Görlitz, ehemalige Synagoge © Peter Mitsching, Görlitz
Görlitz, ehemalige Synagoge © Peter Mitsching, Görlitz
Görlitz, ehemalige Synagoge © Peter Mitsching, Görlitz

Gedenkstätten Jugendstil / Art Déco Juni 2016

Die ehemalige Görlitzer Synagoge wird zum Kulturzentrum

Versehrt, aber lebendig

Die ehemalige Synagoge in Görlitz wurde als einzige Synagoge in Sachsen in der Pogromnacht 1938 nicht zerstört, dennoch verfiel sie später und muss restauriert werden.

Der 7. März 1911 war für die jüdische Gemeinde der Neißestadt ein wichtiges Datum: Ihre neue Synagoge, erbaut in den Formen des Neoklassizismus und Jugendstils, wurde feierlich eingeweiht. Zwei angesehene Architekten, William Lossow und Max Hans Kühne aus Dresden, hatten den imposanten Sakralbau entworfen, der das Selbstbewusstsein und die gesellschaftliche Anerkennung der Gläubigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentierte.


Überragt von einem quadratischen Turm, prägten mächtige Lisenen, hohe Portale und ein Thermenfens-ter die reich verzierte Eingangsfront. Im zentralen Innenraum, der nach einer Beschreibung der Deutschen Bauzeitung aus dem Jahr 1909 „als kreisrunder Tempel in wirkungsvolle Erscheinung tritt“, schmückte Marmor in unterschiedlichen Farbtönen Kanzel und Almemor, und die Kuppeldecke war ebenso farb- wie symbolreich ausgemalt.

Als Wahrzeichen des Stammes Juda umrahmt ein  Löwenfries das eindrucksvolle Schuppenmotiv der Kuppeldecke in der ehemaligen Görlitzer Synagoge..
Görlitz, ehemalige Synagoge © Peter Mitsching, Görlitz
Als Wahrzeichen des Stammes Juda umrahmt ein Löwenfries das eindrucksvolle Schuppenmotiv der Kuppeldecke in der ehemaligen Görlitzer Synagoge..

Schon 27 Jahre später verlor die monumentale Synagoge ihre eigentliche Funktion. Obwohl sie als einziges jüdisches Gotteshaus in Sachsen in der Pogromnacht von 1938 nicht zerstört wurde, ist dort nie wieder ein Gottesdienst gefeiert worden. Die einst blühende Gemeinde existierte nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft nicht mehr.


Zu DDR-Zeiten lag das seit 1963 im Besitz der Stadt befindliche Gebäude brach und verfiel. Erst nach der Wende konnte man mit einer grundlegenden Sanierung beginnen, die voraussichtlich 2018 abgeschlossen sein wird.


Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) und der Deutschlandfunk (DLF) gehörten schon 1992 – und 2015 wieder! – mit einem Grundton D-Konzert zu den Förderern. Als Geldgeber hat die DSD seit 1993 mehrfach nennenswerte Mittel für Dachreparaturen und die Innensanierung zur Verfügung gestellt. Mit ihrer aktuellen Fördermaßnahme unterstützt sie die Rekonstruktion der beiden Wandnischen rechts und links des Almemor. Die Arbeiten sind inzwischen fast beendet. „Es ist nur noch eine Teilaufgabe übrig“, berichtet der Leiter des Amtes für Denkmalpflege in Görlitz, Peter Mitsching.

Der restaurierte Toraschrein  im Kuppelsaal der Görlitzer Synagoge
Görlitz, ehemalige Synagoge © Peter Mitsching,
Der restaurierte Toraschrein im Kuppelsaal der Görlitzer Synagoge

In der nordöstlichen Wandnische befindet sich eine Gedenktafel zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten der Gemeinde. Ihre Namensinschriften wurden vermutlich gewaltsam abgeschlagen. „Es ist uns erst nach intensiver Recherche gelungen, die Namen der Gefallenen zu ermitteln“, erzählt der Denkmalschützer. Sie sollen in Zukunft auf einer Glastafel zu lesen sein, die die alte Inschrift ergänzt. „Das ist ein ganz wichtiges Signal“, betont Mitsching. Auch der große Toraschrein, der immer offenstehen wird, soll daran erinnern, dass die ehemalige Synagoge ein versehrtes Gebäude ist.


Was neue Nutzungsmöglichkeiten für das sensible Denkmal betrifft, wird in Görlitz seit Langem diskutiert und experimentiert. Nachdem dort in den vergangenen Jahren bereits einige Veranstaltungen stattgefunden haben, ist nun ein regelmäßig bespieltes Kulturzentrum mit einem vielfältigen Programm an Musik-, Kunst- und Literaturveranstaltungen geplant. Darüber hin-aus ist es vor allem dem 2004 gegründeten Förderkreis Görlitzer Synagoge e. V. ein Anliegen, in der kleinen, hinter dem Almemor gelegenen Wochentagssynagoge wieder einen Andachtsraum einzurichten. Er könnte konfessionsübergreifend und für profane Zwecke wie den Ethikunterricht von Schulen genutzt werden.


Wenn neues Leben in die ehemalige Synagoge einkehrt, hier ein Ort der Begegnung und des Lernens entsteht, ist das ein hoffnungsvolles Signal. 


Friedegard Hürter

Service

Ehemalige Synagoge, Otto-Müller-Str. 3,

02826 Görlitz. Bis Ende 2016 können keine Führungen stattfinden, da im Kuppelsaal ein

neuer Fußboden gelegt wird.

 

Maßnahme: Restaurierung zweier Wandnischen einschließlich des Epitaphs „Den Gefallenen des Ersten Weltkrieges“.

Fördermittelgeber: Deutsche Stiftung Denkmalschutz mithilfe der Lotterie GlücksSpirale, Altstadtstiftung