Kurioses April 2006 P

Zur Geschichte des Papiertheaters

Zauberhafte Illusionen

" ... Und dann kam Weihnachten, und neben der glitzernden Tanne stand ein kleines, säulengeschmücktes und mit Marmorpappe beklebtes Portal, dessen Mitte durch einen rotsamtenen Vorhang geschlossen war. Als ich klopfenden Herzens davor hintrat, riß er in der Mitte rasselnd auseinander wie das Tuch im Tempel bei der Kreuzigung Christi, und ich sah in einen winzigen Saal. In der Mitte saß auf goldenem Throne ein König, rechts und links von ihm standen ein Prinz und eine Prinzessin in feierlicher Haltung.

Szenarium mit Orchestergraben zu "Faust", 1899  
© Papiertheatermuseum Hanau
Szenarium mit Orchestergraben zu "Faust", 1899

Es war ein richtiges Theater im Kleinen, was da aufgebaut war, und dahinter zeigte sich mit stolzem Lächeln sein Direktor und Bühnenmeister, erster Heldenvater und jugendlicher Liebhaber, hohläugiger Schurke und seine weißgestärkte Naive, alle in einer Person, mein Vater." So begeistert wie Carl Julius Haidvogel 1944 in seiner Novelle "Vater und die Wolfsschlucht" die Leidenschaft seines Herrn Papa fürs Papiertheater schildert, so fasziniert müssen im 19. Jahrhundert viele Menschen von der Illusion der berühmten Theaterbühnen in der heimischen Wohnstube gewesen sein.


Im Biedermeier, in der Zeit zwischen 1815 und 1848, erfreute sich das Spielen mit Papiertheatern zunehmender Beliebtheit. Dies hatte mehrere Ursachen: Zum einen hatte 1798 Aloys Senefelder (1771-1834) in München die Lithographie erfunden. Mit dem Steindruck war es nun möglich, Druckerzeugnisse in großen Auflagen preisgünstig herzustellen. So auch die beliebten Bilderbögen, die sozusagen ein Vorläufer unserer Comics waren. Bis etwa 1890 wurden die Drucke in Kolorieranstalten von Hand ausgemalt, aber dann war die Technik soweit gediehen, dass auch farbige Drucke möglich wurden.


Mit den gestiegenen Druckauflagen der Bilderbögen kamen auch die Ausschneidebögen für die selbstgebastelten Papiertheater auf den Markt. Überregional bekannt für ihre Bastelbogen wurden die Verlage Winckelmann & Söhne in Berlin, Gustav Kühn aus Neuruppin oder auch Josef Scholz in Mainz.

Es gab Vorlagen für diverse Vorbühnen, die Proszenien, für Vorhänge und Kulissen sowie für Ausstattung und Figuren, die in typischen Posen und Kostümen der einzelnen Theaterstücke angeboten wurden.

Proszenium, Dekoration und Figuren waren beliebig zu kombinieren 
© Papiertheatermuseum Hanau
Proszenium, Dekoration und Figuren waren beliebig zu kombinieren

Nun konnten die Freunde des Papiertheaters mit Hingabe bis in die kleinsten Details ausschneiden und -sägen, schmirgeln und leimen, um sich ihre Lieblingsbühnen in die Wohnstube zu holen. Damit die Aufführungen im stillen Kämmerlein oder vor der ganzen Familie und vor Freunden zu einem Erfolg wurden, lieferten die Verlage gleich Textbücher und Regieanweisungen mit. Die Fassungen waren stark gekürzt, denn die meisten Spielleiter schafften es nicht, länger als eine Dreiviertelstunde am Stück zu deklamieren. Dass manches Mal die vereinfachten Inhalte der Schauspiele zu kuriosen Umdeutungen führten, nahmen die Papiertheaterkünstler gerne in Kauf. Schließlich konnten sie in Wort und Bild, vor allem aber mit Effekten, wie etwa Donner per Blech oder Blitz mittels kolophoniumgefüllten Papierröhrchen, eigene dramatische Momente zaubern.

Aber nicht nur die technischen Möglichkeiten förderten gerade im 19. Jahrhundert die Beschäftigung mit Papiertheatern. Es war ein Ausdruck der gesellschaftlichen Situation: Nach der französischen Revolution hatte auch das Bürgertum in Deutschland an politischer Kontur gewonnen, doch die Umstände der Restauration ließen einen Rückzug ins Private angebracht erscheinen. Einen hohen Stellenwert für die Bürger besaß die Bildung, die sie vornehmlich aus dem Schöngeistigen, aus Literatur und Theater bezogen. Sich das große Welttheater ins Haus zu holen, war gerade für diejenigen, die sich Theaterbesuche nicht oft leisten konnten, eine Alternative. Die unterschiedlichsten Stücke wurden aufgeführt. Ganz besonders beliebt waren Klassiker wie "Der Freischütz", "Wilhelm Tell", "Die Räuber" oder "Die Zauberflöte", aber auch "Elsa, die standhafte Magd" stand hoch im Kurs.

Schloß Philippsruhe in Hanau, errichtet 1701–1706  
© ML Preiss
Schloß Philippsruhe in Hanau, errichtet 1701–1706

Als das Bürgertum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Einfluss gewann, wandelte sich das Papiertheater zunehmend zum Kinderspielzeug, wie die gestiegenen Verkaufszahlen von "Schneewittchen", "Rotkäppchen" oder "Aschenbrödel" zeigen.


Die Liebe zum papierenen Theater war nicht allein auf Deutschland beschränkt. Auch in Frankreich, England, Dänemark, Spanien und Österreich bastelte und inszenierte man gerne im Kreise seiner Lieben. Bis heute hat sich eine eingeschworene Fangemeinde erhalten. Jährlich finden in Europa verschiedene Festivals des Papiertheaters statt.


Wer sich in Deutschland die liebevoll gearbeiteten Theaterbühnen anschauen möchte, der sollte in Hanau das einzige deutsche Papiertheatermuseum in Schloss Philippsruhe besuchen. Was dem einen früher das Papiertheater war, ist dem anderen heute die Modelleisenbahn - ein herrliches Spielzeug für Erwachsene.

Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.hanau.de/kultur/museen

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