Öffentliche Bauten April 2006

Das Mohrenhaus von Radebeul

Kindertraum in Gefahr

Ein zinnenbekrönter, schlanker Turm schraubt sich in die Höhe. Er überragt ein verwittertes Schloss im hügeligen Park. Unbeschnittene Bäume und wildwachsende Sträucher laden dazu ein, Entdeckungstouren zu machen, zu klettern und sich ein verborgenes Plätzchen zu suchen. Über dem herrschaftlichen Eingang grüßen zwei Mohren. Dahinter öffnet sich eine Art Rittersaal, von dem aus verwinkelte Gänge und Treppen in exotische Reiche führen. So könnte ein Märchenschloss aussehen, wie es sich Kinder in ihren Träumen vorstellen.

Zwei Mohren rechts und links der Kartusche über dem Eingang 
© ML Preiss
Zwei Mohren rechts und links der Kartusche über dem Eingang

Dieses Haus gibt es wirklich, und tatsächlich steht es Kindern zum Spielen, Toben und Lernen zur Verfügung. Bis 2004 wurden hier in Radebeul bei Dresden 105 Kinder in einer Tagesstätte betreut. Aber die ehemalige Fabrikantenvilla an den von Wein bewachsenen Elbhängen war dermaßen verfallen, dass die Südloggia und der romantische neogotische Turm gesperrt werden und die Kinder schließlich sogar das Haus verlassen mussten, weil morsche Treppen und der wacklige Balkon zu gefährlich für sie waren. Die Kleinen zogen aus, damit Notsicherungen vorgenommen werden konnten. Seit Ende August letzten Jahres sind sie wieder zurück in ihrem Haus in der Moritzburger Straße, das in Teilen weiter vor sich hin bröckelt.

Seit 1992 betreibt der Deutsche Kinderschutzbund die Einrichtung mit Kindertagesstätte, Hort und einem Jugendtreff in dem städtischen Haus, das 1544 - damals als Weinberghaus - erstmals erwähnt wurde. Schon seit 1993 bemühen sich engagierte Mitarbeiter im Hochbauamt und bei der Denkmalpflege darum, Geldquellen für die dringend notwendige Sanierung zu erschließen. Ist dies doch ein idealer Ort, um die blühende Phantasie, die Kinder von Natur aus haben, am Leben zu halten und ihnen einen Alltag zu ermöglichen, in dem die Jungen sich mühelos in Ritter und die Mädchen in Burgfräulein verwandeln können. Der Park ist hügelig genug, um hier im Winter Schlitten zu fahren, und so ausgedehnt, dass man im Sommer Picknickdecken ausbreiten und das Frühstück in die Natur verlegen kann.

Das Dach des Mohrenhauses wurde repariert und der einsturzgefährdete Balkon saniert.  
© ML Preiss
Das Dach des Mohrenhauses wurde repariert und der einsturzgefährdete Balkon saniert.

Den hübschen Namen trägt das 1868/69 von den Dresdner Architektenbrüdern Ziller errichtete und 1911/12 von Max Herfurth im Jugendstil umgestaltete Haus des Historismus, weil es auf zwei Weinbergen errichtet wurde, die die Radebeuler "Mohrenköpfe" getauft hatten. Sie ähnelten wohl in der steilen, abgerundeten Form dem süßen, schokoladeüberzogenen Schaumgebäck.

Die Kinder fühlten sich wohl, auch wenn der Stuck bröckelte. 
© ML Preiss
Die Kinder fühlten sich wohl, auch wenn der Stuck bröckelte.

Seit dem Mittelalter besaßen in der Lößnitz, zu der Radebeul gehört, die Bischöfe von Meißen, die Markgrafen und Kurfürsten von Sachsen und später auch der Adel und reiche Bürger Dresdens Weingärten. Zu dieser alten Kulturlandschaft gehörten Herrenhäuser am Hang und Lusthäuser, die wie Krönchen auf den Weinbergen sitzen. Ein Bild, das bis heute den Reiz der Gegend ausmacht. Eine der schönsten Villen ist das Mohrenhaus mit seinem markanten neogotischen Turm.

Ehe er restauriert wurde, war der einsturzgefährdete Balkon gesperrt. 
© ML Preiss
Ehe er restauriert wurde, war der einsturzgefährdete Balkon gesperrt.

2004 wurde damit begonnen, das Dach zu reparieren, den einsturzgefährdeten Balkon zu sanieren, die Fassade zu streichen und den Sandstein außen wieder herzurichten, darunter die beiden putzigen Mohren über dem Eingang. Im Hochbauamt der Stadt Radebeul ist man glücklich, dass das Notwendigste bereits getan und der Kindergarten wieder in Betrieb genommen wurde. Zwar reichte das Geld für den Turm, der weithin sichtbar ist, nicht mehr - und auch nicht für die Wiederherstellung des Wintergartens. Inzwischen aber sammelte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für die Restaurierung, die nun so bald wie möglich begonnen wird. Dem Turm fehlt ein Abschluss, und es regnet dort hinein wie in eine Wanne. Dann müssten die Kinder im Winter nasskalte Spielecken in ihren Gruppenräumen ertragen. Auch am angebauten Wintergarten konnte bislang nicht gearbeitet werden, weil die Mittel fehlten. Auf die extravagante Lichtdecke aus der Jugendstilzeit wird man in Zukunft vermutlich verzichten müssen.

Die phantasievoll gestalteten Räume im Inneren des Herrenhauses - darunter ein Orient- und ein Brunnenzimmer, sowie all die kunstvollen Stuckdecken, Holzverkleidungen, Geländer, das Schnitzwerk, farbige Fenstergläser und Parkettboden -, die in ihrer bunten Stilvielfalt den Geschmack wohlhabender Gründerzeit-Fabrikanten widerspiegeln, können nur notgesichert werden. An eine Restaurierung des wertvollen, zur Zeit leider abgedeckten Intarsienparketts im weißen Kaminzimmer, die rund 8.000 Euro kosten würde, ist momentan nicht zu denken.

Damit einige der wertvollsten Innenraumausstattungen nicht verloren gehen, bitten wir Sie, liebe Leser und Förderer, um ihre Spende! Helfen Sie mit, der kommenden Generation einen Alltag in einer traumhaften Umgebung zu erhalten!

Dr. Christiane Schillig