Sehen und Erkennen Ikonographie Juni 2006 T

Die Taufe im Wandel der Zeiten

Der Anfang war ein Wasserbad

Die älteste Taufkirche der Christenheit ist San Giovanni in Fonte in Rom, erbaut bald nach 313 durch Kaiser Konstantin den Großen. Sie ist nur in der veränderten Gestalt erhalten, in der Papst Sixtus III. (432-440) sie nach den Zerstörungen durch die Vandalen wieder errichten ließ. Im Zentrum des ursprünglich kreisrunden Raumes lag das in den Fußboden eingelassene Taufbassin für die im Frühchristentum übliche Erwachsenentaufe.

Das Baptisterium St. Jean in Poitiers aus dem 4. Jahrhundert 
© G.Kiesow
Das Baptisterium St. Jean in Poitiers aus dem 4. Jahrhundert

Zu den weiteren, auf weströmischem Gebiet seltenen frühchristlichen Taufanlagen gehört das Baptisterium St. Jean in Poitiers. Wie die spätantiken Formen aussagen, wird es um die Mitte des 4. Jahrhunderts zu Lebzeiten des heiligen Hilarius erbaut worden sein. Im Innenraum kann man exakt in der Mitte noch das achteckige Taufbassin erkennen, in das der Täufling über die im rechten Teil sichtbaren Stufen herabstieg, um ganz einzutauchen und von dem oben am Rand stehenden Täufer aus einer Schale mit dem Taufwasser begossen zu werden.

Gewölbemalerei in der Dorfkirche von Idensen 
© R.Rossner
Gewölbemalerei in der Dorfkirche von Idensen

Im östlichen Gewölbe der Dorfkirche von Idensen (unweit Wunstorf, Niedersachsen) zeigen die großartigen Malereien aus der Zeit um 1120-30 einen solchen Taufvorgang: In einem kreuzförmigen Bassin erkennt man drei eingetauchte Halbfiguren, die von dem links darüber stehenden Petrus getauft werden. In dem aufgeschlagenen Buch sind die Buchstaben als Abkürzung der Worte "Baptizo vos in nomine Patris, Filii et Spiritus Sancti" (Ich taufe euch im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes) zu deuten. Die Wand- und Gewölbemalereien in der Dorfkirche von Idensen werden der Helmarshauser Schule zugeordnet, bei der man starke byzantinische Einflüsse festgestellt hat.

Es finden sich in der oströmischen Kirche auch häufiger ähnliche Kreuztaufen wie auf dem Deckengemälde in Idensen, unter anderem in Tunesien. Dort hatten die Römer nach ihrem Sieg über Karthago 146 v. Chr. eine Reihe von Städten gegründet. Die römische Herrschaft beendeten 439 die Vandalen, denen 533 die Byzantiner folgten, bis ab 665 die Araber Tunesien eroberten. Aus der byzantinischen Periode stammen einige der Kreuztaufen, die bereits bei den Ausgrabungen in den meist ruinösen Römerstädten gefunden worden sind. In Thuburbo Majus erkennt man zwar deutlich die Kreuzform, die Stufen und die Sohle des Bassins sind aber noch nicht freigelegt. Dagegen kann man bei der Kreuztaufe aus Sbeitla alle Formen gut erkennen, auch die reiche Ausstattung mit Mosaiken und flankierenden Säulen auf dem Beckenrand. Nachdem der Täufling über die Stufen in das Bassin herabgestiegen war, konnte er mit dem damals noch üblichen Untertauchen getauft werden. Vom 7. Jahrhundert an begnügte man sich bei Erwachsenen mit dem Benetzen des Hauptes.

Byzantinische Kreuztaufen in den tunesischen Römerstädten Thuburbo Majus (links) und Sbeitla 
© G.Kiesow
Byzantinische Kreuztaufen in den tunesischen Römerstädten Thuburbo Majus (links) und Sbeitla

Für die Kindertaufe entwickelte das Mittelalter den Taufstein, dessen Becken außen mit Reliefs geschmückt wurde, besonders qualitätvoll im ostfriesischen Middels, wo man links im Bild die Taufe Christi im Jordan und rechts seinen Opfertod am Kreuz erkennen kann.

Mittelalterlicher Taufstein in der Dorfkirche von Middels 
© G.Kiesow
Mittelalterlicher Taufstein in der Dorfkirche von Middels

Die Taufbecken wurden meist im Westen der Kirche unmittelbar hinter dem Eingangsportal aufgestellt. Erst nach der Taufe war ein Mensch Christ und damit würdig, sich dem im Osten stehenden Altar als dem Allerheiligsten zu nähern. Für die Ganztaufe von Kleinkindern musste das Wasser angewärmt werden, wollte man nicht die ohnehin große Kindersterblichkeit noch erhöhen. Die prächtige Bronzetaufe in der Marienkirche von Salzwedel kann vom Fuß aus beheizt werden, wodurch das Taufwasser eine angenehme Temperatur bekam. Das von vier Löwen getragene Becken mit dem reich in Frührenaissance-Formen verzierten Baldachin schuf Meister Hans von Köln um das Jahr 1520. Wie hier mischen sich auch beim wenige Jahre später hinzugefügten Gitter spätgotische Maßwerkformen mit Balustern der Frührenaissance.

Nach dem Ende des Mittelalters verzichtete man im allgemeinen auf das völlige Eintauchen der Kleinkinder und begnügte sich damit, das Haupt mit etwas Taufwasser zu benetzen.

Bronzetaufe mit Heizmöglichkeit in der Marienkirche von Salzwedel 
© ML Preiss
Bronzetaufe mit Heizmöglichkeit in der Marienkirche von Salzwedel

Dafür reichte eine Taufschale aus, die häufig von einem Taufengel in den Händen gehalten wurde. Ein Mechanismus erlaubte es, den an der Decke hängenden Taufengel herabzulassen, so dass er das zuvor in die Taufschüssel eingefüllte Taufwasser vom Himmel zu bringen schien. Heute ist in vielen Kirchen die Taufschale in einen Taufständer eingelassen oder wird auf einen vorhandenen historischen Taufstein gestellt.

So hat das zentrale christliche Sakrament der Taufe im Lauf der Geschichte sehr unterschiedliche gestalterische Ausformungen gefunden.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

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