Technische Denkmale Technik August 2006

„De Goede Verwagting“

Was Windmühlen erzählen können

Ob bei Familie Thaden in Neuharlingersiel Hochzeit gefeiert, ein Kind geboren oder ein Trauerfall beklagt wird, können auch die weiter entfernt wohnenden Nachbarn leicht an der Stellung der Windmühlenflügel ausmachen. Die letzten fünf Jahre war das aber nicht möglich, denn 2001 mussten die Thadens die Flügel ihres Galerieholländers "De Goede Verwagting" - die gute Erwartung - entfernen. Sie befürchteten, dass sie samt defekter Kappe hinunterstürzen könnten.

"De Goede Verwagting" gehört Familie Thaden in vierter Generation. Die Mühle wurde 1804 auf Erlass des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. im Nordseestädtchen Neuharlingersiel errichtet und erhielt Mahlgänge für Weizenmehl und Öl. Hinzu kam ein Peldegang zur Herstellung von Graupen.

Die historische Technik des Galerieholländers ist noch erhalten. 
© Wolfgang Zimpel
Die historische Technik des Galerieholländers ist noch erhalten.

1957 wurde von der Bundesregierung ein Mühlenstilllegungsgesetz verabschiedet, das die Müller vor eine schwierige Entscheidung stellte. Sie konnten entweder das damals in Mode gekommene und dann vorgeschriebene "weiße" Mehl durch die Beigabe von chemischen Zusätzen und durch ein Verfahren, das beinahe alle Vitamine und Ballaststoffe vernichtete, herstellen. Oder sie nahmen ihre Mühle außer Betrieb und bekamen eine Abfindung. Viele Müller, die den ersten Weg wählten, hielten sich wegen des großen Konkurrenzdrucks nur wenige Jahre. Von den 70.000 Getreidemühlen, die es 1875 in Deutschland gegeben hatte, existierten 1966 nur noch 6.400.

Der Vater der heutigen Besitzerin Eke Thaden, Engelbert Börgmann, wählte einen dritten Weg: Er stellte nur noch Raugut für die Produktion von Tierfutter her. Zunächst mit Windkraft und ab 1963 mit Hilfe eines großen Dieselmotors. Seit 1976 ist die Mühle nicht mehr in Betrieb, weil die Herstellung von Raugut unrentabel geworden war. Ihr äußeres Erscheinungsbild wurde später durch die Anbringung einer Windrose verändert.

Zu dem Anwesen gehören auch eine Gulfscheune und das Müllerhaus aus dem 19. Jahrhundert, das durch einen Steg mit der Mühle verbunden ist. Dort betreibt Eke Thaden eine gemütliche Teestube. Um sie bei der Erhaltung der Windmühle zu unterstützen, gründeten engagierte Bewohner Neuharlingersiels 2002 einen Förderverein. Mit vereinten Kräften und unter der Beratung des Landesdenkmalamtes sowie mit finanzieller Unterstützung des Amtes für Agrarstruktur und mehrerer Stiftungen wird seither die Sanierung der Mühle vorangetrieben. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz stellte im letzten Jahr 30.000 Euro bereit. Daher konnte sich die Windmühle am 5. Juni, dem diesjährigen Deutschen Mühlentag, stolz mit neuen Flügeln präsentieren. Das Mahlen war an diesem Tag aber nicht möglich, denn die historische Technik muss erst noch gangbar gemacht werden.

Carola Nathan