Kleine und große Kirchen Archäologie 1000 Dezember 2006

Kirche und Klosterruine Memleben

Vergraben unter 1000 Jahren Geschichte

Viele einstmals große und berühmte Orte haben im Laufe der Zeit ihre Bedeutung eingebüßt und sind hernach nur noch für Experten ein Begriff. Die Wechselfälle der Geschichte haben sie gebeutelt, an ihrem einstmaligen Glanz gekratzt und sie schließlich dem Vergessen anheim gegeben.

Mythos und Historie – Eine Schatzkammer für Archäologen

In kleinen Orten wie Memleben überrascht die Diskrepanz zwischen den gigantischen Überresten der Geschichte und den bescheidenen Dimensionen gegenwärtiger Bauten besonders. Eine Stätte deutscher Kaiser und Könige - wer würde sie hier im romantischen Unstruttal vermuten? Und doch kann man an diesem Ort den Anfängen deutschen Königtums nachspüren.


Memleben, nordwestlich des Dreiecks von Naumburg, Freyburg und Weißenfels gelegen, steht heute buchstäblich im Schatten seiner berühmteren und kunsthistorisch auch bedeutenderen Nachbarn. Letzteres gilt naturgemäß vor allem für Naumburg, aber auch das bauliche Erbe von Schulpforta und die Burg Querfurt ziehen alljährlich Tausende von Besuchern an, für die das nahe gelegene Memleben nicht zwingend eine weitere Reisestation darstellt. Dass Memleben seine einstige Anziehungskraft eingebüßt hat, liegt nicht so sehr an der vermeintlich geringeren historischen Bedeutung des Ortes, sondern an der Tatsache, dass diese sich nicht mehr in prachtvollen Bauwerken, Schlössern, Kirchen oder Klosterbauten manifestiert.

Als einziger Raum des Klosterensembles ist heute noch die Hallenkrypta aus dem 13. Jahrhundert erhalten 
© ML Preiss
Als einziger Raum des Klosterensembles ist heute noch die Hallenkrypta aus dem 13. Jahrhundert erhalten

Hier, wo der erste deutsche König und sein Sohn, der erste deutsche Kaiser, gern ihre Zelte aufschlugen, zeugen nur noch Ruinen von der vormaligen Größe: Mauer- und Portalfragmente und die romantisch schönen Überreste einer spätromanischen Klosterkirche. Hier soll das Herz Ottos I., des ersten Deutschen Kaisers, des Bezwingers der Ungarn auf dem Lechfeld, begraben sein. Weiß man auch nicht viel von mittelalterlicher Geschichte, dann aber doch zumindest, dass Otto 955 diese sagenumwobene Schlacht für sich entscheiden konnte - dafür ging er später als »der Große« in die Geschichtsbücher ein. Memleben war eine von Ottos Lieblingspfalzen. Hier hielt er sich immer wieder auf, nachweislich in den Jahren 942, 948, 950 und 956; nicht zuletzt ließ er hier um das Jahr 942 eine gigantische Kirche erbauen. Schon sein Vater Heinrich I., der erste Sachsenkönig auf dem deutschen Thron, hatte, wie die Annalen wissen, Memleben eine wichtige Rolle in seinem Reich zugedacht. Noch immer galt es, die östlichen Gebiete gegen die Slawen zu sichern, die zwar unterworfen, aber noch längst nicht befriedet waren. Nicht von ungefähr bauten die Liudolfinger überall in der Region trutzige Kirchen, Pfalzen und Burgen - Quedlinburg, Gernrode, Magdeburg, Merseburg, Zeitz, Meißen, um nur die wichtigsten zu nennen, nicht zu vergessen die Königspfalz Memleben.

Memlebens Ruhm währte jedoch nur kurz. Nach acht Jahrzehnten - die Reichspolitik hatte ihre Gewichte inzwischen verschoben - drohte bereits der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Danach folgte noch so manches Wiederaufleben, nie jedoch ein Anknüpfen an das, was einstmals war. Auch die Bauwerke wurden bescheidener. Die spätromanische Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert ist vermutlich nur ein Schatten ihres gigantischen, niemals jedoch komplett fertig gestellten Vorgängers aus dem 10. Jahrhundert. Noch heute suchen die Archäologen die Visionen der Ottonen zu entschlüsseln, vieles ist bislang aber auch ihnen ein Rätsel.

Kirchenträume der Ottonen

Vielleicht ist es gerade der rätselhafte Charme des Verfalls, der die unwiderstehliche Anziehungskraft von Denkmalen ausmacht, die nur noch als Ruinen vorhanden sind.

Die Klausurgebäude auf der Nordseite von St. Trinitatis et Mariae vermitteln noch eine Vorstellung vom ehemaligen Kreuzgang 
© ML Preiss
Die Klausurgebäude auf der Nordseite von St. Trinitatis et Mariae vermitteln noch eine Vorstellung vom ehemaligen Kreuzgang

In der Zeit, in der alles bis ins letzte und kleinste Detail entschlüsselt wird und werden kann, lassen sich die Menschen faszinieren von historischen Orten, die mehr als mit Wissen und genauer Kenntnis mit Mutmaßungen und Spekulationen aufwarten. Die Geschichte des Mittelalters entzieht sich auf weite Strecken unserem Wissenwollen, das vermitteln auch die Ruinen von Memleben. Sie appellieren vielmehr an ein Verständnis von Historie, das sich auch mit ungesicherten Überlegungen abgibt, das auf die Prozesshaftigkeit der Geschichte abhebt und zulassen kann, dass vielleicht erst zukünftige Generationen das Geheimnis so manchen historischen Ortes entschlüsseln werden. Die fragmentarischen Ruinen des Gestern geben eben auch nur Bruchstücke ihres Geheimnisses preis; sie machen dem staunenden Betrachter überdies bewusst, dass die Relationen sich verschoben haben, dass das, was einstmals groß war, heute vielleicht niemals mehr so genannt würde, dass es schwer fällt, in eine fremde Haut zu schlüpfen.

So viel ist jedoch klar: Wenn die Kirche Ottos des Großen mit ihren 82 Metern in der Länge und 39,5 Metern Breite, mit den beiden Chören und den sich anschließenden stark gestelzten Apsiden, mit zwei Krypten, mit Ost- und Westquerhaus und Vierungstürmen, wenn dieser Bau auch heute noch groß genannt wird, wie müssen ihn dann erst die Zeitgenossen gesehen haben? Ein gigantisches Bauwerk muss es für sie gewesen sein, zugleich eine imposante Demonstration der Ottonenmacht gen Osten - ein Haus Gottes, aber auch eine Festung seiner Könige.

Noch heute beeindrucken das wuchtige, rustikal anmutende Kaisertor des vormaligen Westbaus sowie Überreste aus Querhaus und südlicher Langhauswand, die in langen, schmalen Sandsteinbruchsteinen geschichtet waren. Die Anlage war, wie die Denkmalpfleger wissen, aller Wahrscheinlichkeit nach streng symmetrisch angelegt und am ehesten vielleicht mit der um ein halbes Jahrhundert jüngeren Kirche St. Michael in Hildesheim vergleichbar. Trotz wiederholter Grabungen bleiben viele Rätsel ungelöst, nicht einmal die Klausur des von Otto II. im Jahr 979 gestifteten Benediktinerklosters am Sterbeort seines Vaters und seines Großvaters konnte bislang ausfindig gemacht werden.

Das fragmentarisch erhaltene Kaisertor gehört zum Klosterbau des 10. Jahrhunderts  
© ML Preiss
Das fragmentarisch erhaltene Kaisertor gehört zum Klosterbau des 10. Jahrhunderts

Mehr als über die Glanzzeit Memlebens weiß man dagegen über die nachfolgenden Jahrhunderte. 1015 hob Heinrich II., der fünfte Liudolfinger auf dem deutschen Thron, die Reichsunmittelbarkeit des kurz zuvor den wichtigsten Reichsklöstern Fulda, Corvey und Reichenau gleichgestellten Klosters wieder auf. Er unterstellte es mitsamt seinen reichen und ausgedehnten Besitzungen dem Kloster Hersfeld - als Kompensation für Hersfelder Verluste zugunsten des neu gegründeten Bistums Bamberg.

Irgendwann in den folgenden beiden Jahrhunderten gelang es Memleben jedoch, sich aus Hersfelder Oberhoheit zu lösen und als eigenständiges Kloster wiederaufzuleben. Etwa im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts gaben die Mönche die große alte Kirche auf und bauten eine neue, spätromanische Marienkirche von deutlich geringeren Ausmaßen. Die dreischiffige kreuzförmige Pfeilerbasilika besaß einen zweitürmigen Westbau, Querschiff, Vierungsturm und einen zweigeschossigen apsidialen Chor mit reichem Schmuck.

Arkadenbögen trennten in der Klosterkirche des 13. Jahrhunderts das Mittelschiff von den Seitenschiffen 
© ML Preiss
Arkadenbögen trennten in der Klosterkirche des 13. Jahrhunderts das Mittelschiff von den Seitenschiffen

Nord- und Westflügel der Klostergebäude, die sich ursprünglich auf der Nordseite an die Kirche anschlossen, kennzeichnen heute noch die allerdings nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltenen Gutsgebäude, von denen das so genannte Mönchshaus den vormaligen Ostflügel markiert. Die Klosterkirche selbst ist seit einem Brand im Jahre 1722 Ruine. Zuvor hatte die Kirche 1525 den Ansturm des Bauernkrieges überdauert, 1542 die Säkularisation und schließlich die Übertragung an die neu gegründete Fürstenschule in Pforta im Jahre 1551. Noch im 20. Jahrhundert wurde das einstmals so bedeutende sakrale Ensemble landwirtschaftlich genutzt; selbst die einzigartige Krypta musste bis 1850 als Kartoffelkeller herhalten. Das königliche Machtwort Friedrich Wilhelms IV. setzte dann jedoch ein Zeichen zugunsten ihrer längst überfälligen Restaurierung.

Restaurierung der Ruinen – ein Widerspruch?

Die Liebe und Fürsorge der Denkmalpflege gehört heute den vorhandenen Überresten der spätromanischen Klosterkirche, ihre Neugier und ungebrochene Faszination aber noch immer dem rätselhaften Vorgängerbau, dessen wenige Spuren die Archäologen wie ein Puzzle zusammensetzen. Aber nicht nur für Experten ist Memleben ein ungemein aufregender, weil geschichtsträchtiger Ort. Auch jedem Besucher gehen beim Bummel durch die verschwiegenen mittelalterlichen Ruinen die enormen Dimensionen von Zeit und Geschichte auf - ein Memento, das zu bewahren die Denkmalpflege sich zur Aufgabe gemacht hat.

Um die Ostkrypta des spätromanischen Kirchenbaus vor weiteren Feuchteschäden zu schützen und diesen einzig noch vollständig erhaltenen Teil der Kirche des 13. Jahrhunderts zu sichern, hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz seit 1993 annähernd 500000 Euro aufgebracht. Gefördert wurde auch die Sanierung des Mönchshauses, das dringend neu eingedeckt und dessen zu großen Teilen noch originales Außenmauerwerk instand gesetzt werden musste. Nicht zuletzt widmet sich seit 2003 die Dr. Mechthild Freundt-Stiftung in treuhänderischer Verwaltung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz der dauerhaften Pflege und Erhaltung der Klosteranlage Memleben.

Dr. Ingrid Scheurmann