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Das Humpis-Quartier ist Ravensburgs Stadtmuseum

Geschichte in Schichten

Das Humpis-Quartier in Ravensburg, mitten in der Oberstadt gelegen, hat viel gesehen – und das Museum Humpis-Quartier zeigt seine Geschichte in all seiner Vielschichtigkeit. 60 Räume in insgesamt sieben Häusern – überwiegend aus dem 15. Jahrhundert stammend – bieten dafür den stimmigen Platz.

Der Lederhandwerker ohne Namen, der Fernhändler Hans Humpis, und die streitenden Brüder Johannes und Melchior Wucherer: Sie alle verleihen dem Humpis-Quartier in Ravensburg Stimme und Leben. Das quirlige Viertel, mitten in der Oberstadt gelegen, hat viel gesehen – und das Museum Humpis-Quartier zeigt seine Geschichte in all seiner Vielschichtigkeit. Beim Besuch begegnet man den Bewohnern aus den verschiedenen Jahrhunderten, exemplarisch eingebettet in die Stadt- und die übergreifende europäische Historie. 60 Räume in insgesamt sieben Häusern – überwiegend aus dem 15. Jahrhundert stammend – bieten Platz für die Präsentation des Stadtmuseums. 


Vor rund 1.000 Jahren entstand im Schatten der welfischen Ravensburg eine kleine Siedlung. Abfälle, die man im Innenhof des Humpis-Quartiers gefunden hat, bekunden, dass hier bereits um 1050 ein Lederhandwerker gearbeitet hat. 400 Jahre später ist aus der Siedlung eine mächtige Reichsstadt geworden, die mit der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft Beziehungen in ganz Europa pflegt. Hans Humpis, einer ihrer Regierer, ist sechsmal in Folge Bürgermeister. Mit seinen Verwandten, den von Neideggs, ebenfalls eine fernhandelnde Patrizierfamilie, baut er an der oberen Marktstraße zwei nebeneinanderliegende repräsentative Gebäude mit diversen Hinter- und Nebenhäusern, die das heutige Humpis-Quartier bilden. 200 Jahre lang bestimmen die Familien die Geschicke der Stadt.

Das ganze Stadtviertel in der Ausstellungsvitrine: Ein Glasdach fasst die verschiedenen Häuser des Museums Humpis-Quartier zusammen und bietet gleichzeitig Schutz. Haus Rossbach 18 von 1508 kragt in den Innenhof hinein. Die Laubengänge sind nach historischem Vorbild entworfen,  aber komplett neu konstruiert.
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das ganze Stadtviertel in der Ausstellungsvitrine: Ein Glasdach fasst die verschiedenen Häuser des Museums Humpis-Quartier zusammen und bietet gleichzeitig Schutz. Haus Rossbach 18 von 1508 kragt in den Innenhof hinein. Die Laubengänge sind nach historischem Vorbild entworfen, aber komplett neu konstruiert.

Im 18. Jahrhundert teilen sich wieder Verwandte das Viertel auf – aber ganz und gar nicht im Frieden. Die Brüder Wucherer, beide Gerber, der eine reich, der andere arm, zerstreiten sich bis aufs Blut und durchziehen die Häuser und den Hof mit trennenden Mauern.


Wieder viele Jahre später: 1842 übernimmt Gottfried Rösch die elterliche Gaststätte an der Marktstraße und macht sie zum ersten Lokal am Platz. Er betreibt eine Bierbrauerei in den Hinterhäusern. Bis in die 1980er-Jahre gibt es neben der Gastronomie auch eine Fremdenpension. Danach leeren sich die Häuser, und als der letzte Bewohner 2005 stirbt, übernimmt die Stadt Ravensburg das Viertel und beschließt, das Areal als Stadtmuseum zu nutzen. Vor den Planern breiten sich 600 Jahre Bau- und Nutzungsgeschichte aus.

Vielschichtigkeit ist das Motto, das sich durch das gesamte Projekt Humpis-Quartier zieht. An jeder Wand, unter jedem Balken und auf jedem Fußboden der vielen Räume finden sich die Spuren der verschiedenen Jahrhunderte wieder.


„Raum für Raum wurde ein Konzept entwickelt. Es galt, auf das Kulturdenkmal zu reagieren“, erzählt Museumsleiter Dr. Andreas Schmauder, der gleichzeitig das Stadtarchiv leitet und damit Ravensburgs personifiziertes Geschichtswissen ist. „Dabei hat es oft etwas Zeit gebraucht, zwischen den Interessen des Museums, der Denkmalpflege Tübingen und Esslingen und der Architekten den Weg zu finden“. Kein Wunder, galt es doch bei jedem Quadratmeter aufs Neue zu entscheiden, welche Schicht wie weit abgetragen wird, welche bestehen bleibt, was als Zeugnis wichtiger ist als das andere und welcher Eingriff aus rein baustatischer und museumstechnischer Sicht unumgänglich bleibt. Doch am Ende wurde jeder Konflikt zur Zufriedenheit aller gelöst, jeder Beschluss einstimmig formuliert. Neben der Konservierung eines ganzen Stadtviertels ist es das große Verdienst des Museums, in die für das ungeübte Auge zuweilen etwas verwirrende Überlappung der Zeitschichten und in den verwinkelten Grundriss des Ensembles Ruhe und Übersicht gebracht zu haben. 

Eine mittelalterliche Türöffnung führt zum Ausstellungsraum im Museum Humpis-Quartier, in dem mittels moderner Ausstellungsmöblierung die Große Ravensburger Handelsgesellschaft vorgstellt wird.
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Eine mittelalterliche Türöffnung führt zum Ausstellungsraum im Museum Humpis-Quartier, in dem mittels moderner Ausstellungsmöblierung die Große Ravensburger Handelsgesellschaft vorgstellt wird.

„Man dachte, man geht ins Mittelalter“, erinnert sich Schmauder daran, wie das Quartier mit dem Innenhof zu Beginn des Stadtmuseum-Projekts Anfang 2005 aussah. Schnell war allen klar: Die Häuser selbst sind der Museumsinhalt. Nichts Wesentliches darf verändert werden. „Eigentlich hätte man eine Glasvitrine darüberstülpen müssen.“ Daraus erwuchs die Idee des Glasdachs, das auf vier Pendelstützen ruhend in elf Metern Höhe den Innenhof und Teile der Häuser überspannt. Entstanden ist ein zentraler Platz, der nicht nur als Erschließungsraum der einzelnen Häuser von praktischem Nutzen ist, sondern in seiner lichten Höhe äußerst reizvoll einen Gegenpart zu den verwinkelten und dunkleren Räumen des historischen Bestands bildet. Die Dachlandschaft und die Außenmauern wurden nicht verändert. Die notwendigen statischen „Unterstützungen“ durch Stahlträger bleiben sichtbar. Klimatisiert wird nur der Neubau, der ein nicht mehr zu rettendes Gebäude ersetzte und Platz für Sonderausstellungen bietet.

Ein Modell des Humpis-Quartiers verschafft Überblick: Rot beleuchtet sind die Häuser der Familie Humpis, orange das Gebäude mit der heutigen Humpisstube. In blaulila illuminiert: das Humpishaus
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Modell des Humpis-Quartiers verschafft Überblick: Rot beleuchtet sind die Häuser der Familie Humpis, orange das Gebäude mit der heutigen Humpisstube. In blaulila illuminiert: das Humpishaus

Um Themen für diese Ausstellungen muss man sich im 2009 eröffneten Museum nicht sorgen. Sie ergeben sich aus dem Gebäudebestand von selbst. Zurzeit läuft die Ausstellung „Verspielt: 1000 Jahre Spielkultur in Ravensburg“. Bei den Ausgrabungen fand man einen Würfel aus dem 15. und in den Zwischenböden Spielkarten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Böden waren im Laufe der Jahrhunderte eingezogen, verändert, versetzt und wieder entfernt worden.


Ins Rollen gebracht wurde die Entwicklung zu diesem außergewöhnlichen Denkmalschutz- und Museumsprojekt durch ein großartiges bürgerschaftliches Engagement. Die Museumsgesellschaft Ravensburg e.  V. hatte sich 1991 aus dem Bürgerforum Altstadt gegründet und schon lange einen besorgten Blick auf das Humpisviertel geworfen. Ab dem Jahr 2000 kümmerte sie sich um das vom Abriss bedrohte sogenannte Humpishaus, das die Nordostecke des Quartiers bildet. Das um 1470 errichtete Fachwerkhaus – historisch korrekt heißt es Neideggsches Haus – wurde dank ihrer Initiative grundlegend restauriert. Es diente einige Jahre als Ausstellungsraum und stellte den Startschuss für das groß angelegte Museumsprojekt und die Rettung des gesamten Quartiers dar. Nicht von ungefähr betonte die Jury bei der Verleihung des ersten baden-württembergischen Museumspreises im November 2015 für das Museum Humpis-Quartier: „Hinter dem modernen Konzept steht ein starker Förderverein der Bürger. Eine zentrale Rolle spielt die enge Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt im laufenden Betrieb und das große bürgerschaftliche Engagement.“

Das Humpishaus von etwa 1470. Mit der Rettung dieses Hauses durch die Museumsgesellschaft war die Grundlage für das große Projekt Stadtmuseum Humpis-Quartier geschaffen. Einen Teil der modernen Einbauten sieht man neben dem Haus als Glaskubus herausragen.
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Humpishaus von etwa 1470. Mit der Rettung dieses Hauses durch die Museumsgesellschaft war die Grundlage für das große Projekt Stadtmuseum Humpis-Quartier geschaffen. Einen Teil der modernen Einbauten sieht man neben dem Haus als Glaskubus herausragen.

So hat heute im Humpishaus die Museumspädagogik, ein Schwerpunkt der Vereinsarbeit, ihren Platz: Wo einst die Patrizier wohnten, können nun Schulkinder Papier schöpfen, Garn spinnen oder in der Küche die Speisen von früher nachkochen. Die Museumsgesellschaft hat das Haus in Erbpacht übernommen. Mit über 400 Mitgliedern organisiert sie weiter ihre Unterstützung für das Humpis-Quartier. Zum Beispiel fließen die Erlöse des Antiquitätenladens „Trödel & Antik“, gegenüber dem Humpishaus gelegen, in die Museumsarbeit. Ehrenamtlich und mit viel Herzblut betrieben, hat er sich seit 1994 zu einer festen Institution in der Stadt entwickelt.


Aber nicht nur Antiquitätenliebhaber kommen rund ums Humpis-Quartier auf ihre Kosten. Ein ganzes Museumsviertel ist in den letzten Jahren in der Oberstadt entstanden. 2010 eröffnete gegenüber in der Marktstraße das Ravensburger Verlagsmuseum im alten Firmensitz, 2012 nebenan das Ravensburger Wirtschaftsmuseum. 2013 machte die Stadt außerdem überregional mit dem Neubau eines Kunstmuseums auf sich aufmerksam.

Der Ausstellungsraum im Museum Humpis-Quartier zum Thema „Ratssitzung“ mit einem Wandbild von etwa 1420, das aus dem Kontor der „Großen Ravensburger Handelsgesellschaft“ stammt
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Der Ausstellungsraum im Museum Humpis-Quartier zum Thema „Ratssitzung“ mit einem Wandbild von etwa 1420, das aus dem Kontor der „Großen Ravensburger Handelsgesellschaft“ stammt

Wieder zurück ins Humpis-Quartier und seiner jahrhundertealten Tradition: zwar kein Museum, aber wärmstens zu empfehlen ist die Humpisstube. In der Gaststätte, die sich über mehrere Räume des Quartiers erstreckt, zeugen stattliche Deckenbalken von Alter und Würde des Orts, sie sind dendrochronologisch auf etwa 1180 datiert worden. Seit 1700 gibt es hier schon eine Gastronomie, seit Mitte des 19. Jahrhunderts die von Gastwirt Rösch gegründete Humpisstube. Im ersten Stock, in den früheren Repräsentationsräumen von Hans Humpis, saßen früher im Speiseraum die Honoratioren Ravensburgs beieinander, im Saal daneben trafen sich später die Vereine zum zünftigen Beisammensein. Der Saal und die damals sensationell effektive historische Zapfanlage im ersten Stock sind Teil des Museums, die Humpisstube im Erdgeschoss aber ist gelebter Alltag – perfekt als Einstieg oder Abschluss für das Eintauchen ins Humpis-Quartier mit seinen vielen Schichten und Geschichten.                                                                                                                 

Beatrice Härig

Der Eingang des Museums Humpis-Quartier an der Ravensburger Marktstraße. Der Erker zeugt vom Wohlstand der Familie Humpis.
Ravensburg, Humpis-Quartier © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Der Eingang des Museums Humpis-Quartier an der Ravensburger Marktstraße. Der Erker zeugt vom Wohlstand der Familie Humpis.