Handwerk Menschen für Denkmale April 2006

Die Jugendbauhütte in Quedlinburg

Goldenes Handwerk in der Goldstraße

Im Herbst 2001 war es soweit: Zum ersten Mal bekamen Teilnehmer einer Jugendbauhütte ein eigenes Haus, an dem sie Denkmalpflege aktiv üben können. Mit viel Enthusiasmus gingen sie sofort ans Werk, das nun - vier Jahre später - fast vollbracht ist. Das stattliche zweigeschossige Gebäude in der Quedlinburger Goldstraße ist frisch verputzt, die Fenster sind restauriert. Und schon Ende dieses Jahres werden Quedlinburg-Besucher hier Ferienappartements mieten können.

Das Haus Goldstraße 25, nördlich des Marktplatzes gelegen, gehört zu einer Hofanlage, die in der jetzigen Form im 19. Jahrhundert entstanden ist. Einige Details - vor allem im tonnengewölbten Keller - sprechen aber für eine längere Baugeschichte. Wie bei den meisten Bauten aus der Übergangszeit vom Barock zum Klassizismus haben die Ständer des Fachwerks keine konstruktive Funktion, sie dienen vor allem der rhythmischen Gliederung der Fassade. Das Obergeschoss kragt auch nicht mehr zur Straße hin vor. Verputzt und mit einem hellen Anstrich versehen, wirkt das Gebäude elegant und vermittelt den Eindruck eines Steinhauses, ganz dem Geschmack der letzten Umbauphase entsprechend. Jahrzehntelang diente es als Leihhaus und Thermometerfabrik. 1935-37 nutzte es die jüdische Gemeinde als Gebetsraum. 1938 zwangsversteigert, kam es in die Hände der Stadtsparkasse und ab 1943 als Wohnhaus wieder in Privatbesitz.

Die Jugendbauhüttler vor „ihrem“ Haus 
© ML Preiss
Die Jugendbauhüttler vor „ihrem“ Haus

Mit der Übernahme des Hauses verfolgt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mehrere Ziele: Zum einen wird hier an städtebaulich exponierter Stelle ein wichtiger Impuls für die weitere Wiederbelebung in einem der lange brachliegenden Quartiere der Welterbestadt gegeben und zum anderen wird die Einrichtung von preisgünstigen Ferienappartements zur Förderung des Tourismus beitragen.

Lasse Schumann bereitet den Lehm für den Innenputz vor. 
© ML Preiss
Lasse Schumann bereitet den Lehm für den Innenputz vor.

Doch vor allem sollen die Teilnehmer der Jugendbauhütte hier ihre Fähigkeiten erproben. Unter der Anleitung des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg, das für die Planung und die fachliche Leitung vor Ort verpflichtet wurde, arbeiten an dieser Einsatzstelle stets sechs Jugendliche. Beteiligt sind sie an Steinmetz- und Zimmerarbeiten, am Lehmbau, an Tischler- und Malerarbeiten, beim Innenputz sowie beim Verlegen von Holz- und Fliesenfußböden. Mit all dem konnte aber erst begonnen werden, nachdem das ganze Gebäude freigelegt und fachgerecht vermessen war - eine Aufgabe des ersten beteiligten Jahrgangs der Jugendbauhüttler, der diese Aufgabe mit ebensolchem Engagement ausführte wie alle folgenden.

Unter Anleitung verputzt Eva Fabian einen der neuen Räume.  
© ML Preiss
Unter Anleitung verputzt Eva Fabian einen der neuen Räume.

Das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege, das in einer der derzeit acht Jugendbauhütten abgeleistet wird, wird seit ein paar Jahren nicht nur als Wehrersatzdienst angerechnet, sondern gleichzeitig auch als vorbereitendes Praktikum für eine Berufsausbildung oder ein entsprechendes Studium anerkannt. Denn neben der praktischen Arbeit an verschiedenen Einsatzstellen erhalten die Jugendlichen auch viele theoretische Kenntnisse. Träger der Einrichtungen ist der Verein "Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz e. V.", der die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) mit der Organisation vor Ort beauftragt hat.

Zuletzt geht nun der Innenausbau in der Quedlinburger Goldstraße weiter. Bei der Einrichtung der sieben Ferienappartements können die Jugendlichen abermals ihre Ideen einbringen. Und wenn am 1. September die "Neuen" kommen, wartet bereits ein weiteres Projekt auf die engagierten jungen Leute - das Gartenhaus des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock am Schlossberg 11. Durch das besondere Engagement des Deutschen Fachwerkzentrums und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurden die beiden Jugendbauhütten-Projekte Goldstraße 25 und Schlossberg 11 auch Teil der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau 2010 in Sachsen-Anhalt.

Dr. Dorothee Reimann