Menschen für Denkmale August 2013

Burg Vogelsang in der Eifel

Brutal und großmannssüchtig

20 Jahre lang hat sich Wolf Werth um die Reihe Grundton D im Deutschlandfunk verdient gemacht und damit mehr als 200 Denkmalen Gutes getan. Deshalb war es selbstverständlich für mich, sein erstes Benefizkonzert als Pensionär und Ortskurator unserer Stiftung in der Eifel zu besuchen.

Zugegeben, es interessierte mich auch der Ort, an dem es stattfand: die NS-Ordensburg Vogelsang. Ich hatte einen Fernsehbeitrag gesehen, in dem die im Dritten Reich errichtete Anlage vorgestellt wurde. Man berichtete über die Nutzung durch belgische NATO-Truppen bis 2005 und sah das Land Nordrhein-Westfalen in der Pflicht, als Eigentümer eine Nachnutzung zu finden.

Blick vom Sportplatz auf Tribüne, "Thingstätte" und Adlerhof der Burg Vogelsang 
Vogelsang, NS-Ordensburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Sportplatz auf Tribüne, "Thingstätte" und Adlerhof der Burg Vogelsang

Als ich Wolf Werth an diesem Abend traf, war er sehr nervös. So kannte ich ihn gar nicht. Er hatte - nur unterstützt von einigen Wenigen - ein sehr großes Rad gedreht. Die Veranstaltung auf diesem fragwürdigen Areal im gerade restaurierten Kinosaal zu organisieren, stellte bereits eine Herausforderung dar. Darüber hinaus eine Botschaft für neue, friedlich-freiheitliche Inhalte zu vermitteln und gleichzeitig noch für den Denkmalschutz zu werben, das waren eigentlich zu viele Ziele. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, meinen Mann und mich vor Beginn des Konzertes über die Anlage zu führen.

Vogelsang ist ein unbequemes Denkmal. Schauer überlaufen einen, wenn man daran denkt, dass hier junge Menschen für die ideologische Kriegsführung, insbesondere in Richtung Osten, vorbereitet und gedrillt wurden.

Reiterrelief am Haupttor 
Vogelsang, NS-Ordensburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Reiterrelief am Haupttor

Umso erstaunlicher ist es, dass diese Anlage nach dem Krieg durch die Belgier genutzt, gepflegt und sogar erweitert wurde. Kaum zu fassen, dass die Speisesäle noch im Originalzustand erhalten sind. An einem der schönsten Plätze in der Eifel wirken diese martialischen Bauten brutal und großmannssüchtig, so wie man es von NS-Bauten kennt. Eine merkwürdige Mischung aus neuzeitlicher, gleichzeitig der Tradition nachempfundener Burg, mit terrassenförmig und gediegen angelegten Unterkünften, und auf der anderen Seite erschreckend lagermäßigen Baracken, dazu überdimensionierte Technikunterstände.

So schwer es auch sein mag, sich solchen Bauwerken zu nähern: Wenn wir sie nicht niederlegen oder als Mahnmal ansehen, so werden wir uns mit ihrer Erhaltung und ihrer Nutzung zu beschäftigen haben. Auch sie müssen unter Denkmalschutz gestellt werden, wenn sie die Kriterien unserer Denkmalschutzgesetze erfüllen. Denn sie sind Zeitzeugen unserer Geschichte.

Vogelsang ist ein gutes Beispiel dafür, dass Denkmalschutz mehr ist, als nur ästhetische Bauten für die Zukunft zu bewahren. Als Anwälte der Denkmale, so Professor Gottfried Kiesow, müssen wir solche wie Vogelsang vertreten, selbst wenn deren Geschichte uns nicht gefällt.

Der Kontrast zwischen Umgebung und Veranstaltung hätte dann auch nicht größer sein können. Das Konzept von Wolf Werth stimmte hundertprozentig. Die Kölner Jugendchöre von St. Stephan und der katholischen Hauptschule Großer Griechenmarkt musizierten in einem Konzert mit Stargruppen wie Bläck Fööss und Brings, der Schulchor sogar mit prominenter Unterstützung der Bläck Fööss. Die strahlenden Gesichter der Schüler bleiben nicht nur mir unvergesslich. Das Lied "Dat wood alles för uns jemaht" war wie eine Hymne auf diesen besonderen Abend.

Gestalteten das Benefizkonzert auf Burg Vogelsang mit: die Bläck Fööss und der Kölner Jugendchor von St. Stephan 
Benefizkonzert in Vogelsang, NS-Ordensburg © Stephan Everling, Euskirchen
Gestalteten das Benefizkonzert auf Burg Vogelsang mit: die Bläck Fööss und der Kölner Jugendchor von St. Stephan

Tausend Menschen waren gekommen, die drei Stunden lang in ausgelassener Stimmung klatschten, jubelten und mitsangen. Es war ein wunderbarer Vorgeschmack auf die Zukunft dieser Anlage. Das Land Nordrhein-Westfalen als Eigentümer wird eine Jugendbegegnungsstätte aus dieser Burg entwickeln. Es ist gut zu wissen, dass dafür die finanziellen Mittel bereitgestellt wurden.

Wolf Werth hat gezeigt, dass man für dieses Gelände sinngebende Inhalte findet. Er hat bewiesen, dass man den Bann eines Ortes brechen kann. Das war, was die NS-Zeit anbelangt, sicher auch schon den Belgiern gelungen. Nun ist Vogelsang dabei, seinen militärischen Charakter zu verlieren. Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Absicht, zusätzlich moderne Unterkünfte für diese internationale Begegnungsstätte zu errichten. Das wäre die beste Nutzung, auch im Benehmen mit dem Denkmalschutz.

"Hier kommen wir gerne wieder hin", waren sich Musiker und Besucher einig. Und Peter Brings fügte hinzu: "Möge hier an diesem Ort nur noch gefeiert werden wie an diesem Abend."

Dr. Rosemarie Wilcken

Die NS-Ordensburg Vogelsang wurde ab 1934 errichtet. Zwei Jahre später begannen die ersten Lehrgänge, an denen regimetreue junge Männer in Führungsaufgaben innerhalb der NSDAP geschult wurden. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Lehrbetrieb eingestellt. 1944 durch Bomben beschädigt, diente die Anlage 1946 als Truppenübungsplatz des britischen Militärs. Sie wurde von 1950 bis 2005 von der belgischen Armee genutzt. Seit 1. Januar 2006 ist Vogelsang für Besucher geöffnet und wird zu einer internationalen Begegnungsstätte ausgebaut. Trotz der laufenden Arbeiten finden jeden Tag Führungen statt.
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr.

Weitere Infos im WWW:

www.vogelsang-ip.de