Wohnhäuser und Siedlungen Interieur August 2005 T

Die Treppenhäuser von Berlin

Farbiges Glas – gemusterte Böden

Denke ich zurück an meine Zeit im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg, sehe ich sie immer wieder vor mir, die typischen Mietshäuser aus der Kaiserzeit, so wie ich sie vor mehr als zwanzig Jahren erlebt habe: dunkle heruntergekommene Fassaden mit baufälligen, zum Teil abgebrochenen Balkons, düstere schmutzige Eingänge oder Durchfahrten - oftmals geprägt von unangenehmen Gerüchen -, Hinterhöfe, bei denen man sofort an Heinrich Zilles "Milljöh" denkt, mit Mülltonnen und vereinzelten Bäumen und Büschen, die sich mühsam zum Licht recken.

Viel Pracht im restaurierten Vestibül des Hauses Sophienstraße 22-22A in Berlin-Mitte 
© W. Reuss
Viel Pracht im restaurierten Vestibül des Hauses Sophienstraße 22-22A in Berlin-Mitte

Sah ich mir die Häuser aber genauer an, konnte ich trotz Kriegsschäden und Vernachlässigung oftmals reichgeschmückte Fassaden aus Gründerzeit und Jugendstil entdecken. In den Durchgängen und Treppenhäusern fanden sich gemusterte Fliesenfußböden, farbige Glasfenster, schön geschnitzte Treppengeländer, Säulen und kunstvoll gearbeitete Türen und Tore. Manche schmutzige Wand zeigte unter blätternder Ölfarbe Reste von Ornamenten. Hinter abgenommenen hölzernen "Stummen Portiers" wurden Wandbilder sichtbar. Offenbar spielten für den Erbauer neben den Fassaden auch die halböffentlichen Räume - Durchfahrten, Hausflure und Treppenhäuser - eine wichtige Rolle. Sie zeugten vom Reichtum und vom Geschmack des Bauherrn, waren seinerzeit wesentliche Argumente für eine ertragreiche Vermietung.

Das explosionsartige Bevölkerungswachstum im Berlin des 19. Jahrhunderts führte zu einem ungeheuren Bauboom. Auf der Grundlage neuer Bebauungspläne entstanden große Mietskasernenviertel außerhalb der bisherigen Stadtgrenzen. Nach der Reichsgründung 1871 entwickelten sich die Stadtgebiete unterschiedlich: Während im Norden und Osten Mietshausquartiere mit einem großen Anteil an Kleinstwohnungen möglichst schnell Wohnraum für die in die Stadt strömenden Arbeitskräfte bieten sollten, wurden in den westlichen Bezirken bürgerliche Mietshäuser mit geräumigen Wohnungen für eine breite Mittelschicht gebaut.

In diesen bürgerlichen Wohngegenden war die künstlerische Ausgestaltung der Fassaden und Treppenhäuser naturgemäß viel reicher. Deshalb findet man dort heute noch neben Stuck und anderem Zierrat eine große Zahl sehr qualitätvoller Malereien in den Eingangsbereichen, an Fassaden und Hofwänden.

Hochgebirgsstimmung im Eingangsbereich des Hauses Rykestraße 25 im Bezirk Prenzlauer Berg 
© ML PREISS
Hochgebirgsstimmung im Eingangsbereich des Hauses Rykestraße 25 im Bezirk Prenzlauer Berg

Doch auch in den Arbeitervierteln entstanden an den Hauptverkehrsadern repräsentative Bauten, die sich in ihrer Gestaltung deutlich von denen der Nebenstraßen abheben. Innerhalb der Häuser aber ist das soziale Gefälle noch ablesbar: Die Vorderhäuser bieten in der ersten und zweiten Etage geräumigere Wohnungen als in den oberen - ohne Fahrstuhl zu erreichenden - Stockwerken. Kleinere Wohnungen liegen in den Hofgebäuden, und für die Ärmsten blieben ehedem nur noch die immer feuchten Kellerräume.

Erste Restaurierungen gab es im Bezirk Prenzlauer Berg bereits in den siebziger Jahren. Staunend stand ich damals vor hellen Fassaden mit farbig hervorgehobenem Stuck und instand gesetzten Balkons mit kunstvollen Geländern. In jener Zeit wurden zwar auch die Versorgungsstränge erneuert und die Ausstattung der Wohnungen verbessert, Treppenhäuser und Eingangsbereiche aber lediglich frisch gestrichen. Seit der Wende 1990 haben die Eigentümer den Wohnwert dieser Mietshäuser wieder erkannt: Inzwischen strahlen viele der Fassaden in einem wohl nie dagewesenen Glanz.

Zartes Jugendstilmotiv in der Linienstraße 146 in Berlin-Mitte 
© ML PREISS
Zartes Jugendstilmotiv in der Linienstraße 146 in Berlin-Mitte

Bei Wandmalereien im Inneren sind alle Stilrichtungen der Zeit vertreten: Von der klassizistischen Tradition, die noch bis etwa zur Reichsgründung nachwirkte, über die Neorenaissance der frühen Gründerzeit, Neobarock und Neorokoko bis hin zum Jugendstil. Neben ornamentaler Malerei findet man auch Bilder mit allegorischen Darstellungen, Putten, ländlichen Idyllen, Gebirgslandschaften, Gartenarchitekturen und städtischen Ansichten - allerdings nicht so zahlreich und nicht in der gleichen Pracht wie in den westlichen Bezirken. Die gegliederte Architektur der Decken und Wände in den Eingangsbereichen weist aber Medaillons, Stuckrahmen, Lünetten und andere Formen auf, die darauf hindeuten, dass hier einst Wandbilder waren, die später überstrichen wurden.

Die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts war von wachsendem Selbstbewusstsein und Reichtum geprägt, sie ahmte die Pracht und die Modeströmungen der öffentlichen Bauten nach. Es gab eine Vielzahl von Kunst- und Familienzeitschriften, denen die Bauherren und Architekten ihre Anregungen entnehmen konnten, Vorlagenbücher und Schablonen halfen den Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit.

Im Treppenhaus des Hauses Greifenhagener Straße 52 wurde die Ausmalung von 1910 rekonstruiert. 
© ML PREISS
Im Treppenhaus des Hauses Greifenhagener Straße 52 wurde die Ausmalung von 1910 rekonstruiert.

Oftmals waren die Vorlagen von bekannten Künstlern der Zeit gestaltet, es wurden aber auch historische Vorbilder aufgenommen. Das Kopieren war ausdrücklich erwünscht. Die Dekorationsmaler passten ihre Gestaltungen dem Zeitgeschmack, den Wünschen des Bauherren und den örtlichen Gegebenheiten an. Die Stil- und Vorlagenbücher sind heute eine wertvolle Quelle für die zeitliche Einordnung und die Erforschung der wenigen noch vorhandenen Beispiele dieser ehedem so reichen kunsthandwerklichen Ausstattung.

Werden heute denkmalgeschützte Mietshäuser saniert, legen die Denkmalpfleger insbesondere bei gut erhaltenen Fassadengestaltungen auch Wert auf die Wiederherstellung der dekorativen Ausstattung des Inneren. Bisher wurden bereits eine Reihe von Wandmalereien restauriert. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich mit einem speziellen Berliner Treppenhausprogramm daran.

Die Restaurierung der Wandmalereien erfordert eine eingehende Voruntersuchung und Dokumentation der Befunde. Teilweise liegen mehrere dekorative Malfassungen aus verschiedenen Jahren übereinander, die später oft mehrfach überstrichen waren. Nun muss entschieden werden, welche davon erhalten, welche freigelegt oder gar rekonstruiert werden sollen. Zu klären ist die chronologische Abfolge der einzelnen Malschichten, ihre zeitliche Einordnung, ihr Erhaltungszustand und ihre Maltechnik. Daraus wird dann das restauratorische Konzept entwickelt, das auf dem historischen und künstlerischen Wert der Dekorationen in Abhängigkeit vom Erhaltungszustand und der Möglichkeit der Wiederherstellung basiert.

Das "Fenster" in der Durchfahrt zeigt die Ausmalung von 1910, darüber wurde die bauzeitliche Fassung von 1898 rekonstruiert. 
© ML PREISS
Das "Fenster" in der Durchfahrt zeigt die Ausmalung von 1910, darüber wurde die bauzeitliche Fassung von 1898 rekonstruiert.

Für die Denkmalpfleger ist es wichtig, dass bei der Restaurierung nicht allein die Fassung aus der Erbauungszeit des Hauses freigelegt und retuschiert oder gar rekonstruiert wird, vielmehr soll die Mehrschichtigkeit der historischen Malereien sichtbar bleiben. Da die vollständige Freilegung einer Fassung immer die Zerstörung der darüberliegenden bedingt, empfehlen sie in solchen Fällen, über den Malschichten eine sogenannte Sperrschicht aufzubringen und darauf die bauzeitliche Fassung zu rekonstruieren - soweit sie sich durch Befundfenster und "Tunnel" in ausreichender Form nachweisen lässt. Oftmals geben "Fenster" zu den Originalschichten Einblick in die verschiedenen Phasen der dekorativen Bemalung, die Geschichte ist so deutlich ablesbar.

Die Fotos zeigen, welche Pracht in den bis vor wenigen Jahren nur trist zu nennenden Mietshäusern wieder entstanden ist und noch entstehen kann. Es bleibt zu hoffen, dass die Bewohner und Besucher der Häuser die Kunstfertigkeit der Dekorateure und Restauratoren achten.

Doch vertrauen wir auf die Sehnsucht des Berliners nach der Idylle: Wer in der täglichen Hektik zwischen Mietshäusern und Verkehrslärm lebt, erfreut sich immer gern an einer Gebirgslandschaft oder einem exotischen Park - seien sie auch nur gemalt.

Dr. Dorothee Reimann

Kopfgrafiken: Vestibül in der Sophienstraße 22 (l., Foto: W. Reuss) und Treppenhaus Greifenhagener Straße 52 (r., Foto: ML Preiss)

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