Wohnhäuser und Siedlungen Kurioses 1925 Oktober 2006

Der Schwindel mit der Käseglocke

Künstlerkolonie Worpswede

Da steht es im Wald und schaut ganz freundlich drein: Schon kurz nach der Errichtung 1926 wurde das kleine, bunte Rundhaus auf dem Weyerberg von den Worpswedern liebevoll-spöttisch die "Käseglocke" genannt. Unter diesem Namen ist es immer noch bekannt, und auch heute stellt man bei einem Besuch fest: Das überwiegend aus Holz gebaute Kuppelhaus, von Kiefern umgeben, muß man einfach gerne haben.

Teil der Worpsweder Künstlerkolonie: die Käseglocke 
© P. Elze/Freunde Worpswedes
Teil der Worpsweder Künstlerkolonie: die Käseglocke

Das liegt zum einen an dem schlichten runden Grundriß, der an die Geborgenheit der viel zitierten "Urhütte" erinnert, zum anderen aber auch an der originellen Ausstattung des erstaunlich geräumigen Häuschens. Jede Nische in den zwei Geschossen wurde für Regale und Schränke genutzt, die Treppe geschickt an die Rundung der Außenwand angepasst.


Der Architekt Bruno Taut - schon 1914 war er mit einem Kuppelbau, dem Glaspavillon auf der Kölner Werkbundausstellung, aufgefallen - hatte eigentlich ein Wärterhaus für eine Magdeburger Ausstellung entworfen. Es erschien der Stadt allerdings als zu gewagt, so dass Taut schließlich 1921 nur den Entwurf in der Zeitschrift "Frühlicht" präsentieren konnte.

Fünf Jahre später baute der ziemlich erfolglose Worpsweder Schriftsteller Edwin Koenemann nach diesen Plänen unter seinem eigenen Namen die Käseglocke. Der Schwindel flog erst in den 1980er Jahren auf. Trotzdem kann man dem Plagiator nicht böse sein: Ohne ihn und seine Frau wäre der Entwurf nie verwirklicht worden. Nach intensiven Studien der Tautschen Architektur wählte Koenemann die Farben des Kuppelbaus aus, sie waren den Magdeburger Plänen nicht zu entnehmen. Die meisten der einfallsreichen Einrichtungsdetails gehen jedoch auf das Schriftstellerehepaar zurück. Ebenso die gemauerte Hofanlage von 1930 in skurrilen Formen aus Klinker, Kieselsteinen, Keramik-Scherben und Schmelzglasstücken.

Das ganze Grundstück ist gestaltet: hier der "Blinddarm" 
© P. Elze/Freunde Worpswedes
Das ganze Grundstück ist gestaltet: hier der "Blinddarm"

Nach Edwin Koenemanns Tod 1960 wohnte seine Witwe bis 1992 alleine in der Käseglocke. Danach machten sich die "Freunde Worpswedes" daran, in jahrelanger engagierter Arbeit das Gebäude grundlegend zu sanieren. Die Käseglocke blieb damit sozusagen in Familienhand: Der Verein wurde schon 1903 unter anderem von Heinrich Vogeler gegründet. Auch Edwin Koenemann unterschrieb die Statuten 1909. Mit Hilfe vor allem der Bezirksregierung Lüneburg und mit über 50.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte schließlich am 1. Mai 2001 die Käseglocke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Prunkstück des Hauses ist der expressionistische Ofen im Erdgeschoss. Mit seiner Originalität - auch im Material - und seiner Liebe zum Detail fasst er die Seele der Käseglocke zusammen: im Jahre 1926 hochmodern in seinen Formen und Ideen, architektonisch vollkommen auf der Höhe seiner Zeit, gleichzeitig aber sehr, sehr gemütlich. Auf der einen Seite des Ofens findet man eine Nische, in die man vom Schaukelstuhl aus seine Füße zum Aufwärmen hineinstecken kann, auf der anderen Seite des Ofens ist eine ähnliche Nische. Die ist für die Katze.

Beatrice Härig

Weitere Informationen:

Die "Freunde Worpswedes" sind unter Tel. 04792/12 77 und Tel. 04792/95 05 05 in der Käseglocke, Lindenallee 13, zu erreichen.

Diese ist täglich von 12 bis 17 Uhr im Sommer und von 11 bis 16 Uhr im Winter geöffnet, Januar und Februar nur auf Anfrage. Am besten zu erreichen ist das Haus vom Wanderweg durch die Marcusheide.

Weitere Infos im WWW:

www.freunde-worpswedes.de