Wohnhäuser und Siedlungen Sehen und Erkennen Handwerk August 2006

Auf den Spuren einer alten Volkskunst

Kunst am Bauernhaus

Das Fachwerk prägt zahlreiche Ortsbilder in Deutschland. Es gewann im Laufe seiner Geschichte und in den verschiedenen Kulturlandschaften eine Fülle von Erscheinungsformen. Man sollte es deshalb nicht nur als geschlossene Wand in anheimelnden historischen Dörfern und Städten, sondern auch im Detail wahrnehmen. Dabei wird man immer wieder Neues entdecken und Zusammenhänge erkennen zwischen dem praktisch Notwendigen und dem Bereichern mit Schmuckformen.

Aufgeraute Oberfläche während der Arbeiten an einem Haus am Limburger Fischmarkt 
© G.Kiesow
Aufgeraute Oberfläche während der Arbeiten an einem Haus am Limburger Fischmarkt

Deshalb gilt es, sich nicht nur mit dem hölzernen Gerüst aus Ständern und Riegeln oder mit den Ausfachungen zu befassen, sondern sich auch der Gestaltung der Gefache zu widmen. Bei bäuerlichen Nutzbauten im ländlichen Raum trug man auf das Flechtwerk in den Gefachen einen einfachen Lehmputz auf, den man mit einem Holzkamm an der geglätteten Oberfläche aufraute, um eine Haftbrücke für den geplanten Kalkputz zu schaffen, wie es an einem Fachwerkhaus am Fischmarkt in Limburg während der Bauarbeiten zu erkennen war. Der hier neu geschaffene Lehmputz zeigt die traditionelle Art der Verarbeitung. Mit diesem einfachen Lehmputz hat man sich aber vielfach nicht begnügt, sondern in den noch feuchten, weichen Lehmputz allerlei Ornamente mit Hilfe eines Holzstabes eingedrückt, so wie dies an einer Scheune im hessischen Schotten-Eichelsachsen (Vogelsbergkreis) gut erhalten ist. Man erkennt stilisiert dargestellte Tiere und Pflanzen, eingefasst von einem Rahmenprofil. Ob hier eine weiße Kalkschlämme vorhanden war und abgewittert ist, ist nicht mehr abzulesen.

Bei einer Scheune in Herzhausen (Kreis Marburg-Biedenkopf, Hessen) liegt auf dem Unterputz aus Lehm ein Kalkputz, in den hinein geometrische Felder, besetzt mit Kreisen, eingedrückt worden sind. Die plastische Wirkung der vertieften Teile wurde durch eine Art von Schraffur verstärkt, die der erhabenen Stellen durch die Kalkschlämme hervorgehoben.

Neben geometrischen Motiven wurden auch Pflanzen- und Tiermotive in den Putz gedrückt.  
© G.Kiesow
Neben geometrischen Motiven wurden auch Pflanzen- und Tiermotive in den Putz gedrückt.

Neben diesem Verfahren zur Verzierung der Gefache, das Stippputz genannt wird, konnte man früher häufig den Kratzputz beobachten, der jetzt leider sehr selten geworden ist, da die originalen Putzfelder aus Mangel an Pflege abgefallen sind, für die Herstellung neuer aber die geeigneten Handwerker fehlen. In Bellnhausen (Kreis Marburg-Biedenkopf) wurde vor mehr als 30 Jahren ein besonders schöner Kratzputz fotografiert.

Bei dieser Technik wurde der Putz in einer unteren dunklen und einer oberen hellen Lage aufgetragen, dann die obere so herausgekratzt, dass sich vor dem dunklen Untergrund helle Ornamente oder Figuren abheben. Dies kann flächig oder, wie in einem anderen Beispiel aus Herzhausen, auch im Flachrelief erfolgen. Im Grunde ist es die Technik des italienischen Sgrafitto, nur für den bescheideneren Zweck von der höfischen Kunst in die Volkskunst übertragen. Das trifft auch für die Ornamentik selbst zu, die ihre eigene Qualität besitzt und die man nicht an der hauptberuflich tätiger, akademisch geschulter Künstler messen darf. Es waren die Bauern selbst oder Handwerker, die häufig zugleich eine kleine Landwirtschaft betrieben und die sich trotz schwerer körperlicher Arbeit und bescheidener Lebensumstände die Freude an der Verschönerung ihrer Umwelt bewahrt hatten. Dabei verfügten sie trotz fehlender Ausbildung über eine geradezu traumhafte gestalterische Sicherheit, wie man sie auch an den Bemalungen alter Bauernmöbel feststellen kann.

Besonders plastische Muster wurden mit Kratzputz erreicht.  
© G.Kiesow
Besonders plastische Muster wurden mit Kratzputz erreicht.

Die Industrialisierung hat diese Volkskunst mit dem Vordringen von Fertigprodukten restlos zerstört, der Baustoffhandel und die Fertighausindustrie unserer Zeit, die ihre Produkte bundesweit ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Kunstlandschaften zwischen Alpen und Nordsee verbreiten, haben das ihrige dazu beigetragen. Die Perfektion neuer Produkte mit ihrer pflegeleichten Glätte prägt den Geschmack der Landbevölkerung noch stärker als den der Bürger in der Stadt und ließ die historischen Kratz- und Stippputze nahezu restlos verschwinden.

Reste eines strukturierten gotischen Putzes am Kirchplatz in Bad Hersfeld 
© G.Kiesow
Reste eines strukturierten gotischen Putzes am Kirchplatz in Bad Hersfeld

Ornamente der Volkskunst lassen sich zeitlich schwer einordnen, da es für die bescheidenen Nutzbauten keine urkundlichen Nachrichten, häufig auch keine Bauinschriften gibt. Gegenüber den fest datierten Vorbildern der städtischen Kunst muss man wegen der konservativen Grundhaltung des Dorfes mit beachtlichen zeitlichen Verschiebungen rechnen. So wären die abgebildeten Beispiele dem 18. oder 19. Jahrhundert zuzuordnen. Dagegen kann das Beispiel für die Strukturierung von Putzfeldern eines städtischen Fachwerkhauses im hessischen Bad Hersfeld, Kirchplatz 5, durch die dendrochronologische Altersbestimmung des Bauholzes auf etwa 1452 eingegrenzt werden. Bei der vor etwa 20 Jahren durchgeführten Instandsetzung entdeckte man unter späteren Putzlagen den originalen gotischen Putz. An der dem Kirchplatz abgewandten Langseite hatte er eine besondere Struktur erhalten. Sie war dadurch entstanden, dass man im feuchten Zustand mit einem dreieckigen Holz ein Muster eingedrückt hatte. In einem Gefach im obersten Geschoss der Fassade wurde ein Schachbrettmuster aus zwei Lagen unterschiedlich dunklen Putzes herausgekratzt. Wegen der hohen Kosten konnte man die anderen Gefache nicht nach diesem mittelalterlichen Vorbild rekonstruieren, hat sie aber vorbildlich mit einem heute in der Denkmalpflege empfohlenen Kellenputz versehen.

Bei der Sanierung des Hauses in Bad Hersfeld wurden auch die alten Muster am Giebel erhalten. 
© G.Kiesow
Bei der Sanierung des Hauses in Bad Hersfeld wurden auch die alten Muster am Giebel erhalten.

Dabei kommt es darauf an, dem Putz jene natürliche Oberflächenbewegung zu lassen, die beim Verputzen allein mit der Kelle und ohne Einsatz moderner Reibebretter von allein entsteht. Ein für heutige Neubauten geforderter, absolut glattgezogener Putz würde nicht zu den ungleichmäßigen, ganz im natürlichen Wuchs der Stämme belassenen Ständern, Riegeln und Schwellen passen. Sie sind nicht aus einem dicken Stamm glatt herausgesägt, sondern mit der Breitaxt aus dem Rundholz zu einem rechteckigen Querschnitt bearbeitet worden. Die Bearbeitungsspuren und Altersrisse verleihen dem Eichenholz eine lebendige Oberfläche, die in den Putzfeldern mit leicht bewegter Oberfläche und dem Spiel von Licht und Schatten eine Entsprechung findet.

Es wird nicht leicht sein, ähnliche Beispiele wie die hier gebrachten aufzuspüren, doch mit geschärftem Auge kann man vielleicht manche Entdeckung machen oder sich ein Urteil über zeitgenössische Putzfelder bilden.

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

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