Kleine und große Kirchen Oktober 2005

Der Dom zu Aachen

Wider den Zahn der Zeit

Das Achteck ist die vollkommene Form zwischen Kreis und Quadrat. Das dachte man jedenfalls in der Antike. Der Kreis ohne Anfang und Ende symbolisierte den Himmel in seiner Unendlichkeit und das Quadrat mit seinen vier Ecken die Erde in ihrer Begrenzung mit den Himmelsrichtungen. Zwischen Himmel und Erde erbaute Karl der Große auf dem Grundriss eines Oktogons sein Gotteshaus, die Aachener Marienkirche (auch Pfalzkapelle oder Münster genannt). Er orientierte sich an San Vitale in Ravenna und der kleinen Hagia Sophia in Istanbul.

Bereits fertig: die Dachdeckung und der Dachstuhl des Oktogons 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Bereits fertig: die Dachdeckung und der Dachstuhl des Oktogons

Der Aachener Dom wurde nicht umsonst als erstes deutsches Denkmal in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen. Denn in Aachen ließ Karl der Große seinen Traum von einem neuen weströmischen Reich Wirklichkeit werden. Hier nahm das Zentrum seiner Herrschaft Gestalt an. Das Dach über dem karolingischen Zentralbau wurde kürzlich mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz instandgesetzt. Der Dom ist heute das einzige vollständig erhaltene Bauwerk jener Zeit, in der Karl der Große römische Antike und Christentum vereinigte.

In der Geheimen Offenbarung des Johannes kommt die Himmelsstadt Jerusalem auf die Erde nieder. Maße und Symbolik der Kirche basieren auf biblischen Angaben zur Heiligen Stadt. Länge, Breite und Höhe sind gleich.

Als erstes deutsches Denkmal wurde vor 27 Jahren der Aachener Dom UNESCO-Weltkulturerbe 
© ML Preiss
Als erstes deutsches Denkmal wurde vor 27 Jahren der Aachener Dom UNESCO-Weltkulturerbe

In 31 Metern Höhe krönt eine Kuppel - ein Klostergewölbe - mit einer Spannweite von 14,5 Metern dieses karolingische Vermächtnis, das als ältestes und für lange Zeit größtes kuppelüberwölbtes Bauwerk nördlich der Alpen galt. Es ist ein Meisterstück aller berühmten Gelehrten karolingischer Zeit, etwa des Angelsachsen Alkuin oder des Mainfranken Einhard, deren Ideen wie die Karls des Großen selbst in den Bau einflossen.

Über dem Kernstück des Aachener Doms wölbt sich heute eine barocke Haube mit acht tiefen Falten. Dieser Aufbau mit der krönenden Laterne wurde nach dem Stadtbrand, der Aachen im Jahre 1656 fast vollständig vernichtete, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend errichtet. Karl selbst hatte für den Bau ein achtteiliges Zeltdach vorgegeben, das im Laufe seiner Geschichte mehrfach beschädigt, zerstört und nach den Moden unterschiedlich wiederhergestellt wurde. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konzentrierte ihre Unterstützung in den vergangenen Jahren auf dieses Dach, das Schutz und Garant für das Welterbe ist. Faules und wurmstichiges Holz im abgesenkten Dachstuhl musste ausgebessert oder völlig erneuert werden. Weil die Schieferplatten nicht dicht hielten, wurde das Oktogondach schließlich wieder wie im 18. Jahrhundert mit Blei eingedeckt. Gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz finanzierten Bund, Land, das Bistum Aachen und der Karlsverein die Restaurierung des Dachs.

Aber das Bauwerk ist eben doch nur als Gedankengebäude perfekt, für die Ewigkeit geschaffen wurde es nicht. Im Mauerwerk verborgene Eisenringanker, die die Kuppel an ihrer Basis zusammenhalten, rosten vor sich hin. Dombaumeister Helmut Maintz hatte im Zuge der Dacharbeiten die einzigartige, 1.200 Jahre alte Konstruktion untersucht, die für die statische Sicherheit des gesamten Oktogons verantwortlich ist. Etliche Tonnen lasten auf diesen Ringankern. Zur Stabilisierung wurde ein neuer eingefügt. Die eingemauerten Ringanker sind ein Korsett, als solches unsichtbar, aber zum Überleben des Bauwerks notwendig.

Das „kleine Drachenloch“, Portal in die Schatzkammer, wurde 2002 mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert 
© ML Preiss
Das „kleine Drachenloch“, Portal in die Schatzkammer, wurde 2002 mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert

Überhaupt rührt ein guter Teil der Macht und Stärke des Aachener Doms von unsichtbaren Kräften. Als Karl der Große am 28. Januar 814 in Aachen starb, wurde er noch am gleichen Tag in der Pfalzkapelle bestattet. Dort, wo der Herrscher beigesetzt wurde, glaubte man zu jener Zeit, strahle auch seine Macht weiter aus. Übrigens: Sämtliche Geheimnisse um diesen spektakulären Bau werden wohl nie geklärt. Wo genau Karls Sarkophag in die Erde eingelassen wurde und wo demnach das Zentrum der Macht zu finden ist, weiß noch immer niemand mit Sicherheit zu sagen. Ringanker aber und wurmstichige Dachstühle lassen sich glücklicherweise einfacher lokalisieren.
Nachdem die grundlegende Sanierung von Oktogon und karolingischem Mauerwerk mit seinem Ringankersystem und dem einzigartigen Kuppelgewölbe abgeschlossen ist, wird zur Zeit noch an der Anna- und Matthiaskapelle auf der Südseite des Aachener Doms gearbeitet. Die Restaurierungen sollen bis Ende 2005 abgeschlossen sein.

Dr. Christiane Schillig