Sehen und Erkennen August 2005

Schmuckformen an historischen Türen

Voluten, Kartuschen und Säulen

Wenn man die Fenster als die Augen eines Hauses bezeichnet, so sind die Türen der Mund. Sie können verschlossen sein oder einladend geöffnet, ernst oder heiter, schön oder hässlich. In unserer Zeit ist letzteres leider überwiegend der Fall. Denn heute geht es oft nur um die Zweckmäßigkeit.

Bronzetüren von S. Giorgio Maggiore in Venedig 
© G. Kiesow
Bronzetüren von S. Giorgio Maggiore in Venedig

Die Tür unserer Tage soll pflegeleicht sein, also keinen Anstrich benötigen, daher das korrosionsfreie Aluminium. Auch soll sie das Reinigen von Gläsern erübrigen, daher Rubbelglas und Glasbausteine. Auf die Schönheit kommt es nicht mehr an. Das war bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts anders. Da war die Haustür die Visitenkarte des Eigentümers und seiner Mieter, kündete sie von Bürgerstolz und Stilwillen.


Die Renaissance als Wiederbesinnung auf die Antike greift auch bei den Türen auf deren Vorbilder zurück, wie beim Vergleich von Andrea Palladios Bronzetüren von S. Giorgio Maggiore in Venedig, entstanden 1566-1610, mit antiken Türflügeln zu erkennen ist. Die Portale sind streng in rechteckige Felder gegliedert, Palladios Werk ist aber deutlich plastischer durch die stärkere Profilierung der gedrungeneren Felder, von denen er nur je eine Reihe pro Flügel anordnet. Kirchentüren sind von feierlichem Ernst und abweisend, wenn sie verschlossen sind, um Vandalen abzuschrecken.

Dagegen deuten die einst wohl zu der 1537-43 erbauten Stadtresidenz in Landshut gehörenden hölzernen Türflügel auf heitere Feste und Wohlhabenheit, vertreten auf dem linken Flügel durch Apoll mit der Lyra als Symbol der Musik, während Hermes auf der rechten Seite den Reichtum durch Handel verkörpert. Hermes hatte als Kind die Lyra erfunden, gab sie aber schließlich seinem Bruder Apoll für die Rinderherde, die er ihm zuvor gestohlen hatte. Deshalb gilt Hermes auch als der Gott der Diebe. Die Felder unter den Reliefs sind wohl auch zum Schutz gegen Beschädigungen plastisch verstärkt, nach unten wie bei Hermenpilastern verjüngt.

Die Türflügel der Landshuter Stadtresidenz sind viel reicher geschmückt als die Tür in Quedlinburg. 
© G. Kiesow
Die Türflügel der Landshuter Stadtresidenz sind viel reicher geschmückt als die Tür in Quedlinburg.

Herzogliche Bauherren können sich diesen Aufwand leisten, bürgerliche müssen bei den Baukosten sparsamer sein. Bei ihnen findet man im 16. Jahrhundert häufig einfache Fischgrätenmuster aus aufgedoppelten Bohlen wie beim Haus Weingarten 22 in Quedlinburg, erbaut 1597, oder auf die Spitze gestellte Quadrate, die wie bei einem Mühlespiel ineinander gefügt sind.

Bürgerlicher Reichtum an einer frühbarocken Tür in Bad Sooden-Allendorf 
© G. Kiesow
Bürgerlicher Reichtum an einer frühbarocken Tür in Bad Sooden-Allendorf

Die hessische Fachwerkstadt Bad Sooden-Allendorf wurde 1637 von kroatischen Truppen niedergebrannt. Nur der Reichtum aus der Salzgewinnung machte es den Bürgern möglich, noch während des Dreißigjährigen Krieges ihre Häuser wieder aufzubauen, und das in prachtvollen Formen, wie hier 1642-44 beim Haus Kirchstraße 59. Es sind Formen aus der Steinarchitektur, die im Frühbarock auf den Fachwerkbau übertragen wurden, denn dieser kannte bis dahin keine Säulen und Giebeldreiecke. Ein Pilaster grenzt den schmalen Standflügel zur beweglichen Haustür ab, die Plastizität der ineinandergefügten Rechtecke ist noch wesentlich stärker als bei Palladios Tür in Venedig.

Wer sparen muss und dennoch einen gut gestalteten Eingang wünscht, greift auf Malerei zurück. Sie erinnern oft an Malereien der Volkskunst auf Bauernschränken oder Truhen, auf Kanzeln oder Emporen in den thüringischen Dorfkirchen.

Die Türflügel des Hauses Fleischmarkt 2 in Bautzen sind wohl kaum gleichzeitig mit dem rahmenden Steinwerk von 1670 entstanden. Zeigt dies in der Kartusche des gebrochenen Dreieckgiebels die für den Frühbarock typischen Ohrmuschelornamente, so kann das schmiedeeiserne Bandelwerk auf der Tür erst um 1710-30 gearbeitet worden sein, denn es ist das beliebte Schmuckmotiv des Hochbarock. Vielleicht war die Haustür von 1670 bei einem der großen Stadtbrände von 1709 oder 1720 vernichtet worden, und der Hausbesitzer wollte sich durch die eiserne Tür vor einem erneuten Übergreifen der Flammen schützen.

Türflügel wurden – wie hier in Bautzen und Tangermünde – auch schon früher nach der neuesten Mode ersetzt. 
© G. Kiesow
Türflügel wurden – wie hier in Bautzen und Tangermünde – auch schon früher nach der neuesten Mode ersetzt.

Auch beim Portal des Hauses Schlossfreiheit 4 in Tangermünde ist das steinerne Gewände fast zweihundert Jahre älter als die Türflügel, die man wegen der typischen Rokokoformen auf etwa 1750 zu datieren hat. Die Asymmetrie der Felder und die aus Voluten zusammengesetzten Einfassungen sind dafür ein wichtiges Indiz.

Prägt man sich die Entwicklung der Schmuckformen auf den Türflügeln ein, kann man eine Haustür auf ein Vierteljahrhundert genau datieren.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

Kopfgrafiken: Portal Schlossfreiheit 4 in Tangermünde (l.) und Portal Weingarten 22 in Quedlinburg (r.), (beide Fotos: G. Kiesow)

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