Archäologie

Entdeckung am Kölner Rheinufer

Niedrigwasser macht`s möglich

Es war ein seltsames Zusammenspiel von RheinEnergie AG, dem Papst und dem historischen Tiefstand des Rheinpegels, als 2004 in Köln die Poller Wiesen unter Denkmalschutz gestellt wurden. Beim "Jahrhundertniedrigwasser" im September 2003 hatte man nämlich auf und unter der Wiese im rechtsrheinischen Köln eine sensationelle archäologische Entdeckung gemacht.

Blick von den Poller Wiesen auf die Silhouette von Köln 
© R.Rossner
Blick von den Poller Wiesen auf die Silhouette von Köln

Aufmerksame Spaziergänger am Rheinufer in Köln-Poll hatten im Aushub von Baggerarbeiten der RheinEnergie für eine unterrheinische Gasleitung alte, bearbeitete Hölzer entdeckt und die Archäologen vom Römisch-Germanischen Museum Köln verständigt. Die Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Marcus Trier führten eine Notgrabung durch. Bald jedoch verhinderte der wieder steigende Rheinpegel weitere Aktionen.

Aber was man entdeckte, entzückte aufs Höchste: Man hatte zwei gut erhaltene Schiffe des rheinischen Niederländertyps freilegen können.

Ausgrabung der von Pfählen auf dem Flussboden fixierten Schiffe von den "Poller Köpfen" 
© Marcus Trier, RGM Köln
Ausgrabung der von Pfählen auf dem Flussboden fixierten Schiffe von den "Poller Köpfen"

Der Niederländer mit dem flachen Schiffsboden, dem festen Heckruder und dem breiten Steven war vom 15. bis zum 18. Jahrhundert das klassische Frachtschiff auf dem Rhein zwischen den holländischen Häfen und Köln. Flussaufwärts wurden die Schiffe getreidelt, flussabwärts wurde gesegelt. So erreichten die Schiffe Tagesdistanzen von 15 bis 20 Kilometer Richtung Rheinquelle und je nach Strömung 50 bis 80 Kilometer rheinabwärts! Die beiden ergrabenen Schiffe unter den Poller Wiesen stammen nach den dendrochronologischen Untersuchungen von etwa 1530 beziehungsweise 1590. Ursprünglich dürften sie eine Länge von 12 bis 15 Metern besessen haben, die Hälfte ist jeweils noch erhalten. Was die Grabung aber erst zu einem archäologischen Höhepunkt macht: Neben den beiden freigelegten Schiffen liegen noch bis zu hundert weitere auf dem Grund des Rheins!

Die Erklärung dafür ist in der Kölner Stadtgeschichte zu finden. Köln war seit jeher ein wichtiger Handelsplatz, seine Messen waren immer gut besucht. Der steile Aufstieg zu einer veritablen Handelsmacht beginnt aber im 12. Jahrhundert. Schon damals ist der Rhein die größte Binnenwasserstraße Europas, geeignet sowohl für Massen- und Schwerlasten als auch für filigrane, stoßempfindliche Gegenstände wie Glas. Die kaufmännisch äußerst geschickten Kölner Bürger werden immer mächtiger. Kölns Lage zwischen Mittelrhein und Niederrhein erfordert das Umladen der Ware von den bauchigen Oberländer-Schiffen (auf dem Woensam-Prospekt links zu sehen) auf die flacheren Niederländer-Schiffe (rechts), was erfreuliche Folgen für die Stadtkasse hat. 1259 verleiht Erzbischof Konrad von Hochstaden schließlich das von den Patriziern Kölns schon lange geforderte Stapelrecht. Damit ist die wirtschaftliche Vormachtstellung am Rhein gesichert: Das Privileg garantiert den Kölnern das Vorkaufsrecht. Jeder Händler, der auf dem Rhein transportiert, muss seine Waren eine bestimmte Zeit in Köln anbieten. Die anderen Städte sind nicht gerade glücklich über dieses Privileg. Die Neusser zum Beispiel müssen mitansehen, wie Waren aus den Niederlanden an ihnen vorbei bis nach Köln zum Stapeln und erst dann zu ihnen geschifft werden.
Das Verhältnis zwischen den reichen Kölner Bürgern - Köln ist Mitglied der Hanse und wird Freie Reichsstadt - und dem Erzbischof bleibt angespannt. Dieser verlegt schließlich seine Residenz nach der Schlacht von Worringen 1288 nach Bonn. Im Spätmittelalter ist Köln mit 40.000 Einwohnern die größte deutsche Stadt und auf dem Zenit seiner Macht.

Köln auf dem Woensam-Prospekt aus dem Jahr 1531 
© Greven Verlag Köln
Köln auf dem Woensam-Prospekt aus dem Jahr 1531

Dann passiert etwas, was den florierenden Kölner Rheinhandel massiv bedroht und nicht einmal von der neidischen Konkurrenz oder dem grantelnden Erzbischof zu verantworten ist: Der Rhein beginnt, sich ein anderes Flußbett zu suchen. Hochwasser und Eisgänge führten schon immer zu Veränderungen des Flußlaufs. Seit dem 12. Jahrhundert hatte man deshalb ein sorgendes Auge auf das rechte Rheinufer bei Poll gerichtet. Mit Weidenanpflanzungen, Buhnen und Kribben bemühte man sich, Abweichungen am Fluß zu verhindern. Denn man sah eine Katastrophe voraus, wäre es wirklich zwischen Poll und Deutz zu einem Rheindurchbruch gekommen: Der Rhein hätte sich östlich von Deutz einen neuen Verlauf gesucht, ein geregelter Schiffsverkehr wäre nicht mehr möglich gewesen und - das Schlimmste - der Hafen der Stadt hätte nicht mehr angefahren werden können. Der komplette Zusammenbruch des Kölner Handels wäre die Folge gewesen.

Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den drei Poller "Köpfen" oder "Häuptern" 
© Stadtarchiv Köln
Ausschnitt aus einer Federzeichnung von 1583 mit den drei Poller "Köpfen" oder "Häuptern"

Zum Kampf mit der Natur kommt erschwerend der ewige Konflikt mit dem Bischof hinzu. Denn die Poller Wiesen waren Eigentum des Erzbistums. Der rechtsrheinische Uferschutz wird zu einem endlosen Streitthema, 1483 lässt Erzbischof Hermann gar in einer nächtlichen Aktion "mit behelmter Mannschaft zu Fuß und zu Pferde" die bürgerlichen Uferschutzbauten zerstören. Erst 1557 können sich Kölner Rat und Erzbischof Anton von Schaumburg einigen: Gegen eine Zahlung von zwei Tonnen Heringen und einem vergoldeten Geschirr - wobei jedem neuen Erzbischof ein neues Goldgeschirr geliefert werden muß - können die Bürger das Poller Ufer in Erbpacht nehmen und endlich ordentlich befestigen. Alle anderen Rechte des Landesherrn, die Nutzung des Leinpfads, Jagd- und Fischereirechte, bleiben unberührt. Und: Die Kölner Bürger dürfen auf der rechten Rheinseite keine Hochbauten errichten!

Um 1560 wird das Großbauwerk "Poller Köpfe" in Angriff genommen - und in den nächsten 250 Jahren permanent fortgeführt. Niedriger Wasserstand ist Voraussetzung für das Vorhaben. Drei Uferbefestigungen, die drei "Poller Köpfe" werden gebaut: Eichenstämme, mit Eisenschuhen bewehrt, werden in den Flussgrund getrieben, verbunden durch schwere Querbalken. Das Innere der Konstruktion füllen Basaltbrocken. Der nördliche Kopf soll bis zu 1.500 Meter lang gewesen sein, die beiden anderen bis zu 200 Meter und jeweils sieben bis acht Meter breit. Für den immensen Holzverbrauch wurde von der Stadt eigens ein Waldstück erworben. Bis zu 3,5 Meter schauten die Bauten aus dem Wasser heraus. Doch damit nicht genug: Um das Bollwerk besonders stark zu machen, zog man Schiffe - alte oder beschädigte - vor das Ufer und versenkte sie gezielt. Damit sie auf dem Flußgrund blieben, wurden sie mit Pfählen durchbohrt und mit Basaltsäulen und Kies gefüllt. So dienten sie - Bug an Heck aneinander gereiht - als Grundlage für die Poller Köpfe und sind heute ein einmaliges Depot historischer Schiffe.

Der Papst auf dem Schiff, die Jugend auf den Poller Wiesen beim Weltjugendtag 2005 
© C.Verbeek
Der Papst auf dem Schiff, die Jugend auf den Poller Wiesen beim Weltjugendtag 2005

Der Papst schließlich war es, der mit seinem angekündigten Besuch die Stadt Köln dazu bewog, die Poller Rheinwiesen unter Denkmalschutz zu stellen. Am Eröffnungstag des Weltjugendtags 2005 stellten sich Tausende auf die Poller Wiesen, um die Begrüßungsrede des Papstes zu hören, die er von einem Schiff verlas. Ursprünglich waren auf den Wiesen Veranstaltungen und Messen mit dem Papst und über 350.000 Besuchern geplant. Dazu war die Bergung der im Schlick liegenden Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg notwendig geworden. Die Metalldetektoren haben aber auch andere Dinge aufgespürt, zum Beispiel Eisenschuhe von Pfählen, die durch Niederländer-Schiffe gebohrt wurden. So gingen also 2004 Kampfmittelräumer und Archäologen Hand in Hand über die Wiesen, um dafür zu sorgen, dass die Jugend und der Papst unbesorgt feiern, die Schiffe aber unbeschädigt unter den Poller Wiesen liegenbleiben konnten. Ein Ereignis, das sich die Kölner Erzbischöfe vor fünfhundert Jahren auch nicht hätten träumen lassen: Der Papst besucht ausgerechnet das so lange so zäh umstrittene Poller Rheinufer.

Beatrice Härig