Kleine und große Kirchen Sehen und Erkennen Material Februar 2005

Wie aus Altem Neues wurde

Zum Wegwerfen zu schade

Die Südfassade des Münsters in Colmar weist ein stattliches, reich ausgeschmücktes Säulenportal auf, in dessen linker äußerer Bogenlaibung eine Reihe von Statuetten zu erkennen sind.

© G. Kiesow 
© G. Kiesow
© G. Kiesow

Die eine hält ein Winkelmaß und kann dadurch als Baumeister identifiziert werden. Auf dem äußeren Profilrand wird er als "Maistres Hvmbret" bezeichnet und somit als Schöpfer des Portals. Man will seine hier ablesbare bildhauerische Handschrift in der Figur eines Tubabläsers vom ehemaligen Lettner des Straßburger Münsters wieder erkannt haben und schließt daraus, dass er dort um die Mitte des 13. Jahrhunderts seine Ausbildung erhalten hat. Danach soll er als Baumeister nach Colmar zum Bau der dritten Martinskirche nach zwei romanischen Vorgängerbauten berufen worden sein. Querschiff und Langhaus gelten als sein Werk, womit er nach Georg Dehio "der Gotik in Colmar zum Siege verhalf".

Betrachtet man das gesamte Südportal genau erkennt man, dass in das spitzbogige, Tympanon genannte Bogenfeld ein rundbogiges Relief mit Darstellungen aus der Legende des heiligen Nikolaus eingepasst wurde.

Es besteht aus einem anderen, rötlicher gefärbten Stein und ist offensichtlich älter als das darüber als Überleitung zum Spitzbogen eingesetzte Relief mit der Darstellung des Weltgerichts. Meister Humbret fand es wohl als Arbeit seines noch ganz im romanischen Stil verharrenden Vorgängers vor und fügte es in sein gotisches Spitzbogenportal. Dies ging jedoch nicht ohne Unregelmäßigkeiten am oberen Rand des Tympanons vonstatten, erkennbar an der unordentlichen Mörtelfuge.

Portal der Marienkirche in Gelnhausen 
© G. Kiesow
Portal der Marienkirche in Gelnhausen

Will man sich vorstellen, zu welchem Typ eines romanischen Säulenportals das ältere Tympanon von Colmar gehört haben könnte, kann man zum Vergleich ein Portal aus Gelnhausen heranziehen. Es befindet sich in der nördlichen Langhauswand der Marienkirche und dürfte, wie das ältere Relief in Colmar, um 1220 entstanden sein. Auch in Gelnhausen vollzieht sich der Übergang vom romanischen zum frühgotischen Stil im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts durch einen Baumeisterwechsel, der sich allerdings nicht wie in Colmar innerhalb eines Portals ausdrückt, sondern am Wechsel zu den Bauformen des Querschiffs, das von einem jüngeren, hier als Heinrich Vingerhut bezeichneten und ebenfalls figürlich dargestellten Baumeister geschaffen wurde. An der Selbstdarstellung und der Namensnennung kann man das neue Selbstbewusstsein einer am französischen Kathedralbau geschulten, jüngeren Baumeistergeneration erkennen.

Der Vorgang von Colmar könnte sich auch in Neuweiler (Neuwiller-les-Saverne, Elsass) am Nordportal des Querschiffes der ehemaligen Klosterkirche wiederholt haben.

Nordportal der Klosterkirche in Neuweiler/Neuwiller-les-Saverne (Frankreich) 
© G. Kiesow
Nordportal der Klosterkirche in Neuweiler/Neuwiller-les-Saverne (Frankreich)

Dort thront im Tympanon unter einem mittleren Kleeblattbogen zwischen zwei Engeln Christus, angebetet von zwei knienden Mönchen; der linke ist durch den Krummstab wohl als Abt zu deuten. In den seitlichen Rundbogenarkaden befinden sich die Statuetten von Petrus und Paulus. Der zum Spitzbogen der äußeren Rahmung überleitende obere Teil des Tympanons ist merkwürdig unregelmäßig. Die Fugen weisen auf eine Anstückelung hin. Auch hat der Stein eine andere Färbung als der Spitzbogenrahmen, der zwar bemalt ist, aber insgesamt härter wirkt. Auch hier in Neuweiler könnte um die Mitte des 13. Jahrhunderts ein jüngerer, bereits in der gotischen Bauhütte von Straßburg geschulter Bildhauer ein älteres, rundbogiges Tympanonrelief aus der Zeit um 1200 wieder verwendet haben.

Man nennt derartige, aus einem anderen Zusammenhang stammende Werkstücke Spolien. Der Grund, sie in Colmar und Neuweiler wieder zu verwenden, lag wohl in der noch nicht sehr weit zurückliegenden Entstehung, wodurch die äußere Form zwar unmodern geworden, der religiöse und materielle Wert der mit erheblichem Aufwand hergestellten Werkstücke aber noch zu hoch war, um sie wegzuwerfen.

Römisches Relief an der Propsteikirche von Maria Saal in Kärnten 
© G. Kiesow
Römisches Relief an der Propsteikirche von Maria Saal in Kärnten

Andere Gründe müssen zur Einmauerung mehrerer römischer Spolien in die Außenmauern der Propsteikirche von Maria Saal in Kärnten geführt haben, darunter das kulturhistorisch besonders interessante Relief eines römischen Reisewagens. Die römischen Spolien sollen von Vorgängerbauten an dieser Stelle oder aus der römischen Stadt Virunum stammen, die sich bis zu ihrem Untergang auf dem nahe gelegenen Zollfeld erhob.

Als Grund für die Anbringung römischer Baureste an einer christlichen Kirche wird vermutet, dass man dadurch die bösen heidnischen Geister bannen wollte. Allerdings wurden die antiken Spolien nur beim Außenbau verwendet.

Magdeburger Dom 
© G. Kiesow
Magdeburger Dom

Wenn in den frühgotischen, ab 1209 erbauten Chor des Magdeburger Domes Säulenschäfte vom ottonischen Vorgängerbau übernommen worden sind, so muss dies andere, positive Gründe haben. Die aus Porphyr, Granit und Marmor bestehenden Säulenschäfte sind zwar ebenfalls heidnisch-römischer Herkunft, waren aber schon von Kaiser Otto I. für den 937 von ihm gegründeten Kirchenbau aus Italien herbeigeschafft worden. Deshalb waren diese Spolien für die Erbauer der neuen Kathedrale im 13. Jahrhundert Gegenstände der Verehrung für Kaiser Otto den Großen, Gründer des Erzbistums Magdeburg, der hier seine Grablege hat. Man erkennt im Vordergrund des Bildes über seinem Sarkophag aus Stuck die antike Marmordeckplatte, auch sie also eine Spolie.

Allen Lesern wünsche ich viel Freude beim Aufspüren von Spolien aller Zeiten und Kulturen, wofür zum Beispiel die Dome in Venedig und Pisa besonders ergiebige Fundgruben sind.

Prof. Dr. Dr.-Ing.E.h. Gottfried Kiesow

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1 Kommentare

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    Werner Junack schrieb am 13.03.2016 01:35 Uhr

    Nach Bandmann (s.u.) geht es nicht so sehr um die praktische Weiterverwendung alter Bauteile, sondern um die Sinnübertragung aus den früheren, bedeutungsvollen Bauten. Hierzu genügten oft Spolien anstelle ganzer Baukopien. Bandmann vergleicht den Spolieneinsatz gar mit dem Reliquienkult: "Teile der alten Bauten zu überführen, gleichsam Baureliquien zu transferieren." (S. 145) "im doppelten Sinne ... Reliquien: einmal als Behälter magischer Kräfte (wie etwa später die wundertätige Säule inS. Gereon in Köln) oder auch als unkopierbare Gefäße vergangener Zeit und Kunst" Dies gilt insbesondere, "wenn Spolien an bevorzugten Stellen am Neubau erscheinen, beim Kirchenbau vornehmlich an der Apsis und am Portal." (S. 145, Anm. 104)

    Bandmann, Günter: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger. Berlin 1978 (5. Aufl.), S. 28, 47, 145

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