Landschaften, Parks und Friedhöfe Gärten Juni 2005 G

Die Anliegen der Gartendenkmalpflege

"Nicht nach Schwänen werfen ..."

Gärten sind Tore zum Paradies - ob im biblischen Sinn oder als mythisches Arkadien. Heute muss oft schon die grüne Lunge zwischen zwei Autostraßen als Elysium des Stadtmenschen herhalten.

Weiher prägen den Schillingspark in Düren. 
© ML PREISS
Weiher prägen den Schillingspark in Düren.

Als umfriedeter Bereich spiegelt jeder Garten einen uralten Traum der Menschheit wider, der herrschaftliche Pleasureground genauso wie der Bauerngarten. Historische Gärten zeugen nicht nur vom Geschmack ihrer Auftraggeber, sondern sind immer auch ein idealisierter Weltentwurf. 


Die Hängenden Gärten der babylonischen Königin Semiramis zählten zu den sieben Weltwundern der Antike. Auch die Römer umgaben ihre Villen mit terrassierten Gärten, gestalteten sie mit Wasserläufen und Skulpturen. Die italienische Renaissance knüpfte an die römische Gartenkultur an und erklärte den Garten endgültig zum Kunstwerk. Der Ort neuzeitlicher Weltflucht war mit Brunnen, Grotten und Irrgärten kultiviert.


Im Barock wurden solche Anlagen, ausgehend von Frankreich, in alles bestimmender Symmetrie perfektioniert: Der Garten war Architektur und von der umgebenden Natur deutlich abgegrenzt. Die Blumen wurden zu Ornamenten gefügt, man lustwandelte nicht auf geschwungenen Wegen, sondern durchschritt Achsen. Die Kritik am Absolutismus entlud sich schließlich auch am derart abgezirkelten Garten: Im Zuge der Aufklärung geriet die freie Entfaltung der Natur zum idealen Gegenbild.

In England wurde bereits um 1720 die Idee des Landschaftsgartens entwickelt, bei dem die malerische Gestaltung im Vordergrund steht und die Grenzen zur Umgebung fließend sind. Der Landschaftsgarten hat auch in Deutschland eine lange Tradition: Große Namen wie Friedrich Ludwig von Sckell, Peter Joseph Lenné oder Hermann Fürst von Pückler-Muskau stehen für eine Gartenkunst, die die Natur zurück in den Park brachte. "Aus der strengen Zucht des Architekts flüchtete sie sich in die Freiheit des Poeten", umriss Friedrich Schiller 1795 den Stilwandel.

Der Schillingspark in Düren

"Ehrfurcht erfüllt den Beschauer, wenn er die Haine, die stellenweise einem Urwald gleichen, durchwandert. Die kleinen Seen, die der Park enthält, wimmeln von Fischen, und auf dem Wasser ziehen stolze Schwäne dahin." So beschrieb ein Besucher um 1900 einen Landschaftspark im Rheinland: Der Schillingspark in Düren-Gürzenich zählt nicht zu den berühmten Anlagen, sondern ist ein - mit immerhin 17,3 Hektar - vergleichsweise kleiner Privatgarten.

Der Mona Lisa Turm im Schillingspark 
© ML PREISS
Der Mona Lisa Turm im Schillingspark

Im Lauf des 19. Jahrhunderts war er um mehrere bestehende Weiher herumkomponiert worden, die die Mönche des nahen Klosters Schwarzenbroich bereits im 15. Jahrhundert für die Fischzucht genutzt hatten. 1819 kam der aus dem Kloster hervorgegangene Weyerhof in den Besitz der Familie Schillings. Thimoteus Schillings wandelte das Gebiet nun in einen romantischen Wassergarten um.

Der gelernte Förster erweiterte die bestehende Vegetation mit ausgesuchten Pflanzen wie Rhododendron, Ilex oder Buchsbaum. In den Weihern legte er Inseln an, die zum Teil mit Brücken oder auch nur per Boot zu erreichen waren. Kleine Bauten an markanten Stellen sorgten für die sentimentale Überhöhung: ein Turm mit Felsengarten und Grotte, ein Häuschen aus Fachwerk, das wahrscheinlich als Teehaus genutzt wurde, oder das urige Fischerhaus mit seinen unbehauenen Stämmen. Wohl erst in der zweiten Jahrhunderthälfte wurde am südlichen Parkrand das sogenannte Friedenstal angelegt: Ein verwunschener, felsengesäumter Weg schlängelt sich zwischen zwei murmelnden Bächen. Diese geformte Wildnis war ganz nach dem Geschmack eines reiselustigen Bildungsbürgers.

Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen: In regelmäßigen Abständen müssen im Schillingspark große Bagger anrücken, um einen der charakteristischen Weiher zu entschlammen. An diesem Ort kann man sich ein Bild davon machen, was es heißt, einen historischen Garten zu pflegen.

Blickfang am Steinweiher: das Fischerhäuschen 
© ML PREISS
Blickfang am Steinweiher: das Fischerhäuschen

Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs, Vandalismus und jahrzehntelanger Wildwuchs hatten dem bedeutenden Park schwer geschadet. Fische und Schwäne waren längst verschwunden, ein Teil der Weiher ist bereits verlandet. Auch die noch vorhandenen Bauten waren in beklagenswertem Zustand. Von 1998 bis 2001 hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Instandsetzungsarbeiten im Park und an den Parkgebäuden mit insgesamt 176.000 Mark gefördert.

Will man eine historische Anlage dauerhaft bewahren, so muss man ihre Geschichte kennen und sich über ihre Gestaltungsprinzipien im Klaren sein. Grundlage der andauernden Revitalisierung des Dürener Schillingsparks ist daher ein sogenanntes Parkpflegewerk. Ein solches Gutachten zur Gartendenkmalpflege umfasst die ausführliche Dokumentation und Einordnung der historischen Anlage mit Bestandsanalyse und ein daraus entwickeltes Programm für die Restaurierung, die Pflege, die Unterhaltung und eventuelle Umgestaltungen. Die Eigentümer des Schillingsparks sind glücklicherweise mit besonders großem Engagement bei der Sache und wurden dafür bereits 2000 mit dem Rheinischen Denkmalpreis ausgezeichnet.

Seit den 1990er Jahren sind die Leitfäden der kurz- und langfristigen Maßnahmen für denkmalgeschützte Anlagen an vielen Orten erprobt. Doch gerade private Gartenbesitzer sind mit der Aufstellung und Umsetzung eines Parkpflegewerkes durch einen qualifizierten Landschaftsarchitekten meist finanziell völlig überfordert.

Potsdamer Vorstadtgarten: Clara-Zetkin-Straße 22 
© Untere Denkmalschutzbehörde Potsdam
Potsdamer Vorstadtgarten: Clara-Zetkin-Straße 22

Privatgärten in Potsdam

Gartenkleinode schlummern überall im Verborgenen. Auch in Potsdam reicht die Reihe der bedeutenden historischen Grünanlagen weit über Sanssouci oder den Neuen Garten hinaus. In der Brandenburger Vorstadt etwa ist der typische Vorgarten eines 1883 errichteten Mietshauses erhalten - ein ganz unprätentiöses Denkmal, und doch für das Stadtbild von großem Wert. Die Stiftung Historische Gärten finanzierte neben der Neuanpflanzung von Formgehölzen auch die Aufstellung der Bank nach altem Vorbild sowie die Wiederherstellung der Rosenlaube.

Nur ein paar Kilometer entfernt verbirgt sich mit dem Göritz-Garten in Potsdam-Bornstedt ein weiteres grünes Kunstwerk. Strauchkastanie, Pfaffenhütchen und Prachtglocke - das war die Welt von Hermann Göritz (1902-1998), einem der wichtigsten Gartenarchitekten des 20. Jahrhunderts. Der Schüler von Karl Foerster gestaltete hier ab 1936 sein Privatgrundstück. Stauden und edle Gehölze hat er malerisch zu Pflanzinseln zusammengefasst, um die der Rasen gleichsam herumfließt. Ein Garten war für Göritz im besten Fall ein Wohnraum - wobei sein eigener natürlich auch der wissenschaftlichen Beobachtung diente.

Im Göritz-Garten mäandert das Grün um die Pflanzinseln. 
© ML PREISS
Im Göritz-Garten mäandert das Grün um die Pflanzinseln.

Die Sorge um solche Gartendenkmale gab den Ausschlag für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2001 die "Gemeinschaftsstiftung Historische Gärten" zu errichten. Mit Instandsetzungsarbeiten und Parkpflegewerken soll der dauerhafte Unterhalt denkmalgeschützter Anlagen bundesweit gefördert werden. Durch private Zustiftungen erhofft sich die Stiftung ein siebenstelliges Grundkapital, dessen Erträge dann bedrohten Gärten und Parkanlagen zugute kommen. Sie ist zuversichtlich, auch in Zukunft viele Gartenbegeisterte zu finden, die helfen werden, dieses Ziel zu verwirklichen und sich mit einer Zustiftung an der Pflegeversicherung zur Bewahrung unseres Gartenkultur-Erbes beteiligen.

Die Gartendenkmalpflege ist im Vergleich zur Pflege von historischen Bauwerken gerade erst den Kinderschuhen entwachsen. Dabei ist das Material, aus dem die kleinen und großen Paradiese sind, noch vergänglicher und pflegebedürftiger als das eines Gebäudes. Auch ihre öffentliche Nutzung ist durchaus problematisch, denn nicht allen Besuchern sind kultureller Wert und Empfindlichkeit bewusst. Als im ausgehenden 18. Jahrhundert die ersten fürstlichen Gärten geöffnet wurden, erließ man vielerorts Parkordnungen. In Hannover-Herrenhausen wurden die Spaziergänger 1777 dazu angehalten "nicht nach den schwänen zu werfen". 1788 mahnte man in Wörlitz, nicht "an Wände oder Statuen Namen oder Einfälle anzuschreiben". Wer einmal einen Park nach einer Massenveranstaltung erlebt hat, dem erscheinen diese Hinweise gar nicht so antiquiert.

Dr. Bettina Vaupel