1500 Dezember 2005

Der Flügelaltar im Zwickauer Dom

Wolgemuts Meisterwerk

Die Beschädigung des Wolgemutaltars durch den Einsturz des Chorgewölbes in der Zwickauer Marienkirche kommt dem Superintendenten Johann Petrejus gerade recht. Denn wir schreiben das Jahr 1563, und Petrejus ist Anhänger der Reformation. Er wittert nun die Chance, den Altar mit seinem katholischen Bildprogramm durch einen neuen zu ersetzen, der den reformatorischen Ideen entspricht. Lucas Cranach der Jüngere soll ihn schaffen. Doch daraus wird nichts. Die Zwickauer Bürger wehren sich, und Kurfürst August stellt sich gegen Petrejus. Der Wolgemutaltar wird repariert und 1565 im neu gewölbten Chor von St. Marien wieder aufgestellt.

Der im geöffneten Zustand beinahe sieben Meter breite Flügelaltar war das erste große Werk des Nürnberger Malers Michael Wolgemut (1433/34-1519). Der zweifach wandelbare Altar wurde 1479 in St. Marien aufgestellt, und der Künstler erhielt vom Zwickauer Rat 1.400 Rheinische Gulden für seine Arbeit. Doch nicht alle Teile stammen von Wolgemut oder von Mitarbeitern seiner Werkstatt. Ihm werden die vier Gemälde des Weihnachtszyklus zugeschrieben. Die Figuren des Altarschreins - unter ihnen die heilige Barbara und andere Frauengestalten sowie zehn Weise des Altertums-, Christus und die Apostel in der Predella sowie die Gemälde auf der Rückseite des Retabels sollen von anderen Künstlern stammen. Man vermutete sogar lange Zeit, dass kein Geringerer als Veit Stoß (1447/48-1533) die Skulpturen schuf.

Der prächtige Wolgemut-Altar im Dom St. Marien zu Zwickau 
© ML Preiss
Der prächtige Wolgemut-Altar im Dom St. Marien zu Zwickau

Nachdem Teile des Altars wurmstichig geworden waren, ließ der Zwickauer Altertumsverein 1832 eine Untersuchung durchführen. Die Gemälde waren damals "verwischt und durch Ablagerungen unkenntlich gemacht". Sie wurden zusammen mit den Statuen gereinigt und gesichert - allerdings nicht sachgemäß, wie es in einer 1891 erschienenen Festschrift heißt. Auch in den folgenden Jahrzehnten fanden immer wieder kleinere Reparaturen und Reinigungen statt. Die Bildtafeln wurden 1928 bei einer Dürer-Ausstellung in Nürnberg gezeigt. Dort erinnerte man an den 400. Todestag Albrecht Dürers, der als Schüler Michael Wolgemuts gilt.

Die Bild- und Schnitzwerke des Altars waren während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert und wurden daher nicht beschädigt. Nach den Transporten fehlte aber ein Bekrönungsengel. Zwei Apostel aus der Predella waren bereits früher abhanden gekommen.

1961 stellte man Risse im Altar fest. Die schweren Flügel ließen sich nicht mehr öffnen, und viele Figuren waren verschmutzt. Doch es sollte noch vierzig Jahre dauern, bis mit einer Restaurierung begonnen werden konnte. Der Freistaat Sachsen mit seinem Landesdenkmalamt und die Landeskirche beteiligten sich an den umfangreichen Arbeiten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz stellte rund 70.000 Euro bereit, weitere 75.000 Euro kamen vom Förderverein zur Erhaltung des Domes "St. Marien" zu Zwickau. Die Arbeiten an den Gemälden und Schnitzereien der Altartafeln sind inzwischen beendet.

Auf dem geöffneten Schrein ist unter anderem Maria mit dem Jesuskind dargestellt. 
© ML Preiss
Auf dem geöffneten Schrein ist unter anderem Maria mit dem Jesuskind dargestellt.

Zur Zeit wird die Predella restauriert, wobei eine Kerbe auf der Deckplatte erhalten bleibt. Sie stammt vermutlich von einem Stück des Gewölbes, das 1563 herabfiel und - wäre es nach Johann Petrejus gegangen - beinahe zur Zerstörung des gesamten Altars geführt hätte.

Carola Nathan

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