Landschaften, Parks und Friedhöfe Gärten Oktober 2005 O

Zur Geschichte der Orangerien

Kein Land "wo die Zitronen blühen"

Der Fuldaer Fürstabt Amand von Buseck gab im Jahr 1747 eine Gemäldeserie in Auftrag: Es handelte sich nicht, wie man vermuten könnte, um eine Ahnengalerie, um Porträts von Kirchenoberhäuptern oder Historienbilder.

Der Fürstabt wollte sich vielmehr mit Darstellungen seltener Pflanzen aus seiner Orangerie umgeben. Der Hofmaler Johann Andreas Herrlein malte also eine blühende Ananasstaude, einen Kaffeestrauch, Kakteen und andere botanische Kostbarkeiten, alle in Fayencekübeln mit dem Wappen des Regenten.

Dass Amand von Buseck dem kleinen Kosmos von fremdländischen Gewächsen, der am Fuß der Rhön mit einigem Aufwand kultiviert wurde, soviel Aufmerksamkeit schenkte, war kein Einzelfall, sondern gehörte zur fürstlichen Selbstdarstellung. An den europäischen Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts wetteiferte man um die größte und schönste Sammlung von Zitrusgewächsen und anderen subtropischen Pflanzen. Nur die besten Gärtner waren gut genug, die Orangerien zu pflegen, die den Inbegriff von ewigem Wachstum darstellten.

Der Zitrusbaum war als Herrschaftssymbol sogar mythologisch untermauert: Herakles, der große Tugendheld der griechischen Antike, hatte als eine seiner zwölf Arbeiten die goldenen Äpfel der Hesperiden geraubt. Schon im Altertum waren diese mit den Zitrusfrüchten gleichgesetzt worden, die Alexander der Große als "persische Äpfel" nach Griechenland gebracht hatte. Mit dem beziehungsreichen Attribut wollten sich absolutistische Könige und Fürsten gerne schmücken: War Herakles, der jede Aufgabe meisterte, jeden Kampf gewann und so Unsterblichkeit erlangte, ihnen doch die liebste Identifikationsfigur.

Die barocke Orangerie von Weikersheim im Taubertal wird seit 1997 wieder zur Überwinterung von Pflanzen und als Festsaal genutzt. 
© R.Rossner
Die barocke Orangerie von Weikersheim im Taubertal wird seit 1997 wieder zur Überwinterung von Pflanzen und als Festsaal genutzt.

Wurden die Sagenhelden bei ihren Abenteuern eher von Riesen oder mehrköpfigen Ungeheuern bedroht, mussten die irdischen Nachfolger, die sich anschickten, die seltenen Früchte in ihren Besitz zu bringen, allerdings ganz andere Hindernisse überwinden. Das allergrößte war der Frost. Denn ohne besondere Vorkehrungen hätten die Exoten keinen mitteleuropäischen Winter überlebt. Ursprünglich in Asien beheimatete Limonen und Pomeranzen kamen im Mittelalter zunächst nach Südeuropa und wurden im 16. Jahrhundert dann auch nördlich der Alpen bekannt. Die empfindliche Bitterorange schätzte man nicht nur wegen ihrer leuchtenden Früchte und der immergrünen Blätter. Sie fand auch in der feinen Küche Verwendung, wurde zur Herstellung von Likören oder Duftwässern und für medizinische Zwecke genutzt.

Heute teils Pflanzenhaus, teils Lapidarium: die Neue Orangerie (1762) im Schwetzinger Schloßpark 
© ML Preiss
Heute teils Pflanzenhaus, teils Lapidarium: die Neue Orangerie (1762) im Schwetzinger Schloßpark

Einer der frühesten Pomeranzengärten in Deutschland entstand Mitte des 16. Jahrhunderts innerhalb des fürstlichen Lustgartens zu Stuttgart. Um die Natur zu überlisten, musste man in der kalten Jahreszeit für ein wohl temperiertes Gehäuse sorgen, ohne den Pflanzen damit das Sonnenlicht zu entziehen. Der Stuttgarter Garten war daher mit einer von Fenstern durchbrochenen Mauer umgeben, auf der im Herbst ein abnehmbares Dach errichtet wurde. 1611 wurde dies noch weitergedacht: Der herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt errichtete ein vollständig abzutragendes Pomeranzenhaus. Der fünfzig Meter lange Fachwerkbau war auf allen Seiten mit Fenstern versehen, vier Öfen sorgten für die nötige Wärmezufuhr. Solche abschlagbaren Pomeranzenhäuser waren zwar weit verbreitet, hatten allerdings ihre Tücken. Der Auf- und Abbau war aufwendig, eine gleichmäßige Temperatur nur schwer zu erreichen, und die kleinen Fenster ließen zu wenig Licht ins Innere dringen. Auch wenn man versuchte, die temporären Pomeranzenhäuser architektonisch aufzuwerten, störten sich die Liebhaber der südlich anmutenden Orangenhaine zunehmend an dem Schuppencharakter, den eine solche Behelfskonstruktion im Winter vermittelte. So verschwanden die Abschlaghäuser allmählich aus den fürstlichen Gärten, und man ging ab der Mitte des 17. Jahrhunderts mehr und mehr dazu über, feste Orangeriegebäude zu errichten.


Versailles, wo schon 1664 ein massives Winterquartier existierte, das knapp 20 Jahre später durch ein doppelt so großes Pflanzenhaus ersetzt wurde, blieb auch in dieser Hinsicht immer Vorbild. Die gewaltige Treppenanlage der in den Hang gebauten Orangerie hat Rainer Maria Rilke 1906 in einem Gedicht verewigt.

Die mit hohen, nach Süden ausgerichteten Fensterflächen ausgestatteten Gebäude - die Erfindung von Walzglas ermöglichte nun auch die Herstellung großer Glasscheiben - waren wesentlich einfacher zu beheizen, sei es durch Öfen oder eine unterirdische Kanalheizung. Der Boden bestand, um Staunässe zu vermeiden, meist aus gestampftem Lehm oder war mit Steinplatten oder Holzdielen ausgelegt. Die Bäume wurden nun nicht mehr ausgepflanzt, sondern in großen Kübeln kultiviert, die man zur Überwinterung in diese Häuser transportieren konnte.


In der Sichtachse: das Orangerieschloss in der Kasseler Karlsaue 
© R.Mensing
In der Sichtachse: das Orangerieschloss in der Kasseler Karlsaue

War der Begriff Orangerie zunächst nur auf die Sammlung von exotischen, namentlich Zitrusgewächsen bezogen - es gab immerhin Hunderte verschiedener Sorten -, wurde er schließlich auch auf den neuen Gebäudetypus übertragen. Der lichte Saalbau entsprach dem Repräsentationsbedürfnis der Bauherren natürlich weit mehr als eine Bretterbude und wurde jetzt wirkungsvoll in die barocke Schlossanlage einbezogen. Im Vorhof oder als Teil des Ehrenhofes konnten Orangerien, noch bevor der eigentliche Garten ins Blickfeld rückte, auf den Besitz wertvoller Pflanzen hinweisen. Weit häufiger dienten sie aber als seitliche Rahmung des Schlossparterres. Charakteristisch für deutsche Schlossanlagen des Barock ist die Orangerie in isolierter Lage als Abschluss der Gartenachse. In Fulda bildet der ab 1722 von Andreas Gallasini errichtete Bau einen besonders prächtigen Point de vue. Der große Festsaal im Inneren macht deutlich, dass die Orangerien den Status eines reinen Funktionsbaus schnell überwunden hatten. Auch ohne eigens ausgewiesenen Festraum boten sich die langgestreckten Säle, sobald die Pflanzen das Winterquartier verlassen hatten, für Bankette oder Konzerte an. Wenn die festlich gekleidete Hofgesellschaft zu den Klängen von Flöten und Violinen durch die sonnendurchfluteten Hallen wandelte, konnten die gärtnerischen Zwecke leicht in Vergessenheit geraten. Der Markgraf von Baden-Durlach, der im Lustgarten seiner 1715 gegründeten Karlsruher Residenz gleich drei benachbarte Pflanzenhäuser zur Verfügung hatte, pflegte in den Sommermonaten in der mittleren Orangerie zu speisen.


Die klassizistische, von Stüler umgebaute Orangerie in Putbus auf Rügen ist heute Kulturzentrum. 
© ML Preiss
Die klassizistische, von Stüler umgebaute Orangerie in Putbus auf Rügen ist heute Kulturzentrum.

Diese Aufwertung gipfelte im Typus des separaten Orangerieschlosses: Die aufwendige Verbindung von Lustschloss und Winterung hatte man um 1700 beispielsweise mit dem Galeriegebäude in Hannover-Herrenhausen oder mit der Orangerie in der Kasseler Karlsaue verwirklicht.

Auch bei der Platzierung der Exoten im Orangerieparterre zeigte sich das ausgeprägte Inszenierungsbedürfnis jener Epoche: So reihten die Gärtner die Kübel nach einem strengen System auf. Ob halbkreisförmig zum teatro postiert oder im Karree ein Raster von Alleen bildend, definierten die Orangen-, Zitronen- und Lorbeerbäume neue Festplätze unter freiem Himmel. Optische Auflockerung wurde durch verschiedene Höhen und Kronenformen erreicht. Die Größe war für die Bedeutung als Statussymbol ein entscheidender Faktor: Als der preußische König Friedrich Wilhelm I. 1728 zu Besuch bei August dem Starken in Dresden war, wies er seinen Sohn auf die stattlichen Orangenbäume im Zwinger hin. Der Prinz musste daraufhin eingestehen: "Die von Charlottenburg sind nichts im Vergleiche." Die Herrschaften ergötzten sich nicht nur am intensiven Duft der Pflanzen, sondern zugleich an den kunstvoll verzierten Gefäßen, die im Barock bevorzugt aus Fayence oder bemaltem Kupferblech bestanden, im Klassizismus eher schlicht weiß gehalten waren. Mit dem Aufkommen des Landschaftsgartens ließ allerdings auch die Vorliebe für die Formpflanzen selbst nach.

Der Orangeriehof des Schweriner Schlosses. Die Treppenanlage wurde mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert. 
© ML Preiss
Der Orangeriehof des Schweriner Schlosses. Die Treppenanlage wurde mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert.

Zum Ende des 18. Jahrhundert verloren die Orangerien als Winterherberge für Zitrusgewächse in den Schlossparks, Klostergärten und Gutsanlagen allmählich an Bedeutung. Zwar wurden sie noch vereinzelt errichtet, doch liefen die Gewächs- und Palmenhäuser den repräsentativen Orangenhäusern bald den Rang ab. Bei der Kultivierung exotischer Pflanzen hatte das wissenschaftliche Interesse mittlerweile die herrschaftliche Repräsentation überlagert. Botaniker brachten von ihren Forschungsreisen immer neue Gewächse mit noch höherem Licht- und Wärmebedarf nach Europa. Es galt nun, möglichst umfangreiche Sammlungen von Tropenpflanzen anzulegen und zu pflegen. Im 19. Jahrhundert gelangte der Bautypus des Gewächshauses durch die industrielle Weiterentwicklung zur Vollendung: Pflanzen aus den entferntesten Ländern konnte man in Gebäuden, deren Außenhaut fast nur noch aus Eisen und Glas bestand, heimisches Klima vortäuschen. Und doch hat auch dieses Jahrhundert eine berühmte Orangerie hervorgebracht. In den Gärten von Sanssouci, heute UNESCO-Welterbe, ließen Ludwig Persius und Friedrich August Stüler das eigentlich längst aus der Mode gekommene Orangerieschloss für Friedrich Wilhelm IV. noch einmal fulminant aufleben. Den Mitteltrakt der Neuen Orangerie, 1851-64 in den Formen der italienischen Hochrenaissance errichtet, flankieren ausladende Pflanzenhallen mit Eckpavillons. Auch wenn viele Orangerien im Lauf der Zeit zweckentfremdet wurden - aus einem herrschaftlichen Park sind die langgestreckten Gebäude mit den hohen Fenstern nicht wegzudenken. Als wichtiges Element barocker Gartengestaltung ist ihr denkmalpflegerischer Wert unumstritten. Dennoch sind nach wie vor viele Orangerien in einem beklagenswerten Zustand - vor allem, wenn die zugehörigen Pflanzen nicht mehr vorhanden sind.

Ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, geben intakte oder wiederhergestellte Glashäuser heute immerhin reizvolle Ausstellungssäle, Veranstaltungsräume oder Restaurants ab. Die wenigsten Orangerien können als Winterung für Kübelpflanzen erhalten werden, da die Rekonstruktion und Bewirtschaftung eines ansehnlichen Parterres - einst lebendiger Beweis höfischer Kultur - vielerorts einfach nicht mehr zu bewerkstelligen ist. Dennoch ist die Orangerie auch als moderne Bauaufgabe noch nicht gänzlich überwunden: Im fränkischen Ansbach, wo 1627 die erste Agave nördlich der Alpen zum Blühen gebracht wurde, bemühte man sich in den vergangenen Jahrzehnten darum, den historischen Pflanzenbestand des Hofgartens wieder aufzubauen. 2002 wurde hier ein neues Citrushaus eingeweiht - mit seiner schmucklosen Rückwand und der vollständig verglasten Schauseite stellt es ein zeitgemäßes Pendant zur 1726-43 errichteten barocken Orangerie dar.

Dr. Bettina Vaupel

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