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Vor 100 Jahren schuf Hermann Hesse sein Gartenparadies am Bodensee

Ein lachendes Rot dazwischen geschmettert

Ich habe einen ewigen und unerfüllten Wunsch, unabhängig als Privatmann zu leben, wenn auch noch so bescheiden", bekennt Hermann Hesse 1903. Ein Jahr später scheint der Traum greifbar. Die Veröffentlichung des Romans vom Bauernjungen "Peter Camenzind" beschert dem 27-Jährigen den bahnbrechenden Erfolg.

Kiesplatz mit Kastanien vor dem Haus 
© Roland Rossner
Kiesplatz mit Kastanien vor dem Haus

Mit 2.500 Mark in der Tasche traut er sich erst aufs Standesamt und dann "Zurück zur Natur". Der 1877 im württembergischen Calw geborene Missionarssohn verdiente seinen Lebensunterhalt zuletzt als Buchhändler und Antiquar in Basel und verliebte sich dort in die neun Jahre ältere Maria Bernoulli, die erste Berufsfotografin der Schweiz. Deren Vater hatte dem brotlosen Schriftsteller die Hand der Tochter versagt - jetzt wird er vor vollendete Tatsachen gestellt.


Am badischen Teil des Bodensees, möglichst weit weg von allem Bürgerlich-Städtischen, will das Paar den eigenen Hausstand gründen. In Gaienhofen auf der malerischen Halbinsel Höri wird Mia, wie Hesse seine Frau nennt, fündig. Hier mieten die beiden für 150 Mark im Jahr den Wohntrakt eines alten Bauernhauses mitten im Dorf - zwei Stuben bieten Aussicht auf den Untersee. Der Dichter kostet den Luxus des einfachen Lebens aus: "Stille, Luft und Wasser gut, schönes Vieh, famoses Obst, brave Leute." Gern nimmt er in Kauf, das Wasser am Brunnen und die Lebensmittel per Ruderboot aus der Schweiz zu holen. Dafür kann er an diesem einsamen Flecken Adamskostüm statt Gesellschaftsanzug tragen.

Bald ist Hesse als freier Schriftsteller etabliert: "Ich werde ja förmlich Mode, und das wollte ich nie." Immerhin machen ihn die Bucherfolge und ein Darlehen des mittlerweile gnädiger gestimmten Schwiegervaters 1907 zum Bauherren. Die wachsende Familie - Sohn Bruno ist knapp zwei, 1909 und 1911 folgen Heiner und Martin - wünscht sich nun doch mehr Platz und einen eigenen Garten. Zudem gedeiht mit der Sesshaftigkeit auch das soziale Leben: Das Ehepaar pflegt regen Kontakt zu anderen Künstlern, die sich auf der Höri niedergelassen haben.

Hesse mit Sohn Bruno im Garten, 1908 
© Hermann-Hesse-Haus, Gaienhofen
Hesse mit Sohn Bruno im Garten, 1908

Auf einem Hügel über Gaienhofen baut der Architekt Hans Hindermann dem Dichter und der Fotografin ein schmuckes Landhaus im Schweizer Heimatstil. Ganz im Sinne der Reformarchitektur sind die Fassaden asymmetrisch gestaltet und werden von einem ausladenden, verschachtelten Dach bekrönt. Das Obergeschoss ist mit zartgrünen Holzschindeln verkleidet, die Fensterläden leuchten in kräftigem Grün. Harmonisch soll sich das Haus in die stille Landschaft einfügen. Von der Terrasse schaut man über die Wiesen und das Wasser bis nach Konstanz. Weit mehr noch wächst Hesse der eigene Garten ans Herz. Das sanft abfallende Gelände - 1908 kommt ein Stück dazu - legt er nach seinen Vorstellungen an und pflegt es eigenhändig. Er folgt keinem allumfassenden Programm, sondern verbindet Elemente des Reformgartens, der im beginnenden 20. Jahrhundert en vogue ist, mit denen des traditionellen Bauerngartens. Während der kleinere südliche Bereich zum See hin frei gestaltet ist, herrschen im nördlichen Teil klar strukturierte, mit Kieseln eingefasste Beete vor. Blumenalleen - Hesses ganzer Stolz - wechseln sich mit Nutzbereichen ab, die der Familie Obst und Gemüse im Überfluss bescheren. Ein ganz persönlicher Ort ist der Kiesplatz vor dem Haus: Sieben Kastanien sollen ihn an den Festplatz in Calw erinnern.

Der Autor, der sich später auch zum Maler berufen fühlt, komponiert seinen Garten wie ein Gemälde: "... in den Blumenrabatten verteilen wir voraussehend die Farben und Formen, häufen Blau und Weiß, schmettern ein lachendes Rot dazwischen ...". Spaten und Rechen scheinen ihm zeitweise wichtiger zu sein als die Schreibgeräte, die seinen Ruhm begründen. Der ist ihm eher lästig. Durch seine Funktion als Literaturkritiker für verschiedene Zeitungen erreichen ihn tagtäglich neue Bücher und Manuskripte. Hesse hat seine eigene Art, der Papierflut Herr zu werden: Er benutzt sie als Fundament für den breiten Sandweg. So wird manche Hoffnung eines Nachwuchsschriftstellers hier buchstäblich begraben.

Blick von der Terasse des Hauses. 
© Roland Rossner
Blick von der Terasse des Hauses.

Es scheint, als hätte er sich für die Ewigkeit in Gaienhofen eingerichtet. Doch die Lebensform, die sich der Dichter so sehr gewünscht hat, füllt ihn letztlich doch nicht aus. Er bleibt ein Einzelgänger, ist hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach Natur und anderen Menschen. Auch Mia, die das selbständige Leben zugunsten ihres Mannes aufgegeben hatte, ist nicht glücklich. Der Krise entzieht sich Hesse 1911 zunächst durch seine Indienreise. Nach der Rückkehr probiert man einen Neuanfang in Bern, der jedoch zum Scheitern verurteilt ist. 1919 trennt sich das Paar endgültig, Hesse siedelt nach Montagnola im Tessin über, wo er bis zu seinem Tod 1962 wohnen bleibt. Knapp acht Jahre hatte er mit seiner jungen Familie am Untersee verbracht, darunter fünf auf eigenem Grund und Boden. Eigentlich nur eine Episode im langen Leben des späteren Literaturnobelpreisträgers - und doch eine in vieler Hinsicht entscheidende und produktive Zeit. Nach dem Verkauf des Hauses und des geliebten Gartens 1912 nimmt er wehmütig Abschied von der Höri, vom Untersee und den "vielen Erinnerungen, deren beste ich doch mit mir nehmen werde und nie verlieren will." Im Herzstück von Hesses kleinem Paradies allerdings waren die Erinnerungen lange Zeit verschüttet. Während die erste Gaienhofener Wohnung der Familie schon seit 1993 zu besichtigen ist, blieb die zweite, individuell geplante Dichterwerkstätte dem Blick der Öffentlichkeit entzogen. Dies zu ändern, haben sich Eva und Dr. Bernd Eberwein zur Aufgabe gemacht. 2003 erwarben sie das Haus - nicht nur, um darin zu wohnen, sondern vor allem, um es als Kulturdenkmal zu bewahren und wieder zugänglich zu machen.

Das Grundstück, durch Verkauf fast auf die Hälfte reduziert, war lange sich selbst überlassen. Wo Hesse seine Rabatten gehegt hatte, taten sich Schlamm, Unkraut und Müllberge auf. Das Haus zeigte sich ebenfalls verwahrlost. In enger Absprache mit den Denkmalpflegern hat das Ehepaar zunächst dessen Sanierung durchgeführt. Dabei konnte viel Originalsubstanz gesichert beziehungsweise freigelegt werden. Das Engagement wurde 2005 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg belohnt. Bei den Themen-Führungen, die die Eberweins anbieten, überzeugten sich schon viele Tausend Besucher von der authentischen Aura der Räume.

Der südliche Garten ist noch Wildnis. 
© Roland Rossner
Der südliche Garten ist noch Wildnis.

Nun widmen sich die Eigentümer mit Unterstützung des Fördervereins Hermann-Hesse-Haus und -Garten e. V. der Wiederherstellung des Gartens nach historischem Bestand. Um den Landschaftsarchitekten eine Planungsgrundlage zu geben, war ein umfangreiches Quellenstudium nötig. Mit Akribie und Leidenschaft hat Eva Eberwein, die als Diplombiologin den nötigen Sachverstand mit einbringt, Beschreibungen, alte Fotos und Luftbilder ausgewertet. Eine besonders glückliche Entdeckung machte sie im Marbacher Literaturarchiv: eine Bleistiftzeichnung Hesses, auf der er die Gestaltung des Nordgartens genau skizzierte. Dieser wichtigste Teil konnte bereits rekultiviert werden. Dabei hat man den ehemaligen Gemüsegarten neu interpretiert: Hier gedeihen jetzt Pflanzen, die Hesse in seinen Briefen erwähnte und die an den heute halbschattigen Standort passen. Besonderer Pflege bedürfen die erhaltenen, noch von ihm gepflanzten Bäume und Sträucher. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) beteiligte sich - auch dank der Zuwendungen aus der Lotterie GlücksSpirale - mit 15.000 Euro an den Maßnahmen. Darüber hinaus hat auch die Gemeinschaftsstiftung Historische Gärten in der DSD 4.000 Euro bereitgestellt. In einem zweiten Abschnitt soll der kleinere Südgarten zum See in Angriff genommen werden. Zwar steht das Haus längst nicht mehr einsam im Grünen, doch ist die Höri noch immer ein idyllisches Fleckchen Erde. Und wenn im Hesse-Garten die Farben mit den Jahreszeiten wechseln, dann kehrt auch der Geist des Dichters an den Ort zurück, an dem er sich als Suchender fand.

Dr. Bettina Vaupel

Hermann-Hesse-Haus, Hermann-Hesse-Weg 2, 78343 Gaienhofen, Tel. 07735/44 06 53 (Führungen durch Haus und Garten einmal im Monat bzw. nach Absprache).

Hesses erste Wohnung in der Dorfmitte ist in das Hermann-Hesse-Höri-Museum integriert: Kapellenstraße 8, 78343 Gaienhofen, Tel. 07735/8 18-37.