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Die Beschussanstalt in Zella-Mehlis

"Where is Walther?"

Als die amerikanischen Soldaten am 3. April 1945 Zella-Mehlis besetzten, war ihre erste Frage "Where is Walther?" Denn hier hatte Carl Walther 1908 die erste Selbstladepistole gebaut, die in den folgenden Jahrzehnten ihren Siegeszug um die Welt antrat. Die Amerikaner konfiszierten alle Unterlagen, und die gesamte Familie Walther wurde - vor der Übergabe an die Russen - ebenso wie andere Fabrikantenfamilien zwangsevakuiert.

Doch nicht nur die "Walther" wurde in Zella-Mehlis hergestellt - in der kleinen Stadt im südlichen Thüringer Wald wurden und werden schon seit Jahrhunderten Handfeuerwaffen gefertigt, nach 1945 ausschließlich Jagd- und Sportwaffen.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte auch die Sanierung dieser gründerzeitlichen Tür.  
© R.Rossner
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte auch die Sanierung dieser gründerzeitlichen Tür.

"Was ist eine Beschussanstalt?", fragen wir den Leiter des Stadtmuseums, das im Gebäude dieser ehemaligen Anstalt eingerichtet ist. Lutz von Nordheim erklärt uns, dass nach dem deutschen Beschussgesetz von 1891 alle neu gefertigten Handfeuerwaffen amtlicherseits zu prüfen und mit einem Beschuss-Stempel zu versehen sind. Deshalb war es notwendig, auch für die damals noch selbständigen, zu Sachsen-Coburg und Gotha gehörenden Orte Zella-St. Blasii und Mehlis eine staatliche Beschussanstalt einzurichten. Die Prüftätigkeit begann im April 1893 in dem zunächst eingeschossigen Gebäude - zwischen den beiden heutigen Ortsteilen gelegen. In fast 50 Jahren wurden hier insgesamt über 15 Millionen Waffen "beschossen", das heißt, sie wurden einer Haltbarkeitsprüfung mit stark erhöhtem Gasdruck und erhöhtem Geschossgewicht unterzogen. War das Material der Waffe nicht in Ordnung, ging sie bei diesem Test kaputt.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Beschussanstalt zu einem Komplex von Gebäuden, der insbesondere durch seinen weithin sichtbaren hohen Schornstein und die ungewöhnliche Dachform des Hauptbaus auffällt. Die Fachwerkbauten sind auf Sandsteinsockeln errichtet. Ein besonderer Schmuck ist der mit Schnitzereien reichverzierte Risalit im Eingangsbereich der Anlage.

Die Beschussanlage von außen.

Nachdem die staatliche Beschussanstalt 1940 in ein anderes Gebäude gezogen war, wurde der Komplex bis 1990 von metallverarbeitenden Betrieben genutzt. Der Vorkriegseigentümer, dem die Anlage von der Treuhand rückübertragen wurde, verkaufte sie 1997 an die Stadt Zella-Mehlis, die sie restaurieren ließ. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konnte die Arbeiten am Risalit, an einer gründerzeitlichen Innentür und einer Kasettendecke im Jahr 2000 dank der Mittel aus der Lotterie GlücksSpirale unterstützen.


Im Jahr 2002 zog das Stadtmuseum in die Beschussanstalt ein. Hier werden aber nicht nur Waffen gezeigt, denn Zella-Mehlis hat noch viel mehr zu bieten: Bis ins 16. Jahrhundert wurde Eisenerz abgebaut und verarbeitet, später wurden Metallerzeugnisse aller Art gefertigt. Ab 1878 stellte Heinrich Ehrhardt, der Gründer der Düsseldorfer Rheinmetall und der Eisenacher Fahrzeugfabrik, hier Spezialmaschinen, Fahrzeuge und Geschütze her. Die Mercedes-Büromaschinen sind ebenso wie Fahrräder landesweit bekannte Erzeugnisse des 20. Jahrhunderts.

Die alte Büchsenmacherwerkstatt ist im Stadtmuseum zu sehen.  
© R.Rossner
Die alte Büchsenmacherwerkstatt ist im Stadtmuseum zu sehen.

Und nicht nur die "Walthers" stehen für Zella-Mehlis. Eine weitere berühmte Büchsenmacherfamilie hat bis 1945 hier gewirkt: Deren Namen "Anschütz" können wir auch in diesem Olympia-Winter wieder auf den Gewehren der erfolgreichen Biathlon-Sportler lesen.

Dr. Dorothee Reimann

Stadtmuseum in der Beschussanstalt: 98544 Zella-Mehlis Anspelstraße 25
geöffnet: Di-Fr 10 bis 17 Uhr, Sa/So 10 bis 16 Uhr.


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2 Kommentare

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    Wolfgang Seel schrieb am 21.03.2016 19:56 Uhr

    Wohin die Walther-Unterlagen 1945 gekommen sind, ist unklar. Sie sind weg, soviel ist sicher. In den Besitz der Westalliierten Sieger sind die Unterlagen offenbar nicht gekommen, da die Russen früher in Thüringen ankamen und in den BIOS, CIOS, FIAT-Geheimdienstunterlagen der Westallierten findet sich wenig bis nichts.

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  • Kommentar als unangemessen melden
    Wolf-Dietrich Roth schrieb am 01.10.2019 08:44 Uhr

    Ja, die Walther-Unterlagen sind bis heute nicht auffindbar.
    Dass sich in den freigegebenen Geheimdienstunterlagen (BIOS, CIOS,FIAT) nichts findet, heißt nicht, dass die Unterlagen nicht von den Amerikanern mitgenommen worden sind.
    Es stimmt nicht, wie oben behauptet, dass die Sowjets früher in Thüringen ankamen!
    Im Gegenteil: Die Amerikanischen Truppen besetzten Zella-Mehlis und folgend Thüringen bereits am 04. April 1945. Sie hatten Zeit bis Anfang Juli 1945. Erst dann übernahmen die Sowjets vereinbarungsgemäß Thüringen als Besatzungszone.
    Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass die Amerikaner wichtige Unterlagen den Sowjets überlassen haben.

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