Wohnhäuser und Siedlungen August 2005

Die zweifache Wiedergeburt eines Barockhauses

Wohnen in Pirnas Altstadt

Drei Zahlen beschreiben das Problem: Lebten in Pirnas Altstadt 1984 noch rund 2.200 Einwohner, so sank die Zahl bis 1988/89 auf 790. Heute sind es 1.400, die in die gerade einmal zwei Fußballfelder große Altstadt zurückgekehrt sind. Mögen die Zahlen auch noch steigen, sie belegen die Schwierigkeiten, eine alte Stadt nach jahrzehntelanger Vernachlässigung wieder mit neuem Leben zu erfüllen.

Am 15. August 2002 hatte das Elbhochwasser auch den Marktplatz von Pirna erreicht. 
© F. Füssel
Am 15. August 2002 hatte das Elbhochwasser auch den Marktplatz von Pirna erreicht.

Die mittelalterliche Bausubstanz - 1465 wurde hier der Ablassprediger Johannes Tetzel geboren - war nach vierzig Jahren Sozialismus so geschwächt, um nicht zu sagen ruiniert, dass gegen Ende der DDR sogar Abrisspläne für die Altstadt existierten. Pirnaer Bürger machten dagegen Front und gründeten in der Stadt eine Bürgerinitiative.


Mögen seitdem auch anderthalb Jahrzehnte ins Land gegangen sein, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, genauer der Altstadt, geht nur schleppend voran. Das gilt auch dann, wenn die Arbeitslosenzahlen mit 17,5 Prozent im Bereich Pirna für sächsische Verhältnisse noch relativ gering sind. Die Aufbruchstimmung war jedenfalls Mitte der neunziger Jahre, als ich zusammen mit meiner Familie wider alle wirtschaftliche Vernunft an die Sanierung des Barockhauses Lange Straße 10 herangingen, stärker ausgeprägt als heute. Mag das nahe Dresden auch auf Pirna ausstrahlen, die Grenzen der wirtschaftlichen Entwicklung sind überall sichtbar. Von Aufschwung kann keine Rede sein, was wiederum nicht gerade zu Investitionen in der Altstadt einlädt.

Um 1720 wurde das spätgotische Bürgerhaus in der Pirnaer Lange Straße 10 in Stil des Barock umgestaltet. 
© ML PREISS
Um 1720 wurde das spätgotische Bürgerhaus in der Pirnaer Lange Straße 10 in Stil des Barock umgestaltet.

Das hat mit zur Folge, dass wegen der geringen Kaufkraft Gewerberäume leer stehen und damit die Rentabilität der Häuser in der Altstadt gemindert ist. In unserem Fall heißt das, dass von fünf Gewerberäumen drei seit Jahr und Tag zur Vermietung anstehen, dass, da die Kosten für die Sanierung des Hauses in Hypotheken festgeschrieben sind, das ganze Unternehmen für uns ein Zuschussbetrieb ist. Dass dem so ist, hat auch mit der Jahrhundertflut am 17. und 18. August 2002 zu tun, als das Wasser bei uns im Haus 2,40 Meter hoch stand. Der dadurch verursachte und anerkannte Schaden belief sich auf ca. 260.000 Euro. Er konnte nur behoben werden, da die öffentliche Hand, tatkräftig vertreten durch die Sächsische Aufbaubank, 80 Prozent der Kosten übernahm.

Das mag auf den ersten Blick eindrucksvoll erscheinen (und ist es auch): Für die Eigentümer bleiben die verminderten Mieteinnahmen das eigentliche Problem, neben dem Eigenanteil in Höhe von 20 Prozent, die sie für die Beseitigung der Flutschäden aufbringen mussten. Das waren harte Zeiten, die nur durch Aufbietung aller Kräfte, auch durch Einschränkungen, zu meistern waren. Auch mussten einige Anstrengungen unternommen werden, um bei einem zunehmenden Angebot gut sanierter Wohnungen in der Altstadt genügend Mieter für insgesamt zwölf Wohnungen zu finden.

Dies geschah zum Beispiel durch den Anbau von sieben Balkonen an das denkmalgeschützte Haus, wobei das Pirnaer Denkmal- und Sanierungsamt eigene Bedenken zurückstellte. Oder durch den Austausch der bei der ersten Sanierung verlegten Teppich- durch Holzfußböden.

Das und manches andere mehr kostete weitere Mittel, die nicht durch Mieteinnahmen gedeckt waren. Dankenswerterweise übernahm die Deutsche Bahn AG die Kosten für den Einbau von Lärmschutzfenstern, was zu einer - das Haus liegt nicht nur an der Elbe, sondern auch an der immer stärker befahrenen Bahnstrecke Dresden-Prag - wesentlichen Verbesserung der Mietsituation führte.

Dazu kommt freilich, dass die Stadt Pirna im Laufe der Jahre ihrerseits ohne Not zu einer Erschwerung der wirtschaftlichen Situation für Haus-Sanierer beigetragen hat. Da sind zu Beginn der Arbeiten gemachte, später aber nicht eingehaltene mündliche Zusagen. Als es darum ging, eine Anfang des 19. Jahrhunderts in Sandstein errichtete, baufällige Wagenremise wieder aufzubauen oder, wie die Eigentümer wollten, abzureißen und an der Stelle Parkplätze zu schaffen, hieß es, die Remise sei für das Erscheinungsbild der Stadt unverzichtbar, man übernehme die Kosten für deren Wiederaufbau zu hundert Prozent. Am Ende war es genau ein Drittel. Die aufwendig sanierte Remise aber steht seit der Jahrhundertflut vor drei Jahren leer.

Die Mittelkartusche über dem Portal des Barockhauses zeigt ein Segelschiff. 
© ML PREISS
Die Mittelkartusche über dem Portal des Barockhauses zeigt ein Segelschiff.

Ebenso unverständlich ist es, dass die Stadtverwaltung, getragen von einer breiten, bürgerlichen Mehrheit, 1998 im Wege einer Beschlussvorlage eine direkt neben dem Wohnhaus Lange Straße 10 betriebene Vergnügungseinrichtung, die zunehmend im Rotlicht-Milieu anzusiedeln war, durch Ausweisung unserer Ecke als "Kerngebiet" legalisieren wollte. In der Beschlussvorlage hieß es: "Eine Kerngebietsausweisung würde die Wohnqualität im rekonstruierten Wohnhaus Nr. 10 wesentlich einschränken, andererseits kerngebietstypische Vergnügungseinrichtungen wie das KISS zulassen" - getreu der Devise "pecunia non olet". Dass das Projekt am Ende im Stadtrat keine Mehrheit fand, war allein der beherzten Intervention des PDS-Fraktionsvorsitzenden sowie der einzigen Grünen-Abgeordneten zu verdanken. CDU und FDP enthielten sich der Stimme, wohl aus Angst vor der eigenen Courage.

Andere Beispiele ließen sich anführen, wo seitens der Stadtverwaltung wenig Rücksicht auf die Bewohner der Altstadt genommen wurde. Die bewusste Bar ist heute geschlossen. Dafür aber werden die Altstadtbewohner von einer Verkehrsführung malträtiert, die dem Auto allzu beflissen die Vorfahrt einräumt. Da lädt die Stadt Pirna 1998 die Anwohner der Langen Straße nach deren "grundhafter Rekonstruktion" zu einer Informationsveranstaltung ein, bei der auch "Ihre Anregungen und Bedenken" bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden sollen. Am Ende wurde sogar abgestimmt, wobei ein einmütiges Ergebnis herauskam, die Straßen im Sinne der Verkehrsberuhigung möglichst nur in einer Richtung befahren zu lassen.

Dabei war allen Beteiligten klar, dass Baumaßnahmen vorübergehende Abweichungen von jenem Grundsatz erforderlich machten. Als jedoch bekannt wurde, dass die ursprünglichen Pläne doch realisiert werden sollten, teilte der zuständige Amtsleiter für öffentliche Ordnung auf einen entsprechenden Beschwerdebrief mit, die Abstimmungen mit den Bewohnern fänden "in jedem Fall" Berücksichtigung. Er schloss mit den Worten: "In der Hoffnung, Ihr Vertrauen in die Stadtverwaltung wieder hergestellt zu haben". Am Ende aber wurde akkurat jener Plan umgesetzt, den die Stadtverwaltung am 8. Oktober 1998 in eben jener Informationsveranstaltung vorgestellt hatte.

Pirnas Altstadt, speziell der Markt, steht daher weiterhin ungebremst für den Autoverkehr offen, junge Leute fahren hochtourig durch die Straßen, den Lärm noch durch die Bässe aus ihren Autos verstärkend, der kulturhistorisch so bedeutsame Markt, wo Bernardo Belotto, genannt Canaletto, im 18. Jahrhundert malte, wird auch künftig mit Autos zugeparkt sein, die damit den Blick auf die Schönheit dieser Stadtlandschaft verstellen. Warum reduziert man das Parken nicht nur auf Anwohner und lässt den Markt ganz frei? Parkhäuser stehen genügend zur Verfügung.

Es gäbe, wenn man nur wollte, viele Möglichkeiten, zur Verkehrsberuhigung in Pirna beizutragen. In einer Altstadt mit denkmalgeschützten Häusern, die zwar ihren Charme, aber gegenüber Neubauten, zumal im Grünen, auch Nachteile haben, gehört nun einmal ein gewisses Maß an Gemächlichkeit. Auch sind die bis in die oberen Stockwerke zu spürenden Erschütterungen, ausgelöst durch den Straßenverkehr, für die Bausubstanz nicht gerade förderlich, von den Bewohnern und deren Interessen ganz zu schweigen. Irgendwann sollte auch in Pirna die - angesichts eines gewissen Nachholbedarfs vielleicht verständliche - Autobegeisterung einer distanzierteren Betrachtungsweise weichen. Noch kann man auf bessere Einsicht hoffen, hat sich die Stadt doch Hintertüren offen gehalten.

Das Elbhochwasser machte wenige Zentimeter unter der wertvollen Holzbalkendecke halt. 
© ML PREISS
Das Elbhochwasser machte wenige Zentimeter unter der wertvollen Holzbalkendecke halt.

Die durch die Jahrhundertflut vom August 2002 verursachten Schäden - so hoch hatte das Wasser noch nie gestanden - sind heute weitgehend beseitigt. Dabei traten, zum Beispiel in der Lange Straße 10, Bauschäden früherer Jahrhunderte zutage, von denen man zuvor nichts gewusst bzw. gesehen hatte. Nachdem der Putz zwecks Trocknung der Wände abgeschlagen worden war, wurden zuweilen tiefe Hohlräume sichtbar, die wiederum neue Probleme mit sich brachten. Auch löste sich Lehm, im Mittelalter oft als Mörtel verwendet, auf, was zu Rissen im Mauerwerk bis in den ersten, ja zweiten Stock führte. Alle diese Hohlräume wurden mit Eisen und Beton geschlossen wie auch die Risse beseitigt, so dass am Ende die Wände neue Stabilität gewannen.

Im Nachhinein muss man der Flut (fast) dankbar sein, da erst durch sie manch unzureichend geflicktes, mittelalterliches Mauerwerk ans Tageslicht gekommen ist. Auch in früheren Jahrhunderten einfach eingemauerte, heute wurmstichige bzw. vom Echten Hausschwamm befallene Holzbalken konnten nach der Flut entfernt und die Öffnungen geschlossen werden. Die im Erdgeschoss bei der ersten Sanierung freigelegte bemalte Holzdecke wurde, unter entscheidender Mithilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, gereinigt und konserviert. Das Elbhochwasser war in den Augusttagen 2002 bis auf wenige Zentimeter darunter stehen geblieben. Auch diese Restaurierung, bei der (brutale) Öffnungen in der Holzdecke für Ofenrohre kunstvoll geschlossen wurden, ist eine Verbesserung im Vergleich zur vorherigen Situation.

Nicht nur das höfische Portal über dem Eingang ist auf August den Starken zurückzuführen, der 1719 seinen Sohn samt der ihm gerade in Wien angetrauten österreichischen Kaisertochter Maria Josepha auf dem Weg nach Dresden in der Langen Straße 10 übernachten ließ, bevor dann in der sächsischen Kapitale die eigentlichen Hochzeitsfeiern begannen. Auch der Umstand, dass die bemalte Decke im Erdgeschoss, die bei Bauarbeiten durch Zufall entdeckt wurde, über drei Jahrhunderte so gut erhalten blieb, geht auf den Sachsenkönig zurück. Denn da die Häuser bzw. Holzdecken wegen unsachgemäßen Umgangs mit Öfen allzu oft brannten, verordnete August per Brandschutzverordnung deren Abhängung mit Brettern und Putz. Mit ein Grund, weshalb sich die Farben so gut über die Jahrhunderte erhalten haben, wobei bisher nur ein kleiner Teil jener bemalten, später aber abgehangenen Decken geöffnet worden ist.

Dr. Dettmar Cramer

Der Autor Dr. jur. Dettmar Cramer, 1929 in Görlitz geboren, arbeitete als Korrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Bonn und für RIAS Berlin. 1986 wechselte er zum Deutschlandfunk, dessen Intendant er 1992-1993 war.

1996 erhielt seine Frau Gisela ein zu DDR-Zeiten enteignetes, 1.800 Quadratmeter großes Wohn- und Geschäftshaus in der Pirnaer Altstadt zurück. Mit hohem finanziellen und persönlichen Einsatz sanierte Familie Cramer dieses heruntergekommene Objekt. Die Arbeiten waren kaum abgeschlossen, als das Barockhaus durch das Elbhochwasser vom August 2002 stark beschädigt wurde und erneut saniert werden musste.

Kopfgrafiken: Barockhaus Lange Straße 10 in Pirna, rechts das Portal (beide Fotos: ML Preiss)