Oktober 2007 G

Der Gestütsweg von Neustadt nach Redefin

Reiten durch Deutschland

Schwarzweiße Klumpen fliegen durch die Luft. Dreißig junge Hengste toben sich aus, balgen und springen wie Kinder auf staksigen, ungelenken Beinen. Dabei wirbeln sie die dünne Schneeschicht zusammen mit der gefrorenen, dunklen Erde hoch und verwandeln den eben noch zart gepuderten Paddock vor dem Landstallmeisterhaus in einen durchwühlten Acker. Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. schwebten wohl nicht solch romantische Bilder ungestümer Hengste vor, als er 1788 das Gestüt im brandenburgischen Neustadt an der Dosse zwischen Sumpf und Sand entstehen ließ. Streng preußisch ging es ihm damals um den systematischen Aufbau einer heimischen Pferdezucht. Er wollte ein Netz von staatlichen Gestüten schaffen, um das Heer mit Pferden zu bestücken und sich die edelsten Tiere für seine Hofhaltung auszuwählen.

Vor dem Landstallmeisterhaus toben sich jeden Tag junge Hengste aus. 
© ML Preiss
Vor dem Landstallmeisterhaus toben sich jeden Tag junge Hengste aus.

Dem Haupt- und Landgestüt nordwestlich von Berlin ist noch heute die "merkantilistische" Idee vom Reißbrett anzusehen. Sparsam schlicht, aber würdevoll sind die Wohnhäuser, Wirtschaftshöfe und Ställe regelmäßig in zwei Rechtecken angeordnet, die Fassaden wie mit dem Lineal gezogen, symmetrisch und in ihrer Hierarchie als Repräsentations- und Zweckbauten deutlich voneinander abgestuft. Gesehen hat Friedrich Wilhelm II. sein Gestüt nie. So ist ihm entgangen, wieviel Leben die jungen Hengste und Stuten in das streng geplante Mustergut bringen, wie die Tiere Ordnung und Symmetrie durchbrechen, und die Natur auf den abgezirkelten Koppeln und Wiesen ihren Raum zurückerobert. Genau dieser Gegensatz macht den Reiz des Gestüts noch heute aus.

Bis 2008 sollen die 88 Gebäude mit ihren vier Hektar Dachfläche restauriert werden. Eine riesige Herausforderung, der sich die Stiftung "Brandenburgisches Haupt- und Landgestüt Neustadt/Dosse" stellt. Das größte der zehn staatlichen Gestüte in Deutschland mit seinen rund 300 Pferden, davon 50 Zuchthengsten, wurde 2001 auf einen Beschluss der Landesregierung in eine öffentlich-rechtliche Stiftung umgewandelt. Damit war ein Wendepunkt in der langen Geschichte des Gestüts erreicht, das sich mit Hilfe von EU-Fördergeldern für die Zukunft rüstet.
Angefangen hatte alles mit dem Traum von König Friedrich Wilhelm II. (1744-97), eigene Pferde zu züchten. Die Wohlhabenden und die preußische Armee bezogen vor mehr als 200 Jahren ihre Remonten - junge ungerittene Pferde im Alter von drei bis fünf Jahren - zumeist aus Holstein, Moldawien und Polen. Wenn die Pferde nach einem langen Transportweg bei den einzelnen Regimentern oder am Hof des Königs eintrafen, waren sie oft krank und völlig erschöpft. Der Preußenkönig wollte sich von ausländischen Importen unabhängig machen. In dem nach ihm benannten Hauptgestüt "Friedrich Wilhelm" in Neustadt sollten die künftigen Stammväter der gesamten Landespferdezucht herangezogen und später als Zuchthengste im Land verteilt werden.

Dem edelsten Zuchthengst "Kolibri" wurde zu Lebzeiten ein Denkmal in Bronze gesetzt. 
© ML Preiss
Dem edelsten Zuchthengst "Kolibri" wurde zu Lebzeiten ein Denkmal in Bronze gesetzt.

Nur wenige Wochen nach dem Tode Friedrichs II. berief der neue Regent den Reisestallmeister Reichsgraf Karl Heinrich August von Lindenau (1755-1842) zum Chef des neu gegründeten Obermarstalldepartements. Mit viel Engagement verwirklichte Lindenau in den folgenden Jahren die Wünsche seines Königs. Unter seiner Leitung entstanden auch die Gestütsgebäude in Neustadt. Den Baumeister Ephraim Wolfgang Glasewaldt (1753-1820) brachte er aus Sachsen mit, wo dieser bereits Parks gestaltet hatte. Die beiden geschlossenen Hofanlagen, verbunden durch eine kilometerlange Allee, wurden in der flachen, weiten Landschaft errichtet. Glasewaldt hatte ein riesiges Gelände zur Verfügung, so dass in geradezu idealer Weise eine Gutswirtschaft nach den Leitideen der damals herrschenden Architekturtheorie entstand. Diese Musterwirtschaft atmet noch heute preußischen Geist, denn hier verbinden sich in den Gebäuden und dem Park Ästhetik, Ökonomie und Technik. In den Ställen beispielsweise gab es ein ausgeklügeltes System von Zu- und Ableitungen mit Wasserpumpen und Abzugskanälen. Ein über den reinen Zweck hinausragendes, erhabenes Element ist bis heute die schnurgerade Allee zwischen den beiden Gestüten: Sie war früher dreispurig angelegt, in der Mitte ein befestigter Sandweg zum Fahren. An den Seiten lagen mit Gras eingesäte Reitwege. Bepflanzt war der Fahrweg mit Kastanien und Pyramidenpappeln. Winterlinden säumten die Reitwege an den Außenseiten.

Zu den Hengstparaden bevölkern neben den Pferden jedes Jahr im September Tausende Menschen das Gestüt. Dann demonstrieren die Mitarbeiter die hohe Schule der Reit- und Fahrkunst. Auch in der übrigen Zeit kann sich Neustadt nicht über Besuchermangel beklagen. Immer mehr Touristen schauen sich die komplett erhaltene großzügige Anlage an. Als Stiftung hat das Gestüt jetzt die einmalige Chance, seine Gebäude zu sanieren und gleichzeitig wirtschaftliche Fragen zu lösen.

Dabei haben sich die Neustädter in den vergangenen Jahren schon einfallsreich gezeigt. In den bereits restaurierten historischen Kavaliershäusern und einem kleinen Hotel auf dem Gelände werden Reit- und Fahrschüler untergebracht oder Gäste, die ihren Urlaub mit Pferden verbringen möchten. Um den Tourismus in der Region zu fördern, schmiedeten Landstallmeister Dr. Jürgen Müller und der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Professor Dr. Gottfried Kiesow, dem die touristische Entwicklung der östlichen Länder besonders am Herzen liegt, Pläne: Ihre Idee einer "Reiterstraße" durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wurde im Juni 2005 als Gestütsweg zwischen dem Landgestüt Redefin und dem Brandenburgischen Haupt- und Landgestüt Neustadt/Dosse verwirklicht. Eine ausgeschilderte Strecke führt über rund 160 Kilometer durch die abwechslungsreiche Kultur- und Naturlandschaft. Die Reiter oder Kutschfahrer erleben, wie sich die sanfte Hügellandschaft der "Griese Gegend" mit ihren ausgedehnten Kiefernwäldern und kleinen Mooren in die typische Flur der Südprignitz verwandelt, geprägt von Wiesen, Wald und Feldern und gesäumt von mächtigen Alleen, Hecken und kleinen Bächen. Beiderseits der vorgegebenen Route stellen sich Reiterhöfe, Landgaststätten, Bauernhöfe mit Hofläden und Sehenswürdigkeiten in einem vernetzten Angebot vor. An den einzelnen Stationen können Sportler und Erholungssuchende ihre Pferde versorgen und dort auch übernachten. Demnächst wird eine virtuelle Reitkarte verfügbar sein, auf der die Übernachtungsmöglichkeiten (mit Adressen) entlang der Route angegeben sind. Dieses attraktive Angebot wird sicherlich einen ebensolchen Erfolg haben wie ein anderes Projekt in Neustadt: Die Gesamtschule des Ortes bietet gemeinsam mit dem Gestüt Reiten als Schulfach an - als einzige in Deutschland. Die Schule, inzwischen durch ein Internat ergänzt, wird immer beliebter und zieht junge Leute - inzwischen sind es 150 - in die strukturschwache Region.

Schlichte Architektur und wilde Tiere – von diesem Reiz lebt die Anlage. 
© ML Preiss
Schlichte Architektur und wilde Tiere – von diesem Reiz lebt die Anlage.

Die Schüler kommen jeden Tag ins Gestüt und vergessen beim Striegeln, Satteln und Trensen der Pferde ihren Schulalltag, stellen sich ganz auf die Tiere und ihren Sport ein. Auch wenn es schneit, gehen sie mit den Pferden ins Gelände. Der Umgang mit den Pferden tut den Schülern spürbar gut. Auch die Lehrer der Reiterklasse sind begeistert, wie positiv sich der Sport auf die Leistungen im Unterricht auswirkt. Wenn die Mitarbeiter des Gestüts auch künftig so gute Ideen in die Tat umsetzen und geschickt das Nützliche mit dem Schönen verbinden, werden sie wohl nicht um die Zukunft ihrer Pferdezucht und ihrer klassizistischen Gebäude fürchten müssen.

Dr. Christiane Schillig