalschützer den großen Saal gegen Umbaupläne.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Filmvorführungen als Agitationsmaschinerie bis zum bitteren Ende aufrechterhalten. Doch 1945 war die Mehrzahl der großen Paläste zerstört oder stark beschädigt. Mit einfachen Mitteln wurden erhaltene Häuser schnell wieder bespielbar gemacht.

Seine zweite große Blütezeit erlebte das Kino in der Nachkriegskultur, als jeder nach Entspannung gierte. Für anderthalb Stunden bangte man mit Maria Schell oder lachte mit Liselotte Pulver. Während in der DDR vorrangig Klub- und Kulturhäuser für Filmvorführungen genutzt wurden und nicht so viele neue Kinobauten entstanden, kam es im Westen zu einem einmaligen Bauboom. Farbe, Breitwand, Stereo erforderten andere Baumaßnahmen als vor dem Krieg. Großer Wert wurde auf schicke Innenausstattung gelegt: Mit neuen pflegeleichten Textilien, die gefaltet, gepolstert und genoppt als schallschluckende und unbrennbare Wandbespannung dienten, gab man sich selbst im Kleinstadt-Lichtspielhaus elegant.

Mitte der 50er Jahre verzeichnete man in beiden Teilen Deutschlands absolute Besucherrekorde. Doch damit war der Zenit auch überschritten, in der Folgezeit mussten immer mehr Betriebe schließen. Die Verbreitung von Fernsehen und später Video hatte das große Kinosterben eingeleitet. Geradezu typisch war in den 60er Jahren die Umnutzung von Lichtspielhäusern zum Supermarkt. Wo sie Bestand hatten, parzellierte man die Säle in viele kleine Schachtelkinos - das Filmtheater versteckte sich nun in Kellern und Nebenräumen, verschwand hinter Fassaden, die für ganz andere Dinge warben als für den Genuss, den ein paar Rollen "Zelluloid" bescheren können.

Das Ostberliner Kino International wurde 1961–63 von Josef Kaiser an der Karl-Marx-Allee errichtet.  
© Roland Rossner
Das Ostberliner Kino International wurde 1961–63 von Josef Kaiser an der Karl-Marx-Allee errichtet.

In den 1990er Jahren kam es noch einmal zu einem Aufschwung durch riesige Multiplex-Kinocenter nach amerikanischem Vorbild. In den meisten Fällen brachte er nur banale Zweckbauten hervor, vereinzelt auch Originelles wie den dekonstruktivistischen Kristallpalast, den Coop Himmelb(l)au 1996-98 in Dresden errichteten. Heute, im digitalen Zeitalter, hat es das Kino noch schwerer. Mit breiten Flachbildschirmen und entsprechenden Soundeffekten lässt sich das Wohnzimmer leicht zum "home cinema" aufrüsten. Kinos waren nie Bauten für die Ewigkeit. Gerade in den Glanzzeiten erforderte die stetige technische Weiterentwicklung immer wieder Umbauten, originale Ausstattungen wurden dem jeweiligen Zeitgeschmack geopfert. Nicht nur die Zeugnisse des frühen Kinos, auch die meisten Bauten der 50er Jahre sind in ihrer ursprünglichen Gestalt verschwunden.

Der architektonische und zeitgeschichtliche Wert vieler Kinobauten ist unbestritten. Dennoch sind Erfolgsgeschichten wie die von Hans Poelzigs Babylon in Berlin Ausnahmen: Es ist eines der seltenen original erhaltenen Häuser aus der Weimarer Republik, das mitsamt spielfähiger Kinoorgel und Bühnenportal bewahrt werden konnte und sich heute als ambitioniertes Programmkino mit Stummfilmvorführungen großer Beliebtheit erfreut.

Der Art-Déco-Saal im Bonner Metropol soll für den Einzelhandel umgebaut werden.  
© Holger Strotmann
Der Art-Déco-Saal im Bonner Metropol soll für den Einzelhandel umgebaut werden.

Viel bezeichnender sind die tragischen Geschichten um jene Lichtspieltheater, die sogar den Krieg überstanden haben, in den 1990er Jahren aufwendig saniert und dann doch wieder geschlossen wurden. So geschehen etwa beim Berliner Marmorhaus oder beim Bonner Metropol: In das komplett entkernte Berliner Traditionskino zogen ein Yogastudio und eine Modekette ein, in Bonn wollen die Investoren den denkmalgeschützten Art Déco-Saal gewinnbringenden Einzelhandelsflächen opfern. So bleiben oft nur die Fassaden wie verblassende Kulissen einer großen Kinokultur stehen. Sind die Zeiten vorbei, als an den phantasievoll gestalteten Lichtspielhäusern die Erinnerungen genauso klebten wie heute oft nur noch Cola und Popcorn am Boden der Einheitsbauten?

Dr. Bettina Vaupel

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1 Kommentare

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    Hans Roek schrieb am 21.03.2016 11:32 Uhr

    Nun was soll man dazu denn sagen? Wie immer, Komerz geht vor Kultur und solche Kinos sind nun mal, wie man es auch sieht, Kultur.

    Aber was haben Kinos schon für eine Lobby?

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