Sehen und Erkennen Gotik Oktober 2010

Wandgliederungen in romanischen und frühgotischen Kirchen

Frühgotik aus der Normandie

Die reformierte Kirche in Rysum, einem ostfriesischen Dorf unweit von Emden in der Krummhörner Marsch, war bisher wegen ihrer gotischen Orgel aus der Zeit um 1457 bekannt, eine der ältesten, noch voll bespielbaren in Europa. Jetzt kann die Kirche aus einem zweiten Grund kunstgeschichtliches Interesse beanspruchen.

Die Ostwand im ehemaligen Altarraum der reformierten Kirche von Rysum 
Rysum, reformierte Kirche © Gottfried Kiesow
Die Ostwand im ehemaligen Altarraum der reformierten Kirche von Rysum

Dem Gebäude selbst hat man bis vor ein paar Jahren keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, denn das Schiff ist ein schlichter Saalbau aus dem 15. Jahrhundert, und vom quadratischen Ostteil heißt es im "Dehio" lediglich, er stamme in seiner unteren Partie aus dem 14. Jahrhundert und sei 1585 zu einem Turm umgebaut worden.


Die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geförderten Bauarbeiten der vergangenen Jahre erbrachten eine Überraschung. Man fand heraus, dass es sich um den mittelalterlichen Chor der Kirche handelt, der nach seinen spätromanisch-frühgotischen Formen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammen muss, also 100 Jahre älter ist als bisher angenommen. Wie häufig bei reformierten Kirchen hatte man den ehemaligen Altarraum durch eine Empore vom Kirchenschiff abgetrennt und in einen Abstellraum umgewandelt, dabei bis zur Unkenntlichkeit seiner ursprünglichen Gestalt verbaut.

Jetzt gelang es, die interessante Wandgliederung des einst gewölbten Chores freizulegen und sehr ansprechend wiederherzustellen. Über einem unteren geschlossenen Sockel ist die Wand in zwei Mauerschalen aufgelöst. Fünf zur Mitte hin ansteigende schlanke Rundbögen gliedern das spitzbogige Feld des Schildbogens, über dem einst das Gewölbe lag. Sie ruhen auf vier gleich hohen, schwarz gestrichenen Rundpfeilern mit rot gefärbten Basis- und Kämpferplatten, die frei vor der äußeren Mauerschale stehen.

Einen ähnlich zweischaligen Wandaufbau weisen die Dorfkirchen von Engerhafe und Bunde auf. In Ostfriesland dürfte man bei der 1250 als Sendkirche bezeugten Kirche St. Johannes Baptist in Engerhafe die Mauer zum ersten Mal in zwei Wandebenen aufgegliedert haben, denn sie gilt auch aus anderen Gründen als Vorbild für den Chor der Kirche St. Martini in Bunde. In Engerhafe stehen die Rund- beziehungsweise Rechteckpfeiler so weit vor der Wand entfernt, dass dahinter ein - wenn auch enger - Laufgang Platz hat.

Der zweischalige Wandaufbau in den Dorfkirchen von Engerhafe (links) und Bunde in Ostfriesland  
Engerhafe und Bunde © Gottfried Kiesow
Der zweischalige Wandaufbau in den Dorfkirchen von Engerhafe (links) und Bunde in Ostfriesland

Man kann den Weg dieses architektonischen Motivs von Ostfriesland bis in die Normandie zurückverfolgen. Zunächst von Engerhafe nach Westfalen zum Dom von Münster und von dort zum Chor des Domes in Osnabrück, der unter Bischof Adolf von Tecklenburg ab 1218 neu erbaut wurde. Von Westfalen weist das Motiv des zweischaligen Wandaufbaus nach Caen in der Normandie, wo es bei der von Wilhelm dem Eroberer um 1064/66 gegründeten Abteikirche St. Etienne und der von seiner Frau Mathilde 1060 gegründeten Abteikirche Ste. Trinité vorkommt. Allerdings entstand bei beiden Kirchen das Motiv des zweischaligen Wandaufbaus erst in der Zeit um 1100 bis 1120 im Zusammenhang mit der nachträglichen Einwölbung beider Kirchen, die zunächst Holzdecken besaßen. Bereits um die Mitte des 11. Jahrhunderts entwickelte sich in der Normandie der Übergang von der romanischen, aus blockhaft geschlossenen Mauern bestehenden Bauweise zu der in Gliedersystemen gestaltenden der Frühgotik.

Der Chor des Domes von Osnabrück (links) weist ein ähnliche Wandgliederung auf wie Ste. Trinité im französischen Caen. 
Osnabrück, Dom und Caen, Ste. Trinité © Gottfried Kiesow
Der Chor des Domes von Osnabrück (links) weist ein ähnliche Wandgliederung auf wie Ste. Trinité im französischen Caen.

Früher noch als bei den beiden genannten Abteikirchen von Caen geschah dies bei der ab 1022/23 erbauten Abteikirche von Mont-Saint-Michel, deren Südwand noch im Original erhalten geblieben ist. Die Rundbögen der Arkaden, Emporenöffnungen und Obergadenfenster kennzeichnen den Bau als romanisch, die starke Aufgliederung der Mauer lässt die Tendenz der sich entwickelnden Gotik spüren. An die Stelle einfacher Rund- oder Rechteckstützen sind Bündelpfeiler mit quadratischem Kern und aufgelegten halbrunden Diensten getreten. Diese steigen in flachen Wandvorlagen bis zur Mauerkrone auf, waren aber noch nicht für steinerne Gewölbe, sondern nur für einen offenen Dachstuhl als oberen Raumabschluss vorgesehen. Lediglich die schmalen Seitenschiffe weisen steinerne Kreuzgratgewölbe auf. Die Gotik hat ihren Ursprung also in der Wandgestaltung normannischer Kirchen, erst im zweiten Schritt kam die Fähigkeit hinzu, die breiten Mittelschiffe zu überwölben.

Die Gliederung der Wände des Speyerer Doms (links) geht vermutlich auf den Einfluss der Abteikirche von Mont-Saint-Michel (rechts) zurück. 
Speyer, Dom und Mont-Saint-Michel, Abteikirche © Gottfried Kiesow
Die Gliederung der Wände des Speyerer Doms (links) geht vermutlich auf den Einfluss der Abteikirche von Mont-Saint-Michel (rechts) zurück.

Den Beitrag dazu leistete man im Süden Frankreichs, wo in der Provence zahlreiche Römerbauten als Vorbild dienen konnten. Die Geschichte der Menschheit ist keineswegs von stetig wachsenden Fähigkeiten geprägt, es gibt auch Epochen wie die der Völkerwanderung, in denen diese verlorengingen und erst mühsam neu entwickelt werden mussten.

Blockhaft wirken die Mauern der hochromanischen Klosterruine im thüringischen Paulinzella. 
Paulinzella, Klosterruine © Gottfried Kiesow
Blockhaft wirken die Mauern der hochromanischen Klosterruine im thüringischen Paulinzella.

Um den Zerstörungen bei den häufigen Kirchenbränden vorzubeugen, ersetzte man Holzdecken durch steinerne Gewölbe. Bei der Stiftskirche St. Philibert in Tournus gelang es bereits um 1050, auch das breite Mittelschiff zu überwölben, nach römischer Art noch mit Tonnengewölben, die jedoch keine Fortsetzung des Gliederungssystems der Wände in den oberen Raumabschluss erlauben. Dies war erst mit der Entwicklung von Kreuzrippengewölben möglich, wie sie um 1120 nachträglich in beide Stiftskirchen von Caen eingefügt worden sind.

In Deutschland weist zum ersten Mal - wohl unter dem Einfluss von Mont-Saint-Michel - der Dom zu Speyer eine zwischen 1030 und 1061 entstandene Wandgliederung auf. Der Unterschied zu dem bisherigen romanischen Gestaltungsprinzip mit blockhaft geschlossenen Mauern, in die die glatten Arkaden wie eingeschnitten wirken, wird bei dem Vergleich mit der 1105-24 erbauten hochromanischen Klosterkirche Paulinzella in Thüringen deutlich. Die Gewölbe sind in Speyer wie in Caen erst um 1100 eingebaut worden, dabei wurde jedem zweiten Pfeiler ein stärkerer Runddienst vorgelegt.

Die von ersten Anfängen heranreifende Gotik fand also ihren Weg von der Normandie über Westfalen nach Ostfriesland - auch das zeugt davon, dass unsere Baukunst europäische Wurzeln hat, aus denen jedoch regionale Besonderheiten der einzelnen Kunstlandschaften entstanden sind.

Prof. Dr. Dr. E. h. Gottfried Kiesow

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