Wohnhäuser und Siedlungen 1925 Herrscher, Künstler, Architekten

Riemerschmids Fertighaus in Simbach

Zerlegt und auf die Reise geschickt

Es ist ungewöhnlich, wenn ein 200 Quadratmeter großes Denkmal reist. Aber der Fall von Haus Sonnenblick zeigt, dass der Wiederaufbau an einem anderen Ort manchmal die einzige Möglichkeit ist, ein wertvolles Gebäude zu erhalten. Da es sich um ein Fertighaus handelt, das vor rund dreißig Jahren in seine Einzelteile zerlegt wurde, passte der Bausatz auf zwei Lastwagen. 2004 wurde er von Leverkusen ins niederbayerische Simbach transportiert und wieder zusammengebaut.

Das Fertighaus von Richard Riemerschmid steht nun in Bayern  
© Leandro Mazzoni
Das Fertighaus von Richard Riemerschmid steht nun in Bayern

In Bayern, genauer in München, beginnt 1922 auch die Geschichte von Haus Sonnenblick. Dort besucht Dr. Fritz Behr-Heyder, seines Zeichens deutscher Konsul in Kolumbien, mit seiner Frau Johanna eine Gewerbeschau. Am Stand der Deutschen Werkstätten entdeckt er das Modell eines geräumigen Holzhauses, das unter der Bezeichnung "Typ 36a" in Serie gehen soll. Der Entwurf stammt von Richard Riemerschmid, der sich zuvor als Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und als Architekt der Deutschen Werkstätten in Hellerau einen Namen gemacht hat. Für sie entwickelte er 1906 ein Programm, bei dem künstlerisch hochwertige Entwürfe für Möbel maschinell umgesetzt wurden. Nun soll diese Idee auf die Produktion von Fertighäusern erweitert werden. Behr-Heyders sind die ersten, die "Typ 36a" bestellen.

Der aus vielen hundert hölzernen Einzelteilen bestehende Bausatz, vom Dachsparren bis zum Türgriff, wird in rund viermonatiger mühevoller Kleinarbeit von den Deutschen Werkstätten angefertigt und 1923 in Rodenkirchen bei Köln aufgebaut. Bevor Fritz Behr-Heyder sein neues Domizil beziehen kann, stirbt er erst 31-jährig in Kolumbien. Zurück bleibt seine Witwe, die das Holzhaus zusammen mit ihren vier Söhnen bewohnt und aus Geldmangel nicht verändert. Nach ihrem Tod wird es 1978 wieder auseinandergebaut, dokumentiert und sorgfältig auf dem Hof des jüngsten Sohnes Hans in Leverkusen-Schlebusch eingelagert.

Auch innen besteht Haus Sonnenblick überwiegend aus Holz  
© Leandro Mazzoni
Auch innen besteht Haus Sonnenblick überwiegend aus Holz

1984 wird das Haus in die Denkmalliste des Landes Nordrhein-Westfalen eingetragen. Im Rahmen ihrer Diplomarbeiten untersuchen und katalogisieren die beiden Dortmunder Architektur-Studentinnen Silke Haps und Kristina Pegels 2001 den Bausatz. Sie stellen fest, dass 90 Prozent der rund 4.000 Einzelstücke, darunter auch originale Bodenfliesen, Öfen, Kacheln und Gardinenstangen, die lange Lagerung ohne große Schäden überstanden haben. Und sie machen bei ihren Recherchen eine sensationelle Entdeckung: "Typ 36a" ist nie in Serie gegangen, Haus Sonnenblick also ein Unikat geblieben! Als der Lagerplatz des Bausatzes gebraucht wurde, suchten die Enkelinnen der Erbauer nach einem Käufer. Da sich keiner fand, entschloss sich die Enkelin Maria Brunnhuber mit ihrer Familie, das Haus in ihrem Wohnort Simbach wieder zu errichten. Brunnhubers wussten, dass es sonst verloren wäre und investierten daher die enorme Summe von rund 455.000 Euro. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konnte sie dank der Mittel, die sie von der Lotterie GlücksSpirale erhält, mit 10.000 Euro unterstützen.
Brunnhubers wohnen nicht im Haus Sonnenblick, öffnen es aber gerne für Besucher und vermieten es für Veranstaltungen, die dem Denkmal nicht schaden. Auch an seinem jetzigen Standort ist das Fertighaus von vielen alten Bäumen umgeben - genauso wie seinerzeit in Rodenkirchen, wo seine Reise ein erstes Mal endete.

Carola Nathan

Wir danken Andrea Behrendt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege für ihre fachliche Unterstützung. Sie plant eine wissenschaftliche Arbeit zum Werk Richard Riemerschmids. Besichtigungen können vereinbart werden über Maria und Dr. Thomas Brunnhuber, Tel. 08571/43 02 oder 20 18.