Öffentliche Bauten Kurioses 1925 Februar 2005 T

Toilettenhäuschen in neuer Funktion

"Stilles Örtchen" macht von sich reden

Achtung! Wenn 'Frei' 10-Pfg.-Stück einwerfen. Dann Klinke ganz herunterdrücken. Innen verriegeln", so steht es auf dem Keramikschild an der schmalen Tür - darunter ein weißer Behälter mit einem Einwurfschlitz für das Kleingeld. Wer das kleine Backsteingebäude im Bochumer Stadtpark heute aufsucht, etwa um in den Bänden der umfangreichen Bibliothek zur Stadt- und Regionalgeschichte zu blättern, kann so manche Details wie diese zur Kenntnis nehmen.

Das Toilettenhäuschen im Bochumer Stadtpark aus den zwanziger Jahren 
© ML Preiss
Das Toilettenhäuschen im Bochumer Stadtpark aus den zwanziger Jahren

Denn bei dem idyllisch unter Platanen gelegenen Bau handelt es sich um nichts anderes als um ein ehemaliges öffentliches Toilettenhäuschen. Die Kortum-Gesellschaft Bochum, ein Heimat- und Denkmalverein, der hier vor einigen Jahren sein neues Domizil gefunden hat, war bei der Instandsetzung des Gebäudes durchaus darum bemüht, Teile der originalen Ausstattung zu erhalten. So stößt man im Inneren noch auf die blauen Kacheln aus den zwanziger Jahren, auf alte Schilder, Rohre, originale Lampen, ja sogar vier 'Herrenstände' aus Keramik wurden nicht etwa naserümpfend beseitigt, sondern dürfen als Originalstücke aus der Weimarer Zeit schmunzelnd begutachtet werden.


Seit 1925 ersparte es das acht mal acht Meter große Häuschen den Fußgängern, sich beim Spaziergang aufgrund eines dringenden Bedürfnisses in die Büsche schlagen zu müssen. Doch das Betreiben derartiger öffentlicher Anstalten ist kostspielig für die Kommunen, und so verwandelte sich das 'stille Örtchen' schließlich in ein 'stillgelegtes'. Als vor rund zehn Jahren sechzehn öffentliche Toiletten im Bochumer Stadtgebiet geschlossen oder abgerissen werden sollten, stand auch das Häuschen im Stadtpark zur Diskussion.

Das renovierte Häuschen wird heute als Vereinshaus und für Veranstaltungen genutzt. 
© E. Brand
Das renovierte Häuschen wird heute als Vereinshaus und für Veranstaltungen genutzt.

Nicht selten hängt bekanntlich der Erhalt eines historischen Gebäudes davon ab, ob sich eine neue Funktion dafür finden lässt. Durch vielerlei Veränderungen, ob politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Art, kann die eigentliche Zweckbestimmung eines Bauwerks verloren gehen. Im Falle der öffentlichen Bedürfnisanstalt in Bochum erschien vielen eine neue Nutzung jenseits einer rein musealen geradezu unmöglich. Die Bochumer Kortum-Gesellschaft sah das anders - und bewahrte damit, entgegen allen anfänglichen Kopfschüttelns, ein qualitätvolles Stückchen Backsteinarchitektur vor dem Abriss. Handelt es sich doch trotz der geringen Größe um einen zeittypischen expressionistischen Bau, der mit flachen horizontalen Fensterbahnen, hellen Fugen und einem sternförmigen Schornstein anspruchsvoll durchgestaltet ist.

Für den Bürgerverein, der im Namen eine der vielseitigsten Bochumer Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts, den Arzt, Naturwissenschaftler, Maler, Historiker und Autor Carl Arnold Kortum führt, darf, so kurios es klingen mag, die neue Bleibe sogar als passend bezeichnet werden. Nicht nur, dass der Verein für die Erhaltung und Pflege von Denkmälern in den zwanziger Jahren gegründet wurde. Auch der Erhalt des Stadtparks verdankt sich dem Engagement der Kortum-Gesellschaft, die vor einigen Jahren verhindern konnte, dass die älteste kommunale Grünanlage im Ruhrgebiet einem großen Hotel weichen musste.

Keramikschild an der Tür 
© NRW-Stiftung
Keramikschild an der Tür

Stadtpark und Toilettenhäuschen sind mittlerweile eingetragene Denkmale. Das beharrliche und konstruktive Engagement in Sachen Denkmalschutz - die Liste an Beispielen ist lang -, das der Verein in der Vergangenheit entwickelte, ist unter anderem mit der 'Silbernen Halbkugel' des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz gewürdigt worden. Um die Wirkung der unkonventionellen Behausung in der Öffentlichkeit braucht sich die Kortum-Gesellschaft jedenfalls wenig Sorgen zu machen. Bei der sorgfältigen Instandsetzung ist sprichwörtlich jeder "Mief" der einstigen Nutzung entfernt worden, die nur noch über manche Details zu erkennen ist. Die Instandsetzung wurde mit Mitteln der NRW-Stiftung gefördert. So wird das schlichte Häuschen, in dem die Sitzungen der Kortum-Gesellschaft und auch Kulturveranstaltungen stattfinden, heute wieder rege von Besuchern aufgesucht - eben nur zu etwas anderen Zwecken.

Hanna Hilger

Weitere Informationen:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.
Graf-Engelbert-Straße 18
44791 Bochum
Telefon: 02 34 / 58 14 80
Telefax: 02 34 / 95 08 22 77