Schlösser und Burgen August 2006

Das Ivenacker Schloss braucht Hilfe

Kleinod in Gefahr

Beim Anblick der mächtigen Eichen in Ivenack fällt mir die Legende zu ihrer Entstehung ein. Man erzählt sich, dass nicht alle Nonnen hinter den Mauern des dortigen Zisterzienserinnenklosters glücklich gewesen seien.

Sieben von ihnen gingen daher einen Pakt mit dem Teufel ein. Er versprach, ihre Flucht zu organisieren. Allerdings stellte er eine Bedingung: Bis Stavenhagen durften die Nonnen sich nicht umdrehen. Doch ihre Neugierde siegte: Sie schauten zurück und verwandelten sich augenblicklich in eben jene Eichen, vor denen Tag für Tag Hunderte von staunenden Besuchern stehen. Die Baumstämme haben einen so großen Umfang, dass die Ivenacker sogar ihren Zuchthengst Herodot darin vor den Franzosen verstecken konnten, der 1806 auf Befehl Napoleons beschlagnahmt werden sollte. Doch sein Wiehern verriet ihn.


Zwei Pferdebüsten erinnern in Ivenack an Herodot, der erst durch die Intervention Blüchers nach Mecklenburg zurückkehrte. Eine hängt am Giebel des Marstalls, die andere über der Tür zur Reithalle im Inneren des Gebäudes. Sie ist zerbrochen, wie der Marstall, der zum Ivenacker Schlossensemble gehört, insgesamt einen überaus trostlosen Anblick bietet. Aus dem beschädigten Dach wachsen Bäume, und die Fußböden sind mit dem Kot von Mauerseglern übersät, die fröhlich zwitschernd durch das Barockgebäude fliegen. Bis 1995 wurde der Marstall noch von einem Reiterhof genutzt, und in der Reithalle fanden Dorffeste statt. Das wurde dann aus Sicherheitsgründen verboten. Die Gemeinde sucht seit geraumer Zeit nach einem neuen Nutzer, der auch die Kosten für die dringend notwendige Sanierung übernimmt - bislang ohne Erfolg.

Auch das Teehaus (oben) und die Orangerie warten auf eine Sanierung. 
© ML Preiss
Auch das Teehaus (oben) und die Orangerie warten auf eine Sanierung.

Für das benachbarte Schloss sowie für die Orangerie und das Teehaus im Schlosspark hatte man dagegen im Jahr 2000 einen Käufer gefunden. Den Gebäuden, die seither immer mehr verfallen, hat das aber nicht geholfen. Die Autorin und Regisseurin Marion von Keller, die einen Teil ihrer Kindheit bei ihren Verwandten im Schloss verbrachte, möchte das Land Mecklenburg-Vorpommern motivieren, das Ensemble nicht als Last, sondern als große Chance für die touristische Entwicklung der Region zu sehen. Sie kämpft darum, dass die Anlage endlich saniert wird.

Die bezaubernde Anlage hätte eine gesicherte Zukunft verdient. Der Dichter Fritz Reuter aus dem benachbarten Stavenhagen nannte den Ort zu Recht eine der Ruhe geweihte Oase, "die, einer schlummernden Najade gleich, sich auf grünender Au und blumiger Wiese gelagert hat und ihr vom Laube tausendjähriger Eichen umkränztes Haupt in dem flüssigen Silber des Sees spiegelt".

Die ehemalige Schlosskirche von Ivenack 
© ML Preiss
Die ehemalige Schlosskirche von Ivenack

Das Schloss war Ende des 16. Jahrhunderts vermutlich auf den Fundamenten des Zisterzienserinnenklosters errichtet worden, das hier von 1252 bis zur Reformation bestanden hatte. Orangerie und Teehaus stammen ebenfalls aus der Erbauungszeit. Das Schloss wurde im 18. und 19. Jahrhundert erweitert, der barocke Schlosspark um 1800 zu einem englischen Landschaftsgarten umgestaltet.

Zum Ensemble gehört auch eine barocke Kirche, die im Kern wohl noch aus dem 13. Jahrhundert stammt. An ihrer Sanierung konnte sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz von 1996 bis 2004 dank vieler Spenden von Privatleuten, Stiftungen und dem Verein Dorfkirchen in Not beteiligen. Die Kirche wurde im August 2004 wieder eingeweiht. Nun finden dort Gottesdienste, Hochzeiten und Konzerte statt. Ihre dauerhafte Pflege garantiert die Helmut und Eva Blümener-Stiftung, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz treuhänderisch verwaltet wird.

Ein Gedenkstein an der Kirche erinnert an den letzten Patron, Albrecht Graf von Plessen, Freiherr von Maltzahn, der sich zusammen mit seiner Frau Magdalena und der Krankenschwester Emma Fuchs am 2. Mai 1945 nach schweren Misshandlungen durch russische Soldaten das Leben nahm. Das Schloss wurde nach dem Krieg zunächst von Flüchtlingen bewohnt, später diente es als Alten- und Behindertenwohnheim.

Einer der großen Festsäle im Schloss 
© ML Preiss
Einer der großen Festsäle im Schloss

Trotz dieser Nutzung ist viel von der historischen Ausstattung aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten: das eindrucksvolle Treppenhaus mit dreiläufiger Treppe, die Wandschränke in der Bibliothek, Wandvertäfelungen, Parkett und Kamine. Man hat bei der Teilung des großen Festsaals sogar darauf geachtet, den wertvollen Deckenstuck so weit wie möglich zu schonen.

Das als nationales Kulturgut eingestufte Ensemble wird heute von Menschen besucht, die ihren Urlaub in diesem von der Natur verwöhnten Fleckchen Erde verbringen. Sie kommen vor allem wegen der tausendjährigen Eichen, nehmen aber gerne die angebotenen Führungen wahr. Bis zu 2.500 Gäste sind es pro Jahr, die sich von den Geschichten gefangen nehmen lassen, die es über das Schloss und die Kirche zu erzählen gibt.

Ivenack ist immer noch die von Fritz Reuter beschriebene Oase, wo man bei einem Spaziergang durch den idyllischen Schlosspark, beim Besuch des beeindruckenden Tierparks und beim Rudern auf dem romantischen See seine Seele baumeln lassen kann. Man wünscht diesem Ort, dass er die Ruhe behält, gleichzeitig aber belebt wird.

Carola Nathan

Schloß Ivenack liegt rund zehn Kilometer östlich von Reuterstadt Stavenhagen.

Informationen: Marion von Keller, Tel. 04102/6 32 32, E-Mail: marionvonkeller@web.de

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1 Kommentare

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    Doris Kleene schrieb am 21.03.2016 11:18 Uhr

    Immer, wenn wir zur Jagd in unser Revier nach Ivenack fahren, halten wir inne. Ob am Tag oder angestrahlt bei Nacht - wir halten inne. Es ist die Vergangenheit, die dieses Kleinod ausstrahlt. Und dann wird in der Gemeinde durch den Chor der Innenraum zu allen möglichen Verantaltungen zu neuem Leben erweckt. Wir kennen liebe Menschen, die ein wachsames Auge darauf haben, damit nichts zerstört wird. Denen danken wir, dass wir daran teilhaben können, wenn der Wind um die Kirchturmspitze weht und uns zuzuflüstern scheint, daß die Zeit vielleicht alle großen und kleinen Wunden heilt.

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