Öffentliche Bauten Interieur Juni 2006 B

Zur Geschichte des Badens

Von der Therme bis zum Wellnesstempel

Wohlig warmes Wasser, duftende Essenzen, Reinigung, Entspannung - diese Assoziationen verbinden wir spontan mit einem Bad in der Wanne. Niemand möchte die Möglichkeit missen, den Tag mit einer erfrischenden Dusche zu beginnen oder auch, ab und zu, mit einem Bad zu beschließen. 75 Prozent der Deutschen duschen heute täglich. In den allermeisten Fällen ist ein Badezimmer mit Wanne oder wenigstens mit einer Dusche selbstverständlicher Teil einer Wohnung.

Die Reinigung des Körpers mit Wasser ist so alt wie die Menschheit - möchte man meinen. Und kann sich kaum vorstellen, dass es Zeiten gab, in denen Wasser und Waschen verpönt waren. Nachdem aufgrund der Seuchengefahr die meisten mittelalterlichen Badestuben geschlossen hatten, galt in Europa etwa seit dem 16. Jahrhundert Waschen als ungesund. Man nahm an, das Wasser dringe durch die Haut in den Körper und schädige die Organe. Im prunkverliebten Zeitalter des Barock und Rokoko versuchte man, sich der unangenehmen Körpergerüche mit Puder, Parfum und Perücke zu entledigen. Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert setzte langsam ein Bewusstseinswandel ein. 1761 eröffnete man in Paris auf der Seine ein öffentliches "Badeboot". Schon bald darauf wurden nach französischem Vorbild in Frankfurt auf dem Main zwei Badeschiffe eingerichtet.

Das Badekabinett in Schloss Brühl, entstanden zwischen 1735 und 1745. 
© R.Rossner
Das Badekabinett in Schloss Brühl, entstanden zwischen 1735 und 1745.

Badezimmer mit Badewannen waren Ende des 18. Jahrhunderts noch selten. Clemens August ließ sich zwischen 1735 und 1745 in seiner Lieblingsresidenz, dem Schloss Augustusburg in Brühl, ein aufwendiges "Badekabinett" einrichten. Doch waren es vor allem die kunstvollen blau-weißen Fliesen, mit denen der Raum bis zur Decke verkleidet war, die es dem Kölner Kurfürsten angetan hatten. Zwar zeigt der elegante Stuckfries allerlei Bad- und Toilettenutensilien wie Waschschüsseln, Kämme, Schwämme, Scheren und Gefäße mit Kräutern und Blumen. Doch es ist auch überliefert, dass Clemens August, wenn er ein Bad nehmen wollte, die Badewanne erst mit einem Ochsengespann aus seiner Bonner Stadtresidenz holen lassen musste. Sein "Badekabinett" war weniger ein Badezimmer als vielmehr ein willkommener Anlass für eine prunkvolle Auskleidung eines Zimmers mit Ornament-Fliesen, die in dieser Zeit als besonders vornehm und wertvoll galten.

Die Heilwirkung von Thermalquellen war schon in der Steinzeit bekannt. In der Antike bildeten die Hochkulturen des Orients, die Griechen und dann vor allem die Römer eine Badekultur aus, die bis heute ihresgleichen sucht. Nicht von ungefähr eifern die Spaßbäder und Wellnesstempel unserer Zeit in Namensgebung, Aufbau und Innenausstattung antiken Vorbildern nach. Die Römer entwickelten das Baden zu einer ausgedehnten Zeremonie, die körperliche Regeneration, geistige Kontemplation und gesellschaftliches Leben miteinander verband. Das römische Badewesen gipfelte in riesigen Thermen - manche von ihnen fassten bis zu 1.000 Besucher - mit luxuriöser Ausstattung: Unterhaltungs- und Vergnügungssälen, Bibliotheken und sogar Palästen, in denen sportliche Wettkämpfe ausgetragen wurden. Die Thermen verdrängten das frühantike Wannenbad, das nur noch in den Häusern wohlhabender Bürger weiter benutzt wurde.

Auch die heutigen Bäder zeigen Anklänge an antike Vorbilder: Frigidarium im Münchner Volksbad. 
© Günter Standl
Auch die heutigen Bäder zeigen Anklänge an antike Vorbilder: Frigidarium im Münchner Volksbad.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie römische Männer - das öffentliche Bad war dem arbeitenden männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten - in den weitläufigen Anlagen würdevoll auf und ab schritten und sich in den verschieden temperierten Bereichen niederließen. Da gab es zum Beispiel das Tepidarium (tepidus, lat. mild), das Caldarium (calidus, lat. warm, heiß), das Laconium (Schwitzbad, vermutl. benannt nach den Lakoniern), und das Frigidarium (frigidus, lat. abkühlend). Helle Räume mit großen verglasten Fenstern gestatteten selbst im Winter Sonnenbäder. Ein ausgeklügeltes Heizungssystem unter dem Fußboden und Tonröhren zwischen den Wänden gewährleistete eine gleichmäßige Temperatur in den einzelnen Bereichen.

Erstaunlich, dass mit dem Ende des römischen Reiches diese Badekultur vollständig verschwand. An den mittelalterlichen Höfen gab es Bäder mit gemauerten Becken, doch für das "gemeine Volk" war das Warmwasserbad unüblich. Erst im späten Mittelalter entstanden öffentliche Badestuben, in denen gern und viel im warmen Wasser gebadet wurde. Sie wurden von einem "Bader" geführt, der bei Bedarf auch chirurgische Eingriffe vornehmen und Männer rasieren durfte. Sogar in den Dörfern gab es diese gemeinschaftlichen Stuben, die als gesellige Treffpunkte mit anderen ausschweifenden Vergnügungen verbunden wurden. Die Ausbreitung von Krankheiten trug dazu bei, dass die mittelalterlichen Badestuben mit der beginnenden Neuzeit geschlossen wurden. Mit Reformation und Gegenreformation verbreitete sich gleichzeitig eine Körperkultur, die das öffentliche Reinigen des Körpers als moralisch nicht vertretbar verurteilte. Es sollte bis zum 19. Jahrhundert dauern, bis öffentliche Badeanstalten erneut salonfähig wurden.

Kinder im Stadtbad von Viersen 
© ML Preiss
Kinder im Stadtbad von Viersen

Ein eigenes Badezimmer konnten sich im 19. Jahrhundert auch in den europäischen Großstädten immer noch die wenigsten leisten. Das Wasser musste umständlich am Küchenherd erwärmt werden. Diese mühsame Prozedur mag einer verbreiteten Befürchtung Vorschub geleistet haben, man könne sich vom Baden erkälten oder durch das Baden den gesundheitlichen Allgemeinzustand schwächen. In Paris sollen 1863 mehr als Tausend Kleinunternehmer eine Lizenz gehabt haben, heißes Wasser zu verkaufen. Sie lieferten das Wasser mitsamt der Wanne auf einem zweirädrigen Karren an bessergestellte Bürger, die es sich leisten konnten, zum wöchentlichen Warmbad eine Badewanne zu mieten. 1855 besaßen fast alle Londoner Haushalte einen Wasserzulauf, aber nur wenige davon waren auch an die Kanalisation angeschlossen.

Wie in anderen europäischen Ländern erkennt man nun auch in Deutschland den Bäderbau als Maßnahme der Stadthygiene und der "Volksgesundheit" - Turnvater Jahn und Pfarrer Kneipp standen Pate - und fördert seit 1870 den Bau öffentlicher Schwimmbäder. Bis zur Jahrhundertwende sind sie in allen großen Städten zu finden. "Geh' hier fleißig ein und aus, dann bleibt der Arzt Dir aus dem Haus!" lautete etwa der Sinnspruch, mit dem die Gäste im Stadtbad von Viersen begrüßt wurden.

Badetempel der Jahrhundertwende: Das Johannisbad in Zwickau. 
© ML Preiss
Badetempel der Jahrhundertwende: Das Johannisbad in Zwickau.

Das zur Jahrhundertwende aufblühende "Volksbad" war aber keineswegs eine Einrichtung "für alle". Bürger vermieden es, zusammen mit Arbeitern in das Wasser zu steigen, und es galt als unschicklich, als "Herr der Gesellschaft" mit Frauen oder Schülern im gleichen Becken zu schwimmen. Gestaffelte Eintrittspreise und Öffnungszeiten regelten dies. "Während auf die Arbeitszeit der Männer Rücksicht genommen ist, hat man für die Frauen nur die Zeit zwischen 9.30 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr offen gehalten. Wie soll es einer berufstätigen Frau möglich sein, baden zu gehen; wie den Frauen, die im Hause beschäftigt sind?" beschwerte sich 1907 die Monatszeitschrift "Die Frau". In den meisten Bädern gab es getrennte Bereiche für Männer und Frauen, zusätzlich trennten manchmal "Armenhallen" zwischen Arm und Reich. Zuweilen gab es auch eigene Becken für Hunde.

Waren die ersten Bäder der Kaiserzeit noch schlichte Zweckhallen mit Neorenaissance-Fassaden, setzte das 1901 in München erbaute "Müller'sche Volksbad" neue Maßstäbe. Carl Hocheder entwickelte eine heitere Architektur, die neobarocke und klassizistische Formen mit Jugendstilelementen verbindet und die für viele Bäder der Folgezeit prägend war.

Repräsentative Volksbäder wurden bis in die zwanziger Jahre gebaut. In der Weimarer Republik stellte der moderne Siedlungsbau, der das Badezimmer als festen Bestandteil einer Wohnung vorsah, das öffentliche Bad dann zunehmend in Frage. Später reichten die Bäder der Jahrhundertwende für die sportlichen Schwimmwettkämpfe nicht mehr aus und viele wichen modernen Zweckbauten. Einige der alten "Badetempel" haben bis heute überdauert, werden mit viel Aufwand restauriert und wiedereröffnet oder ganz anders genutzt. Denn Instandsetzung und Betrieb von Badeanstalten ist in Zeiten knapper Kassen ein Problem für viele Kommunen. Die drohende Schließung des Bades in Viersen wurde durch den Protest vieler Bürger abgewendet. Im Viersener Stadtbad, im Münchner Volksbad, im Mannheimer Herschelbad und im Zwickauer Johannisbad können sich Schwimmer heute wieder am historischem Ambiente der Jahrhundertwende freuen. Für viele Bäder aus dieser Zeit ist die Zukunft jedoch ungewiss. Hanna Hilger