Oktober 2013

Die Malereien in der Dorfkirche von Waltersdorf sind akut bedroht

Lob & Ehre

Wir möchten unseren Augen kaum trauen, als sie sich an die Dunkelheit in der Dorfkirche von Waltersdorf im Landkreis Teltow-Fläming gewöhnt haben. So schlicht ihr Äußeres ohne Bekrönung und Turm ist, so prächtig empfängt das Gotteshaus uns im Inneren. Ein pausbäckiger Taufengel schwebt von der Decke herab und heißt uns willkommen. Wir können uns gar nicht sattsehen an der reichen Ausstattung im Stil des ländlichen Barock, bewundern die Schnitzereien am Altar, an der Kanzel, an den Emporen und am Gestühl und sind überwältigt von den Malereien an der Decke.

Der Taufengel in der Waltersdorfer Kirche 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Taufengel in der Waltersdorfer Kirche

Welcher Patron mag wohl dieses Schmuckstück in Auftrag gegeben haben? An der Patronatsloge begleiten zwei Engel sein Wappen und ein Spruchband verrät seinen Namen: Johann Heinrich von Berger. Der 1657 in Gera geborene Jurist hat viele Jahre lang an der Wittenberger Universität gelehrt. Er soll maßgeblich an einer neuen kursächsischen Prozess- und Gerichtsordnung beteiligt gewesen sein. 1713 ernannte ihn der römisch-deutsche Kaiser Karl VI. zum evangelischen Reichshofrat und erhob ihn vier Jahre später in den Reichsadelsstand.

1705 hatte Berger das Rittergut Niebendorf erworben, zu dem das Vorwerk Waltersdorf damals gehörte. Beide Orte südlich von Berlin waren einst slawisch und wurden im 12. Jahrhundert durch die Flamen besiedelt. Eine Urkunde nennt 1183 den Ort Waltersdorf in diesem Zusammenhang das erste Mal. In jenem Jahrhundert wurde auch die dortige Kirche errichtet, ihre Niebendorfer Schwester ist rund 100 Jahre jünger.

Prächtige Malereien mit christlichen Motiven - hier die Anbetung des Lamms Gottes - schmücken die Dorfkirche. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Prächtige Malereien mit christlichen Motiven - hier die Anbetung des Lamms Gottes - schmücken die Dorfkirche.

Förderverein zur Rettung der Kirche

Berger ließ beide Gotteshäuser üppig ausstatten. Doch während die Niebendorfer mittlerweile restauriert werden konnte, steht es um die Dorfkirche in Waltersdorf schlecht. Ein Holzschutzgutachter hat ermittelt, dass der Dachstuhl erheblich durch Echten Hausschwamm geschädigt ist. Viele tragende Balken sind von diesem Pilz befallen, so dass die gesamte Holzkonstruktion gefährdet ist. Außerdem dringt durch die undichte Dachdeckung Wasser ein und bedroht die Malereien. Für dieses Denkmal in Not besteht akuter Handlungsbedarf!

Kirchenältester Hans-Dieter Hannemann (l.) und Pastor Wolfgang Scholz freuen sich an ihrer schönen Kirche. Doch sie wissen nicht, wie sie die Restaurierung bezahlen sollen. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Kirchenältester Hans-Dieter Hannemann (l.) und Pastor Wolfgang Scholz freuen sich an ihrer schönen Kirche. Doch sie wissen nicht, wie sie die Restaurierung bezahlen sollen.

Wie prekär die Situation ist, weiß man in dem 60 Einwohner zählenden Ort. 2011 haben einige von ihnen daher einen Förderverein zur Sanierung der Kirche gegründet. Im Vorstand sind Janine und Lucas von Bemberg, die vor drei Jahren von München hierher gezogen sind, sowie Lars Hannemann, der ebenfalls in Waltersdorf lebt. Der Verein wird vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg moralisch und finanziell unterstützt.

Für Lars Hannemanns Großvater Hans-Dieter, der sein ganzes Leben in Waltersdorf verbracht hat, war es Ehrensache, dem Förderverein beizutreten. Er wurde in der Kirche getauft und getraut, hat dort im Mai 2010 goldene Hochzeit gefeiert. Zusammen mit seiner Frau Erika wohnt der Kirchenälteste schräg gegenüber und hat immer ein Auge auf seine Kirche. "Sie lässt mich nicht mehr los", gesteht er uns.

Die Waltersdorfer Kirche präsentiert sich von außen recht schlicht. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Waltersdorfer Kirche präsentiert sich von außen recht schlicht.

Ihn treffen wir zusammen mit Pastor Wolfgang Scholz vor der Kirche, die zu den kleinsten, aber gleichzeitig prächtigsten Gotteshäusern im Fläming zählt. "Die Flämingkirchen", erklärt uns der Pastor, "haben im Gegensatz zu den märkischen kein Westportal. Heute ist nur noch das Gemeindeportal an der Südfassade geöffnet. An dieser Seite gab es noch einen zweiten Eingang, die sogenannte Priesterpforte, die im 18. Jahrhundert allerdings zugemauert wurde." Hinter einer schlichten Holztür verbirgt sich ein gotisches Portal mit Spitzbogen, durch das wir den Kirchenraum betreten und die Ausstattung bewundern: den Altar, auf dem das Abendmahl, die Kreuzigung und die Auferstehung Christi zu sehen sind. Die Kanzel, die mit einem der seltenen protestantischen Beichtstühle verbunden ist. In ihren Feldern erkennen wir Christus als Salvator Mundi sowie die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Die mit Bibelsprüchen versehenen Emporen und die Rühlmann-Orgel aus dem 19. Jahrhundert, der kaum noch Töne zu entlocken sind, komplettieren das Gesamtkunstwerk.

Fund in der Orgel

Pastor Scholz weist uns auf eine Besonderheit hin: Die Symbole der Dreifaltigkeit werden am oberen Abschluss des Altars begonnen und als gemalte Darstellung an der Decke fortgeführt. Er erzählt, dass der Name des Künstlers durch einen Zufall herauskam: Als das Orgelwerk 1923 erneuert wurde, entdeckte man einen zusammengefalteten Zettel mit dem Hinweis, dass die Kirche "mit der Mahler Arbeit von Joseph Gerlach 1754 verfertigt" wurde. Den Auftrag dazu erhielt er von den Nachfahren von Bergers, der 1732 in Wien gestorben war.

Für die tonnengewölbte Decke wählte Joseph Gerlach Motive aus der Offenbarung des Johannes. Engel tragen Spruchbänder, auf denen Vers 12 aus dem siebten Kapitel zu lesen ist: "Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen." Daneben malte er eine Darstellung des Lamms Gottes, dem mehrere Märtyrer huldigen.

Die Symbole der Dreifaltigkeit beginnen am Altar und werden an der Decke fortgeführt. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Symbole der Dreifaltigkeit beginnen am Altar und werden an der Decke fortgeführt.

Pastor Scholz, der im Evangelischen Kirchenkreis Zossen-Fläming für 12 Kirchen verantwortlich ist, feiert jeden Sonntag bis zu drei Gottesdienste an unterschiedlichen Orten. In Waltersdorf finden sie alle vier Wochen statt, und rund 30 Prozent der dortigen Gemeindemitglieder nehmen daran teil.

Hochzeitskirche

Ihnen ist ihre schöne Kirche lieb und wichtig, und sie wären froh, wenn der Dachstuhl saniert werden könnte, damit die wertvollen Malereien endlich gesichert wären. Wie schon einmal Anfang der 1960er Jahre, als sie sich finanziell und mit persönlichem Einsatz an der Restaurierung des Kirchenraums beteiligt haben.

Weil Waltersdorf etwas abseits der Hauptwege liegt, hat der Förderverein in diesem Sommer zwei Hinweisschilder angebracht, damit mehr Touristen erfahren, dass sich ein Abstecher in den Ort lohnt. Denn ganz in der Nähe führt ein beliebter Rundkurs für Skater und Fahrradfahrer vorbei, die sogenannte Flämingskate.

Wie am unteren Bildrand gut zu erkennen ist, drohen die Malereien durch Feuchtigkeit verlorenzugehen. 
© ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wie am unteren Bildrand gut zu erkennen ist, drohen die Malereien durch Feuchtigkeit verlorenzugehen.

"Wir haben die Vision eines Kulturdreiecks, von einem Kulturaustausch zwischen den Kirchen in Waltersdorf und Niebendorf sowie dem wenige Kilometer entfernten Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf", erzählt Dr. Hans Krag vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, der dem Förderverein ebenfalls beigetreten ist. Erste Gespräche dazu hat er bereits mit der Direktorin des Künstlerhauses, Anne Frechen, geführt. Die Waltersdorfer träumen außerdem davon, dass sich Hochzeitspaare in der Kirche ihr Jawort geben.

Bevor diese Ideen umgesetzt werden, muss der Dachstuhl restauriert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte einen Teil eines Nachlasses, der ihr für brandenburgische Dorfkirchen testamentarisch überlassen wurde, in einen Vertrag einbinden. Doch diese Mittel reichen bei weitem nicht aus. Allein die Neueindeckung des Daches kostet rund 35.000 Euro, die Zimmererarbeiten zur Beseitigung der Schäden am Dachstuhl belaufen sich auf mehr als 42.000 Euro und noch einmal 20.000 Euro sind nötig, um das Mauerwerk vom Echten Hausschwamm zu befreien.

Die Kirchengemeinde kann nicht mehr als 10.000 Euro beisteuern, so dass weitere Hilfe nötig ist. Bitte tragen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, mit Ihrer Spende dazu bei, ein Schmuckstück des ländlichen Barock zu erhalten und ihm eine Zukunft mit einer sinnvollen Nutzung zu ermöglichen.

Carola Nathan