Städte und Ensembles Handel Februar 2007

Die Zähringer und ihre Städte

Als die Straßen verkaufen lernten

Viele deutsche Städte wurden im 12. und 13. Jahrhundert von den Territorialherren neu und planmäßig angelegt. Der Anlass war einerseits der Wunsch der Fernhandelskaufleute, sich niederzulassen, andererseits das Streben der Territorialherren nach festen Geldquellen aus Zöllen und Steuern.

Vor der Ausweitung des Handels bis in den Vorderen Orient durch die Kreuzzüge übten die Fernhandelskaufleute ihr Gewerbe im Umherreisen von Markt zu Markt aus. Es waren diese vorübergehend genutzten Plätze, die sogenannten Wieken, aus denen sich unter anderen die Städtenamen Bardowick (früher auch Bardowiek geschrieben), Schleswig und Braunschweig ableiten. Ferner waren volkreiche kirchliche Feste der Anlass, Marktstände vor den Kirchen zu errichten. Man zog nach Frankfurt am Main zur Messe im Dom, woraus sich die Doppelbedeutung des Wortes für eine kultische Handlung und eine Verkaufsveranstaltung entwickelt hat.

Sehr früh betrieben die Herzöge von Zähringen im südwestlichen Baden eine systematische Siedlungspolitik durch die Gründung planmäßig angelegter Städte, deren Eigenart es ist, statt des sonst üblichen Marktplatzes eine Marktstraße zu besitzen. Sie hat den Vorteil, einer größeren Zahl von Kaufleuten eine erstklassige Verkaufslage bieten zu können, als dies bei den zunächst recht kleinen Marktplätzen der ebenfalls im 12. Jahrhundert gegründeten Städte möglich war.

Der Grundriss von Freiburg im Breisgau, in dem sich der Straßenmarkt (Nr. 2) deutlich abzeichnet. Rechts eine der typischen Altstadtstraßen mit einem "Bächle". 
© Ch. Kiesow (Grundriss), G. Kiesow (Foto)
Der Grundriss von Freiburg im Breisgau, in dem sich der Straßenmarkt (Nr. 2) deutlich abzeichnet. Rechts eine der typischen Altstadtstraßen mit einem "Bächle".

Freiburg im Breisgau wurde bereits um 1100 geplant, ist also eine der ältesten Zähringer-Städte. Die von Südwesten nach Nordosten quer durch die Stadt verlaufende breite Marktstraße, die Kaiser-Joseph-Straße, wurde 1120 abgesteckt. Charakteristisch für die Zähringer-Städte ist die abseitige Lage des Münsters als Hauptpfarrkirche der Stadt auf dem Kirchhof, der aus der Blockstruktur ausgespart wurde. Wegen der obligatorischen Ausrichtung des Chores nach Osten nimmt das Münster keine Beziehung zum Straßennetz auf. Sein großartiger Turm liegt auch nicht in der Sichtachse einer Straße. Der über der niedrigen Bürgerhausbebauung aufragende Sakralbau dominiert allein durch seine überirdische Monumentalität. Leider wurde die Altstadt 1944 weitgehend zerstört. Da man jedoch beim Wiederaufbau den Stadtgrundriss unverändert ließ, die Neubauten im Maßstab und Baumaterial den wenigen, in der Fassade erhaltenen Baudenkmalen anpasste, hat man das Gefühl, unveränderte historische Straßenräume zu durchschreiten.

Dazu trägt auch eine berühmte Besonderheit Freiburgs bei: Die "Bächle" wurden bereits um 1170 getrennt vom Trinkwasser als Brauchwasser für das Handwerk und die Viehhaltung angelegt und durchfließen bis heute die Straßen, ohne eine Gefahrenquelle für Fußgänger oder Radfahrer zu sein.

In einigen der Zähringer-Städte kommt auch ein Kreuz aus zwei Marktstraßen vor, so in Villingen und in Rottweil. Auch im letzteren liegen die Kirchen abseits der beiden Marktstraßen, ihre Ausrichtung nach Osten kollidiert aber nicht wie in Freiburg mit dem Verlauf der Straßen, wohl, weil der Verlauf des abfallenden Geländes günstiger war.

In Rottweil kreuzen sich zwei Marktstraßen, die Hauptstraße (Nr. 1) und die Hochbrücktorstraße (Nr. 2 und 3). 
© Ch. Kiesow (Grundriss), G. Kiesow (Foto)
In Rottweil kreuzen sich zwei Marktstraßen, die Hauptstraße (Nr. 1) und die Hochbrücktorstraße (Nr. 2 und 3).

Stadtbrände im 18. und 19. Jahrhundert bewirkten eine Änderung des mittelalterlichen Erscheinungsbildes in Rottweil, wenngleich noch 52 Bürgerhäuser aus dem 13. bis 15. Jahrhundert zwischen den Neubauten des 18. bis 20. Jahrhunderts zu finden sind. Auch sie sind bereits traufenständig, obwohl die schmalen Parzellen eher auf giebelständige Häuser schließen lassen. Für die Dachentwässerung ist die Ausrichtung des Hauses mit der Traufe zur Straße günstiger.

Die Kaiserstraße (Nr. 1) im hessischen Friedberg bildet ebenfalls einen Straßenmarkt. 
© Ch. Kiesow
Die Kaiserstraße (Nr. 1) im hessischen Friedberg bildet ebenfalls einen Straßenmarkt.

Unter den im 12. und 13. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen planmäßig gegründeten Städten fällt Friedberg ganz heraus, denn es hat mit der breiten Kaiserstraße einen Straßenmarkt, der leicht gekrümmt die gesamte Altstadt auf einem Höhenrücken von Süd- nach Nordwesten durchquert und an der Reichsburg endet. Die Stadtkirche liegt hier ebenfalls abseits, weicht in ihrer Ausrichtung nur leicht vom Straßennetz ab. Die Bürgerhäuser waren einst giebelständig, durch Zusammenlegung mehrerer Parzellen schuf man in nachmittelalterlicher Zeit Traufenhäuser. Die Gründung von Friedberg um 1170 geht auf die Initiative von Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Zuge der Anlage mehrerer Burgen und Städte zur Sicherung der fruchtbaren Wetterau für die Reichspolitik zurück. Das Geschlecht der Hohenstaufen stammt von der gleichnamigen Burg in Württemberg ab, das könnte die Verwendung des Zähringer Grundrisses erklären.

Was allerdings den bayerischen Herzog Ludwig den Kelheimer veranlasste, zwei der von ihm gegründeten Städte mit einem Straßenmarkt auszustatten, ist schwer zu erklären. Jedenfalls ist das 1204 geplante Landshut das wohl eindrucksvollste Beispiel für diesen Stadttyp. Bei der Betrachtung des Grundrisses muss man jedoch bedenken, dass er den Endzustand nach vier Phasen der Erweiterung bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts hinein wiedergibt. Zur ursprünglichen Planung gehört nur der westliche, Altstadt genannte Straßenmarkt mit den anschließenden Seitenstraßen. Sie wurden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Neustadt - dem östlichen Straßenmarkt - hin verlängert. Dieser ist jetzt schnurgerade angelegt und folgt damit dem allgemeinen Trend im mittelalterlichen Städtebau zur zunehmenden Geometrisierung der Stadtgrundrisse am Ende des 13. Jahrhunderts. Die leichte Krümmung der Altstadt (s. Kopfgrafik links) dagegen entspricht den Planungskonzepten des 12. und frühen 13. Jahrhunderts zur Schaffung geschlossener Räume.

Landshut hat mit "Altstadt" und "Neustadt" zwei Straßenmärkte. Rechts die Altstadt mit St. Martin. 
© Grundriss ohne Angabe, rechtes Bild: G. Kiesow
Landshut hat mit "Altstadt" und "Neustadt" zwei Straßenmärkte. Rechts die Altstadt mit St. Martin.

Hier in Landshut steht die Hauptpfarrkirche St. Martin in der Sichtachse des Straßenmarktes. Dabei muss man aber bedenken, dass die Kirche ursprünglich wohl nicht so lang geplant war und der Turm an der Altstadt erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut worden ist.

Im 1218 ebenfalls von Herzog Ludwig dem Kelheimer planmäßig angelegten Straubing liegt die Pfarrkirche St. Jakob wie üblich abseits des Straßenmarkts. Dieser erhielt jedoch mit dem stattlichen, ab 1316 errichteten Stadtturm einen völlig neuen Akzent. Erhoben sich bis dahin nur die Sakralbauten mit ihren Türmen in einem monumentalen Maßstab über das gleichmäßige Meer der niedrigen Bürgerbauten, macht sich nun im Zuge einer zunehmenden Säkularisierung des Städtebaus verstärkt der Bürgerstolz bemerkbar.

In Straubing ist der Stadtturm Blickfang des Straßenmarktes. 
© Ch. Kiesow (Grundriss), G. Kiesow (Foto)
In Straubing ist der Stadtturm Blickfang des Straßenmarktes.

Architektur und Städtebau waren vom frühen Mittelalter bis heute - oft unbewusst - der untrügliche Spiegel für die wahren Bestrebungen in der Gesellschaft, man denke nur an die häufig völlig falsch platzierten Hochhäuser unserer Zeit.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow


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