Wohnhäuser und Siedlungen Landschaften, Parks und Friedhöfe August 2006

Wie man im Artland historische Höfe rettet

Hochzeitsbänke im Backhaus

Als der Artländer Bauer Henrich Wehlborg im Jahr 1750 ein neues Wohnhaus in Wehdel bei Badbergen errichten wollte, sollte im Giebel besonders viel Holz verbaut werden. Denn damit konnte er seinen Wohlstand angemessen zeigen.

Die Wehlburg im Museumsdorf Cloppenburg 
© Florin Laubenthal
Die Wehlburg im Museumsdorf Cloppenburg

Doch das wollte auch sein Nachbar. So gerieten die beiden Bauern in einen Wettstreit, den Henrich Wehlborg schließlich mit einer List gewann: Sein Zimmermann Hermann Wehage schnitzte nämlich in die Balken zunächst nur die Zapflöcher für sechs Ständer mit drei Riegeln beiderseits des Tores. Erst als der Giebel des Konkurrenten mit acht Ständern und vier Riegeln gerichtet war und nichts mehr verändert werden konnte, nahm Wehage den Giebel der Wehlburg wieder auseinander und erweiterte ihn auf acht Ständer mit je fünf Riegeln.


Dass diese Geschichte, die man sich heute noch gerne im Artland nördlich von Osnabrück erzählt, nicht erfunden ist, konnten Zimmerleute feststellen, die die Wehlburg 1972 demontierten, um sie anschließend im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufzubauen. In diesem Freilichtmuseum kann man seither die prächtige Anlage bewundern. Sie besteht aus Wohnhaus, Torscheune, Dresch- und Getreidescheune, Wagenscheuer, Remise, Backhaus sowie Holz- und Torfschuppen. Wie seinerzeit in Wehdel, so führt auch im Museumsdorf eine Eichenallee auf die Torscheune zu, und aus der Seitentür des Wohnhauses blickt man auf einen hübsch angelegten, mit Buchsbaum- und Taxushecken eingefriedeten Bauerngarten, der für die Artländer Höfe typisch ist.

Das originale Mobiliar aus der Wehlburg - darunter die Alkoven, in denen die Bauersleute schliefen - ist ebenfalls zu sehen. Die Stiftung "Kulturschatz Bauernhof" kümmert sich seit 1998 darum, dass Möbel, Gemälde und Urkunden von Höfen des Weser-Ems-Raumes nicht auf Flohmärkten verkauft werden. Die Stiftung hilft bei der Restaurierung und hofft so, dass die Stücke in der Region bleiben.

Der hübsche Bauerngarten der Wehlburg 
© Florin Laubenthal
Der hübsche Bauerngarten der Wehlburg

Der Konkurrenzhof zur Wehlburg, der Hof Berner, befindet sich noch an seinem alten Platz in Badbergen-Wulften. Mit ihm stehen mehr als 100 Einzel-Hofanlagen in der Samtgemeinde Artland, zu der die Stadt Quakenbrück sowie die Gemeinden Badbergen, Menslage und Nortrup gehören, unter Denkmalschutz. Sie liegen gleichmäßig über die Region verteilt und sind von Eichenhainen umgeben, so dass man fast von einer parkartigen Landschaft sprechen kann.

Die Bauern verdankten ihren Wohlstand dem Flüsschen Hase, das das Artland jedes Jahr mit fruchtbarem Boden aus dem Wiehengebirge überschwemmte. Die beeindruckenden Hofanlagen sind oft nach dem gleichen Grundriss angelegt. Die Wohnhäuser - niederdeutsche Hallenhäuser - in denen man auf der großen Diele lebte, sein Vieh hielt und Getreide lagerte, sind meistens die ältesten Gebäude. Nach und nach errichteten die Bauern um das Wohnhaus Ställe, Scheunen und Remisen, so dass ein Innenhof entstand, den man durch ein Torhaus erreichte. Meist außerhalb des eigentlichen Hofes befinden sich bis heute die Backhäuser. Dort stehen auch die Gebäude, in denen sogenannte Heuerlinge wohnten. Sie mieteten - "heuerten" - diese Häuser und mussten für das Land, das sie bewirtschaften wollten, eine Pacht bezahlen. "Im Gegenzug arbeiteten sie für den Bauern eine vertraglich festgelegte Zeit, wenn auf den Höfen besonders viel zu tun war, also bei der Ernte oder beim Dreschen des Getreides im Winter", erläutert Hermann Meyer zu Devern, dem ein Hof in Badbergen gehört.

Etwas abseits der Anlage gibt es auch dort ein Heuerhaus, in dem bis in die 1960-er Jahre Heuerlinge wohnten. Sie verdienten sich die zu entrichtende Pacht durch Korbflechten und Zimmermannsarbeiten.

Seit vielen Jahrhunderten ist der Betrieb im Besitz der Familie Hermann Meyer zu Devern. Seine Vorfahren erbauten das Wohnhaus 1779, im 19. und 20. Jahrhundert kamen Scheunen, Speicher und Ställe hinzu. Wie bereits zur Erbauungszeit stehen die Kühe in Ställen auf der Diele des Wohnhauses. Das "Flett", also der zu den Ställen hin ursprünglich offene Bereich, wo man sich wusch, kochte und aß - die Schlafzimmer lagen dahinter im sogenannten Kammerfach - ist heute durch eine Scherwand von der Diele getrennt.

Der Wohnraum in der Wehlburg, Flett genannt  
© Florin Laubenthal
Der Wohnraum in der Wehlburg, Flett genannt

Da das Haus aber unter dem enormen Stoffwechsel der 30 Milchkühe auf der Diele leidet, überlegen sich Meyer zu Deverns, einen neuen Stall zu bauen. "Vor hundert Jahren standen auf der Diele zehn Kühe, die je 4.000 Liter Milch gaben. Heute haben wir dort 30 Tiere, von denen wir 8.000 bis 9.000 Liter bekommen, weil sie viel größer sind", erläutert der Landwirt die veränderten Verhältnisse.

Auf der Diele von "Elting's Hof" in Badbergen-Vehs gibt es dagegen kein Vieh mehr. Es zieht nur noch ein dezenter Stallgeruch durch den Raum. Im Frühjahr 2000 hat Albrecht Bussmeyer seine Bullen, die dort standen, verkauft und den großen Raum zum Restaurant "Elting's Diele" umgebaut. Seither kann man dort feiern und die Sonntage mit einem zünftigen Artländer Bauernfrühstück beginnen.

Das Restaurant ist nur eine von mehreren Ideen, mit denen Marianne und Albrecht Bussmeyer versuchen, ihren 328 Hektar großen Hof, der seit über 600 Jahren in Familienbesitz ist, zu halten. In einem Speicher aus dem 19. Jahrhundert richteten sie einen Hofladen ein, in dem sie vor allem Wurst und Schinken von ihren Mastschweinen, Marmelade und eingemachtes Gemüse verkaufen. Als das Backhaus vor einigen Jahren dringend saniert werden musste, kam den Bussmeyers die Idee, dort ein Café zu eröffnen. Die Gäste sitzen besonders gerne auf den Hochzeitsbänken, die früher für die Brautleute auf den Kutschen befestigt waren. Auf dem Hof gibt es außerdem drei Ferienwohnungen.

Die Diele von Elting’s Hof ist heute ein Restaurant. 
© Florin Laubenthal
Die Diele von Elting’s Hof ist heute ein Restaurant.

Das Konzept von Marianne und Albrecht Bussmeyer scheint aufzugehen. Sie hoffen, dass eines ihrer Kinder den Hof einmal übernehmen wird. Da die Situation wegen BSE, der Maul- und Klauenseuche und der Probleme, die aus dem Strukturwandel in der Landwirtschaft resultieren, von Jahr zu Jahr problematischer wird, verzichten nämlich immer mehr Erben darauf, die Betriebe weiterzuführen. Es stehen daher viele Höfe leer. Wie neues Leben und neue Arbeit in die Anlagen einziehen und die Substanz der Gebäude denkmalgerecht erhalten werden kann, möchte der Landkreis Osnabrück mit dem Projekt "Zukunft StARTLAND" in den Griff bekommen. Finanzielle Unterstützung erhielten Hermann Meyer zu Devern, Albrecht Bussmeyer und andere Landwirte außerdem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Im Rahmen eines speziellen "Artländer-Bauernhausprogramms" stellte sie rund 87.000 Euro für die Sanierung der Höfe bereit.

Die gewerbliche Umnutzung eines Artländer Hofes wird von der Bevölkerung nicht immer ohne Probleme akzeptiert. Als die Bezirksregierung alteingesessenen Besitzern gestattete, auf ihrem Gelände ein Krematorium für Kleintiere zu errichten, wurde dagegen massiv protestiert. Nicht nur die Landwirte befürchteten, dass die Kadaver Seuchen in das Gebiet einschleppen und die Anlage Touristen abschrecken könnte.

Wie sensibel und traditionsbewusst auch ortsfremde Neubesitzer mit der historischen Bausubstanz der Artländer Höfe umgehen können, haben Sabine und Herman Van den Weghe bewiesen. Der flämische Professor und seine aus Hameln stammende Frau kauften 1998 die zweieinhalb Hektar große Hofstelle "Brake" in Badbergen-Grönloh, die sie seither in kleinen Schritten denkmalgerecht sanieren. Im Kälberstall richteten sie eine 70 m² große Ferienwohnung ein und eröffneten auf der Diele das Pferdemuseum Artland. Die Pläne für die Umnutzung des Gebäudes hatten Van den Weghes zusammen mit Teilnehmern eines Denkmalpflege-Weiterbildungsprojekts für arbeitslose und arbeitssuchende Akademiker und Handwerker, Oikolog, erarbeitet. Diese haben auch eine kostenlose Gesamtdokumentation des Hofes erstellt und dabei herausgefunden, dass die ältesten Hölzer des Wohnhauses um 1690 verarbeitet wurden.

Auf dem Hof Brake in Badbergen-Grönloh kann man auch Urlaub machen. 
© Florin Laubenthal
Auf dem Hof Brake in Badbergen-Grönloh kann man auch Urlaub machen.

Einen Wettstreit, wer den holzreichsten Wohnhaus-Giebel im Artland besitzt, können sich die Landwirte heute nicht mehr leisten. Für sie wird es vielmehr immer schwieriger, ihre Betriebe wettbewerbsfähig zu halten. Es ist dieser einmaligen Kulturlandschaft daher zu wünschen, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft nicht dazu führt, dass die prächtigen Höfe keine Zukunft mehr haben.

Carola Nathan