Interieur Material April 2007 K

Die Geschichte des Kronleuchters leidet an seiner Zerbrechlichkeit

Das streichelnde Licht

Lichtblitze verfangen sich in den Brokatbordüren feiner Blazer, im Goldmuster mancher Krawatte und lassen die Damasttischdecke schimmern. Den Gesichtern der Abendgesellschaft schmeichelt der Glanz des Kronleuchters, der sich in den Aperitifgläsern spiegelt. Er ist die Krönung eines jeden Wohnraumes, umhüllt die Gäste mit seiner leuchtend goldenen Wärme und haucht einen Weichzeichner über die Szene.

Venezianischer Kronleuchter (vor 1739) im Schloss Amalienburg, München. 
© Repro
Venezianischer Kronleuchter (vor 1739) im Schloss Amalienburg, München.

Welcher Kontrast zu den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als dünne Stahldrähte wie Wäscheleinen die Zimmer durchzogen, an denen nackte Halogenlampen baumelten. Ein Chirurg hätte in dem bis in den letzten Winkel ausgeleuchteten Zimmer operieren, ein Kameramann filmen können. Doch die Tage der schneeweißen Raufasertapeten und des kalten Lichts scheinen wieder vorüber zu sein. Und mit dem Ende der Eiszeit kehrte er zurück, der Kronleuchter, wiederentdeckt auf Trödelmärkten, in Antiquitätengeschäften, und selbst junge Designer entwerfen schwergewichtige Beleuchtungskörper. Wurde damit der neue Barock eingeläutet, blicken wir zurück in die Vergangenheit, um mit neuen Materialien und neuen Ideen die Zukunft ins rechte Licht zu rücken?

Für Kronleuchter gab es solange keinen Bedarf, wie man Feste tagsüber und draußen feierte. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts - am Ausgang der Renaissance - verlegte die italienische Aristokratie ihre Gesellschaften in geschlossene Räume. Mit den Kristalllüstern ließ sich Staat machen bei Tag und bei Nacht: Tagsüber glitzerte es, wenn sich Sonnenstrahlen in den spiegelnden Flächen brachen, nachts fand der Schein der Kerzen in den funkelnden Prismen einen hundertfachen Widerschein.

Die Trauung des Großen Kurfürsten mit Louise Henriette von Oranien 1647. 
© Repro
Die Trauung des Großen Kurfürsten mit Louise Henriette von Oranien 1647.

Eine in der Antike entstandene Fertigkeit in der Steinschneide- und Schleifkunst begünstigte die "Erfindung" des Behang-Kronleuchters in Italien, namentlich in Mailand. Dort ansässige Cristallari (Kristallschleifer) hatten wahrscheinlich die Idee, hängende Leuchter mit geschliffenem Zierrat zu versehen. Denn die Bergkristall-Gefäße, die sie seit dem 15. Jahrhundert für Fürstenhöfe hergestellt hatten, wurden Ende des 17. Jahrhunderts unmodern.

Kronleuchter (um 1740/46) aus Bergkristall, verarbeitet in Mailand, heute im Schloss Sanssouci in Potsdam. 
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/H. Immel
Kronleuchter (um 1740/46) aus Bergkristall, verarbeitet in Mailand, heute im Schloss Sanssouci in Potsdam.

Vom Norden Italiens also nahm eine epochemachende Entwicklung ihren Lauf. Nachzeichnen lässt sie sich zunächst aber nur mit Hilfe von Kupferstichen und Gemälden, auf denen die empfindlichen "Glaskörper" verewigt wurden. Reale Stücke gingen zu Bruch, und mancher Behang wurde je nach wechselnder Mode ausgetauscht. So hängt einer der ältesten noch erhaltenen Kronleuchter, der vor 1700 entstanden sein soll, heute auf der anderen Seite der Erdkugel, im J. Paul Getty Museum in Los Angeles. Dr. Käthe Klappenbach, die im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg eine erste umfassende kunsthistorische Untersuchung zu Kronleuchtern vorlegte, ist der Ansicht, dass am Anfang der Entwicklung der Bergkristall-Leuchter stand. Der Bergkristall schien sich deshalb besonders zur Ausschmückung der Lüster zu eignen, weil ihm seit dem Mittelalter die Bedeutung "Stein des Lichts" innewohnte.

Schon in der Antike gehörte er zu den beliebtesten Schmucksteinen. Seine ideelle Bedeutung lag teilweise sogar über der von Diamanten, obgleich er nach der sogenannten Mohsschen Härteskala für einen Edelstein zu weich ist. Viel Ruhm trug dem Bergkristall auch die Auffassung griechischer Philosophen ein, er sei zu Eis erstarrtes Wasser. Zudem konnte man dieses Mineral nur mit allergrößter Mühe aus schwer zugänglichen Felsspalten bergen. Riesige Kristalle mussten vorsichtig mit Schlitten die Berge hinuntergezogen werden.

Hatten auch die Mailänder Cristallari die Herstellung der ersten Kronleuchter fest in ihren Händen, wurde um 1661 Frankreich das Land der Lüster. Mit dem Beginn der Regentschaft Ludwigs XIV. drehte sich alles nur noch um den Sonnenkönig, glänzte sein Hof im Zentrum Europas, und mit ihm strahlten die feinsten und edelsten Bergkristall-Kronleuchter. Königliche Lüster erhielten nun als oberen Abschluss passenderweise eine Krone. Immer neue Versionen schuf der "Miroitier" des französischen Hofes, Jean Baptiste Delaroüe (gest. 1719).

Spiegel- und Brillenhändler, Kupferstich Ende des 17. Jahrhunderts 
© Repro
Spiegel- und Brillenhändler, Kupferstich Ende des 17. Jahrhunderts

Für das Trianon in Versailles hatte er 1688 "10 Hängeleuchter aus Kristall mit je 10 Armen aus vergoldetem Guss" geschaffen. Ihre "Körper sind geformt wie ein Blumentopf, geschmückt mit Festons und ringsherum verziert mit großen Birnen und Mandeln. Die Tropfteller sind geziert durch Mandeln mit Kristallkugeln darunter." Friedrich I. (1657-1713), der eine an Frankreich orientierte Hofhaltung in Preußen einführte, ließ sich denn auch wenige Jahre nach seiner Krönung zum König unter einem sechsflammigen, mit Krone abschließenden Lüster porträtieren. In die buchstäblich raumgreifenden Gestelle wurden nach und nach Architekturteile - Pyramiden, Türmchen und Konsolen - eingebaut, während sich die Glasschleifer beim Behang an der Schmuckkunst orientierten. Bis 1740 sprühten die Handwerker vor Ideen, entwarfen immer neue Formen. Das Rokoko schließlich liebte Lüster in Lyra- und Korbform. Nicht viel später als das "Original", der Bergkristall-Kronleuchter, kam die "Fälschung" auf den Markt, der Kronleuchter mit Glasbehängen, vielleicht sogar zeitgleich. In Böhmen, das damals zum österreichischen Herrschaftsgebiet gehörte, wurde ab etwa 1711 gut schleifbares Kreideglas hergestellt.

Es lief dem Bergkristall den Rang ab, zumal die Böhmen besonders einfallsreich waren und immer neue "Pendeloquen" (frz. eigentlich: Ohrgehänge) erfanden. Schließlich kaufte der gesamte französische Adel im preiswerteren Böhmen, denn das Licht reflektierte in den phantasievollen gläsernen Weintrauben, Lilien und Drachenpendeln ebensogut wie in den traditionelleren Bergkristall-Zapfen der Cristallari von Mailand.

Moderner Kronleuchter, gesehen bei der Firma Remagen in Köln. 
© Remagen Licht, Köln
Moderner Kronleuchter, gesehen bei der Firma Remagen in Köln.

Die Gestelle der Lüster allerdings wurden nach wie vor meist von einheimischen Schmieden, Gürtlern oder Bronziers gefertigt. Es sei denn, man entschied sich für eine andere Lichtquelle, den Glasarm-Kronleuchter, der in der Forschung ein Extrakapitel einnimmt: Er besteht ganz aus Glas. Dr. Käthe Klappenbach vermutet seinen Ursprung nach 1650 in Italien, vielleicht in Venedig, wo Glasmacher Weltruf erlangt hatten. Es ist kein Wunder, dass so wenige Kronleuchter original überliefert sind, wenn wir an die fragilen Glasleuchter denken. Es sind übrigens auch deshalb große Verluste zu verzeichnen, weil Behänge für eine gründliche Reinigung abgenommen und leider so manches Mal fallengelassen wurden. Aber auch historischen Gestellen rückte man zu Leibe: König Friedrich II. (1712-1786) beispielsweise ließ zur Finanzierung der Schlesischen Kriege viele kostbare Kunstwerke seines Vaters und Großvaters einschmelzen und unter anderem silberne Kronleuchter in Münzen umprägen. Auf diese Weise sollen 98.000 Pfund Silber zusammengekommen sein. Derselbe Friedrich, "der Große", schwärmte andererseits für Kronleuchter der neuesten Mode und erwarb sogar während der Kriege französische Modelle. Da sein Interesse an der Kunst nicht nur ästhetischer Natur war, sondern das Nachahmen des Sonnenkönigs zugleich politisches Instrument, hatte er den Ehrgeiz, sich möglichst in all seinen Räumen im Glanz modernster Kronleuchter zu baden.

Und warum schwärmen wir heute wieder für Kronleuchter? Betrachten wir Interieurs des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, fällt uns auf, wie schummrig es bei Abendgesellschaften zuging. Zur Zeit Friedrichs des Großen trugen die Kronleuchter im Marmorsaal und der Kleinen Galerie von Schloss Sanssouci je zwölf Kerzen, wobei eine Kerze die Leistung von knapp einem Watt hatte. In unserer Zeit, in der Kerzen für Centbeträge zu haben sind und auch Glühbirnen nicht die Welt kosten, bedeutet Licht an sich noch keinen Luxus. Wir bewundern wohl eher das Objekt, den "Beleuchtungskörper". Traditionelle wie moderne Kronleuchter sind Rauminstallationen an der Grenze zur bildenden Kunst. Schon im Wort "Kristallleuchter" schwingt voluminöse Schwere, Kostbarkeit, edles Glitzern und die Freude am Inszenieren mit.

Dr. Christiane Schillig

Literatur:
Käthe Klappenbach: Kronleuchter mit Behang aus Bergkristall und Glas sowie Glasarmkronleuchter bis 1810. Akademie Verlag. Berlin 2001, ISBN 3-05-003520-X, 451 S., 128 Euro.

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