August 2005

Interview mit Dr. Georg Schmitt

"Stadtumbau und Stadtsanierung sind keine Gegensätze"

MO: Pirna hat wie auch andere Städte in Sachsen eine besonders wertvolle historische Bausubstanz, die in den letzten Jahren restauriert wurde. Ist Wohnen in diesen jahrhundertealten Häusern beliebt?

Dr. Georg Schmitt:  Von den rund 330 bebauten und meist in Privatbesitz befindlichen Grundstücken im Sanierungsgebiet sind knapp 80 Prozent, also rund vier Fünftel intakt oder fertig saniert. 3 Prozent der Grundstücke befinden sich in der Sanierung, und 17 Prozent sind noch sanierungsbedürftig. Ein ganz ähnlicher Stand ist bei den öffentlichen Straßen und Plätzen erreicht worden; auch hier sind gut vier Fünftel der Flurstücke abschließend saniert. Demzufolge ist auch die Durchführung und vor allem der Abschluss der Sanierung der Altstadt innerhalb des angestrebten Durchführungszeitraumes von etwa 20 Jahren (von 1990 bis ca. 2010) durchaus realistisch. Die Altstadtsanierung in Pirna ist also auf gutem Weg und liegt derzeit voll im Zeitplan.

Bei Beginn der Stadtsanierung im Jahre 1991 bewohnten 1.441 Einwohner das Sanierungsgebiet Altstadt. Bis 1998 erfolgte ein kontinuierlicher Rückgang der Bevölkerung bis auf 984 Einwohner. Erst in diesem Jahr, gleichsam dem Wendejahr in der Stadtsanierung, schlugen sich die Erfolge in der Sanierung der Gebäude auch in den Einwohnerzahlen nieder. Seitdem ist ein ständiger, bisweilen auch sprunghafter Anstieg zu verzeichnen. Zum Jahresende 2004 lebten wieder 1.405 Personen in der Altstadt. Der Ausgangswert von 1.441 Einwohnern wird also in Kürze überschritten werden; und mit dem Abschluss der Stadtsanierung werden voraussichtlich deutlich mehr Einwohner in der Altstadt leben als zu Beginn.

Dies ist dann auch der überzeugende Beleg für eine erfolgreiche Stadtsanierung. Bedingt durch die Vielzahl der einzelnen Sanierungen gewinnt der Standort Altstadt bzw. Sanierungsgebiet insgesamt als Wohnort zunehmend an Attraktivität für neue Bewohner und auch an Gewicht innerhalb der Gesamtstadt Pirna. Die Altstadt ist somit innerhalb der Gesamtstadt Pirna der einzige Stadtteil, welcher seit Jahren ständig steigende Einwohnerzahlen aufweist.

MO: Dettmar Cramer fordert in seinem Beitrag "Wohnen in Pirnas Altstadt" in dieser Ausgabe die Befreiung des historischen Zentrums oder zumindest des historischen Marktplatzes vom Autoverkehr. Wie bewerten Sie diesen Wunsch?

Dr. Georg Schmitt:  Der ruhende wie auch fließende Autoverkehr sind in einer dicht bebauten Altstadt wie Pirna mit ihrer topografischen Lage, eingezwängt zwischen Elbe und Schlossberg, immer ein Problem; weder innerhalb noch in angemessener Entfernung außerhalb der Altstadt steht eine ausreichende Anzahl an Stellplätzen für die Bewohner und Besucher zur Verfügung. Deshalb ist es unumgänglich, auch innerhalb der Altstadt Stellplätze auszuweisen.

Anders hingegen ist der Durchgangsverkehr zu bewerten; dieser ist eher ein hausgemachtes Problem. Von der Verkehrssituation her gesehen wäre eine Schließung der Altstadt für den Durchgangsverkehr durchaus möglich. Dies würde eine spürbare Entlastung etwa von Lärm und Abgasen sowie eine erhebliche Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität in der Altstadt bedeuten. Allerdings hat dieses Anliegen bislang weder in der Stadtverwaltung noch im Stadtrat eine Mehrheit gefunden.

MO: Nach aktuellen Schätzungen sind - um den Leerstand zu verringern - rund 10.000 denkmalgeschützte Gebäude in Sachsen vom Abriss bedroht. Betrifft diese alarmierende Situation auch Pirna?

Dr. Georg Schmitt:  Die Situation in Pirna ist aufgrund der günstigen Lage der Stadt etwa in der Nähe zur Landeshauptstadt Dresden und zur Sächsischen Schweiz nicht ganz so alarmierend wie in anderen Landesteilen. Gleichwohl verliert Pirna seit einem Jahrzehnt jährlich durchschnittlich ein Prozent seiner Bevölkerung. Dieser Rückgang hat naturgemäß auch einen entsprechend geringeren Bedarf an Wohn- und Gewerbeflächen mit Rückbau und Abriss von Gebäuden zur Folge. Da im Freistaat Sachsen wie auch in Pirna mit rund 30 Prozent des gesamten Gebäudebestandes ein relativ großer Anteil als Kulturdenkmale erfasst und ausgewiesen ist, können Rückbau und Abriss von denkmalgeschützten Gebäuden keinesfalls vermieden werden.

MO: Nach welchen Kriterien wird dann entschieden, welche denkmalgeschützten Bauten der Abrissbirne zum Opfer fallen?

Dr. Georg Schmitt:  In Anbetracht des genannten hohen Prozentsatzes von 30 Prozent wird man eher fragen müssen, ob denn wirklich an der Erhaltung eines jeden denkmalgeschützten Gebäudes ein öffentliches Interesse besteht. Jedenfalls kann der Denkmalschutz allein keinesfalls das ausschlaggebende Kriterium zum Erhalt oder Abriss eines Gebäudes sein. Viel gewichtiger sind solche Kriterien wie die (vorhanden oder fehlende) Erschließung oder der städtebauliche Zusammenhang.

MO: Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, mahnt einen behutsamen Stadtumbau an, indem man den Abbau des Wohnungsleerstands von außen nach innen vornimmt und die historischen Zentren schützt. Wie ist die Entwicklung in Pirna?

Dr. Georg Schmitt:  Stadtumbau und Stadtsanierung sind sowohl innerhalb des Sanierungsgebietes Altstadt wie auch im Verhältnis Altstadt zur Gesamtstadt keine sich ausschließenden Gegensätze. Vielmehr wird im Zuge der Stadtsanierung wie auch der Stadtplanung stets den übergeordneten Zielen des Stadtumbaus angemessen Rechnung getragen. Die vorgenannte Entwicklung bei den Einwohnerzahlen in der Altstadt sowie die Tatsache, dass die Altstadt der einzig wachsende Stadtteil innerhalb der Gesamtstadt ist, zeigen, dass in Pirna der Rückbau der Stadt von außen nach innen sowie der Schutz und die Stärkung des historischen Zentrum wenigstens derzeit gelingt.

Kopfgrafiken: Rathaus und Hauseingang Lange Straße in Pirna kurz nach dem Hochwasser (beide Fotos: ML PREISS)

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