Dezember 2007

Helfen Sie mit, den zauberhaften Charme der Kirche in Leisnig-Tragnitz zu erhalten

Wenn Engel ihr Gesicht verlieren

Man riecht sie bis heute: die Flut. So nennen die Tragnitzer das Jahrhunderthochwasser, das im August 2002 auch so ruhige Flüsschen wie die Freiberger Mulde weit über ihre Ufer treten ließ. Der Dorfkirche im sächsischen Tragnitz wurde ihre idyllische Lage keine zehn Meter von der Mulde entfernt zum Verhängnis. Eine Idylle, die durch das gegenüberliegende Schulhaus und die Pfarre aus dem 19. Jahrhundert noch verstärkt und selbst durch die knapp an der Westseite vorbeiführende Bahnstrecke nicht beeinträchtigt wird.

Malerisch an der Mulde unweit der Burg Mildenstein gelegen: die Kirche in Leisnig-Tragnitz 
© ML Preiss
Malerisch an der Mulde unweit der Burg Mildenstein gelegen: die Kirche in Leisnig-Tragnitz

Im Gegenteil, der unbeschrankte Bahnübergang bildet eher eine Art Entree zu einem Ensemble, an dem alles an seinem gottgeordneten Platz steht. 2002 aber herrschte blankes Entsetzen. Was Pfarrer Johannes Magirius i. R. niemals für möglich gehalten hätte - und er kennt die Tragnitzer Dorfkirche wie kein zweiter, war er hier doch 36 Jahre Hausherr -, passierte: Flusswasser flutete die Kirche und floss unter die Podeste der Holzbänke. Zwar stieg es zur allgemeinen Erleichterung nur wadenhoch, doch die Feuchtigkeit war blitzschnell in die hölzernen Ausstattungsstücke eingedrungen. Was besonders schlimm war: Das Wasser mischte sich mit auslaufendem Heizungsöl. Ein Jahr lang war der Gestank trotz der sofortigen Rettungsaktionen nicht zu ertragen, und noch heute schnuppert die feine Nase das Öl-Brackwasser. Das Unglück ließ die Tragnitzer aber nicht verzagen, es wurde vielmehr zum Anlass genommen, eine Gesamtsanierung der Kirche zu beginnen. Die war sowieso dringend notwendig. In den letzten beiden Jahren wurde deren erster Teil durchgeführt.

Daher zeigt sich das Gotteshaus dem Besucher auf den ersten Blick aufgeräumt und sauber, es lässt ihm die Muße, ihre stilistischen Besonderheiten nach und nach zu entdecken. Denn der schöne und stimmige Ersteindruck einer spätgotischen Saalkirche mit barocker Chorausstattung wird durch eine charmante Erkenntnis ergänzt: Das Langhaus ist ein reiner Jugendstil-Raum und passt dennoch aufs Beste zur übrigen Kirche. Jedes Detail wurde 1904 vom Leipziger Jugendstilarchitekten Fritz Drechsler und dem Maler Paul-Horst Schulze sorgfältig in den der Zeit eigenen dekorativen Formen gestaltet. Aber keines bestreitet dem ehrwürdigen Chor mit seiner überaus qualitätvollen Ausstattung den natürlichen Vorrang. Es ist diese erstaunliche Harmonie zwischen dem 15., 17. und dem 20. Jahrhundert, die die Denkmalpfleger wohlwollend auf die Tragnitzer Kirche schauen lassen, obwohl vor 100 Jahren das bestehende romanische Kirchenschiff für diese Maßnahme geopfert wurde. Im Gegenteil: Sie zählen die Kirche zu den "architektonisch und kunstgeschichtlich interessantesten Sakralbauten Mittelsachsens" und verweisen ausdrücklich auf die sehr reizvolle "Kombination von mittelalterlicher Substanz, barocker Ausstattung und Jugendstilergänzung".

Allein der spätgotische Chor mit seiner barocken Ausstattung ist einen Besuch der Tragnitzer Kirche wert. Bezaubernd wird sie durch die Verbindung mit dem Jugendstil-Langhaus. 
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Allein der spätgotische Chor mit seiner barocken Ausstattung ist einen Besuch der Tragnitzer Kirche wert. Bezaubernd wird sie durch die Verbindung mit dem Jugendstil-Langhaus.

So wurde nicht nur der Stil der barocken Empore von 1735 und der Felderdecke von 1688 aus dem Chor mit frappierend unbekümmerter Selbstverständlichkeit im Langhaus fortgeführt und kopiert, auch Immaterielles vereinigt die Epochen: Engel aller Zeitalter finden zu einem und verbinden sich im Geiste. Seien es die ephemeren und zarten Wesen aus Schulzes Hand über dem Triumphbogen und im heroisch-strengen Deckengemälde, seien es die majestätischen Engelsgestalten auf den hölzernen Jugendstil-Kerzenleuchtern oder der Engel am Grab im nördlichen Langhaus-Fenster. Oder seien es die ungleich älteren, traurig-wachsamen vier Engelsfiguren mit den Marterwerkzeugen im Chor. Sie stehen auf den Giebeln der Figurennischen, mit denen die Kreuzigungsszene des Altars von 1659 gerahmt wird.

Es sind wohl auch diese überirdischen Grüße quer durch den Raum, die der Kirche ihr besonderes Flair verleihen. Schon immer war sie bei ihren Gemeindemitgliedern beliebt. Die engagierte Pfarrerin Katja Schulze kann auf eine zwar kleine, aber sehr aktive Gemeinschaft zählen. Auch zu DDR-Zeiten wurde die Kirche rührend gepflegt. Pfarrer Magirius spielt die vielen Stunden, die er, seine Familie und die Gemeinde in die Erhaltung der Kirche steckten, bescheiden herunter. Dabei hat es viel Kraft erfordert, die Reparaturen zu organisieren. Vor allem, als in den 1960er Jahren das Dach so marode war, dass das Regenwasser in Kaskaden die Innenwände herablief. Als er die Gemeinde 1960 übernahm, musste er Zinkbadewannen mitten im Kirchenschiff aufstellen, um das Wasser aufzufangen.

Das Deckengemälde mit Christus Pantokrator 
© ML Preiss
Das Deckengemälde mit Christus Pantokrator

Der Verfall nahm seinen Lauf: 1973 war die Gefährdung der Schulkinder durch den bröckelnden 13 Meter hohen Dachreiter auf dem Kirchturm so groß, dass er abgenommen werden musste. Er war 1904 auf den gotischen Turm aufgesetzt worden - wohl auch, um die Höhe der Leisniger Stadtkirche zu übertreffen - und gab dem Gotteshaus ganz nach den Gesetzen des Jugendstils eine elegante Linie. Bei der Abnahme fand man im Turmknopf Dokumente, die 1840 sorgfältig von Schulmeister Carl Wilhelm Hingst anlässlich einer Reparatur hinterlassen worden waren. "Um", schreibt er, "unseren Nachkommen, die einst diesen Knopf wieder öffnen werden, eine ähnliche Enttäuschung zu ersparen, wie sie uns unsere Vorfahren bereitet haben (die nämlich nichts hinterließen), legen wir diese Blätter bei, mit einigen Nachrichten beschrieben von dem, was sich in Kirche und Kirchfahrt von den frühesten Zeiten bis jetzt, soweit es uns bekannt, Merkwürdiges zugetragen."

Die Merkwürdigkeiten beziehen sich auf die Geschichte der Kirche, als deren Gründer Hingst die Burgmannen und Ritter von der Leisniger Burg Mildenstein um 1270 vermutet. Die Schrift zählt außerdem jeden Pfarrer und jeden Kirchschullehrer seit der Reformation auf, und vor allem berichtet sie von den zahlreichen Kriegen, den Bränden, den Pestepidemien und den Plünderungen, die die Kirche im Laufe der Jahrhunderte zu überstehen hatte.

Die Engel sind kopflos geworden. Die Feuchtigkeit in der Kirche muss unbedingt bekämpft werden, auch um die musizierenden Himmelsgestalten zu restaurieren. Über 300.000 Euro sind dafür veranschlagt! 
© ML Preiss
Die Engel sind kopflos geworden. Die Feuchtigkeit in der Kirche muss unbedingt bekämpft werden, auch um die musizierenden Himmelsgestalten zu restaurieren. Über 300.000 Euro sind dafür veranschlagt!

Nun, da die Verhältnisse im Vergleich zur rauen Vergangenheit und zu schwierigen DDR-Zeiten entspannter sind, ist es an der Zeit, die kleine Kirche umfassend zu sanieren. Der Anfang wurde mit der Restaurierung des Chors gemacht. Bald ist das Langhaus an der Reihe. Denn noch immer sieht man die Feuchtigkeitsschäden aus den 1960er Jahren - optimaler Nährboden für den Hausschwamm im Dachgebälk, der die Traufe schon zerfressen hat. Die Nässe hat den schmückenden Rankenfries verunreinigt und die tanzenden und musizierenden Engel des südlichen Chorbogens in Mitleidenschaft gezogen, ihre Instrumente unkenntlich gemacht, ihnen sogar ihre Gesichter genommen. 1840 schrieb Lehrer Hingst: "In neuerer Zeit wurden besonders in den Jahren 1822: und 23 im Inneren und Äußeren der Kirche bedeutende Reparaturen vorgenommen, neue Treppen gemacht, neue Fenster angelegt, Stände gebaut und nummeriert, Dach gedeckt usw. Schade nur, daß mittlerweile das Kirchenvermögen, welches 1572 in 126, 1657 in 1025 Schock, 1692 in 2347 Mfl, 1762 in 1900 Thalern bestand, fast auf nichts zusammengeschmolzen und somit ein Hauptmittel verschwunden ist, die kirchlichen Bedürfnisse fernerhin zu decken." Die letzte Bemerkung, so darf man hinzufügen, besitzt eine frappierende Aktualität und hat sich auch in Euro-Zeiten nicht geändert. Deshalb bitten wir: Helfen Sie mit, die für die Rettung der Tragnitzer Kirche noch notwendigen Arbeiten zu ermöglichen. Die musizierenden Engel über dem Triumphbogen waren einst ein Geschenk des Malers Schulze an die Tragnitzer. Schenken Sie der Tragnitzer Kirche die Engel zurück. Auf dass sie ihren liebenswürdigen Charme nicht verliert!

Beatrice Härig