Öffentliche Bauten 1925 Interieur Restaurierungstechniken Oktober 2007

Ein Wandgemälde in Frankfurts Universität

Das übertünchte Arkadien

Manchmal muss man Irrtümern mit dem Skalpell zu Leibe rücken. So geschehen in Frankfurt am Main. Dort war ein scharfes, filigranes Werkzeug nötig, um zu entfernen, was frühere Generationen nicht gewagt hatten: Geschickten Händen gelang es nach über 70 Jahren, hartnäckige Dispersionsfarbe von der Wand zu lösen. Auf fünf Metern Länge und dreieinhalb Metern Breite erschien auf diese Weise ein Kunstwerk der Klassischen Moderne aus dem Jahr 1929 wieder: das Fresko des Beckmann-Schülers Georg Heck (1897-1982).

Schon beinahe verloren war das Wandgemälde des Beckmann-Schülers Georg Heck. An die Beseitigung der Übermalung aus dem Jahr 1935 hatte sich bis vor zwei Jahren niemand herangetraut. 
© ML Preiss
Schon beinahe verloren war das Wandgemälde des Beckmann-Schülers Georg Heck. An die Beseitigung der Übermalung aus dem Jahr 1935 hatte sich bis vor zwei Jahren niemand herangetraut.

1935 war es von den Nationalsozialisten als entartet bezeichnet und übertüncht worden. Dank einer namhaften zweckgebundenen Spende an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und der Unterstützung des Kulturkreises Georg Heck sowie anderer kunstliebender Privatpersonen konnte das Gemälde ab 2005 freigelegt werden. Es ist ein wichtiger Bestandteil des ehemaligen I.G.-Farben-Hochhauses von Hans Poelzig im Stil der Neuen Sachlichkeit. Inzwischen gehört das Casino mit dem Festsaal zur Frankfurter Universität, und das Fresko schmückt einen Konferenz- und Seminarraum.


Überlebensgroß ist die sorglose, den Geist der Reformbewegung atmende Gruppe direkt auf die Wand aufgebracht und provozierte 1935 das neue System. Gehüllt in antikisierende Gewänder, sind die in sich ruhenden Menschen ihrer Zeit enthoben. Sie bringen Früchte und Getreide, ein Jüngling widmet sich dem Flöten-, eine Frau dem Lautenspiel, - ein modernes Arkadien. Die blassgelb-lindgrünen Farben unterstreichen den Ausflug in die Wunschwelt. Programmatisch unterlegt wird die Szenerie mit den Hölderlin-Versen: "Komm! Es war wie ein Traum! Die blutenden Fittiche sind ja schon genesen, verjüngt leben die Hoffnungen all!" Das Werk freizulegen, war für die Restauratoren eine spannende Angelegenheit. Schon 1949 plante die amerikanische Militärbehörde, die das ehemals größte Bürogebäude Europas vorübergehend als Hauptquartier nutzte, die Übermalungen in Zusammenarbeit mit Georg Heck selbst abzukratzen, aber die Bemühungen scheiterten: Man befürchtete, mit der widerstandsfähigen Tünche auch das Fresko zu zerstören.

Durch die Fehlstellen nach der Restaurierung bleiben die Brüche in der Geschichte des Gemäldes sichtbar. 
© ML Preiss
Durch die Fehlstellen nach der Restaurierung bleiben die Brüche in der Geschichte des Gemäldes sichtbar.

In den vergangenen zwei Jahren retuschierten beherzte Restauratoren dank verfeinerter Methoden die kleineren Risse, während sie größere mit grau eingefärbter Füllmasse ausglichen und sichtbar ließen. So ist das Kunstwerk keine technisch vollkommene Arbeit, sondern die Brüche in seiner Geschichte bleiben offenkundig. Den Auftrag für das Gemälde verdankte Georg Heck Lily von Schnitzler, einer Frankfurter Kunstsammlerin und Mäzenin. Gleichzeitig war sie die Ehefrau eines Vorstandsmitgliedes bei I.G. Farben und durfte ab 1929 das Gebäude mit Kunstwerken ausstatten. Da Lily von Schnitzler mit Max Beckmann befreundet war, der damals an der Frankfurter Städelschule eine Meisterklasse unterrichtete, empfahl ihr dieser für die Ausgestaltung des Roten Salons vermutlich seinen Meisterschüler Georg Heck. In seinem langen Leben schaffte Heck es, aus dem Schatten des großen Lehrers herauszutreten und eine eigene Formensprache zu finden. Er beschritt einen Mittelweg zwischen dem Expressiv-Figurativen und dem Zeichenhaft-Abstrakten. Das Gemälde im Frankfurter Poelzigbau unterliegt dem Zauber seiner frühen Schaffensjahre: Die dargestellten Menschen verkörpern eindrucksvoll die Zwischenkriegszeit, die sprichwörtliche "Ruhe vor dem Sturm". In ihrer statuenhaften Besonnenheit beschwören sie - heute wieder - den Frieden.

Dr. Christiane Schillig