Öffentliche Bauten Kurioses Interieur Oktober 2010

Die flämischen Affenteppiche von Arnstadt

Der Affe als Höfling

Graf Günther XLI. von Schwarzburg wünschte ein prächtiges Fest. Seinen Gästen sollte es an nichts fehlen, besonders nicht an kulinarischen Köstlichkeiten: Kannen und Krüge, gefüllt mit Wein und Bier, standen bereit, frisch erlegte Wildschweine, Rehe und Fasane, Tauben und Hasen wurden auf großen Platten und kostbaren Tellern serviert. Noch viele Vergnügungen wie Jagd, Tanz und Theater hatte der Gastgeber vorgesehen. Die Stimmung der Hofgesellschaft war bestens - so wie es die flämischen Affenteppiche von 1559 zeigen, die die Festräume des Grafen schmückten.

Der aus Wolle und Seide gewirkte Teppich von 1559 unterhält den Betrachter mit höfischen "Affen beim Schmaus im Walde".  
© Thomas Wolf, Gotha
Der aus Wolle und Seide gewirkte Teppich von 1559 unterhält den Betrachter mit höfischen "Affen beim Schmaus im Walde".

Nun stutzt vielleicht so mancher Leser. Eine höfische Gesellschaft wird von Affen dargestellt? Von dem Tier, das im christlichen Mittelalter zu den symbolbeladenen gehört, und zwar im schlechtesten Sinne? Der Affe steht für Sünde, Laster, Eitelkeit, Feigheit und Prunksucht. Ein Affe, der, wie auf Graf Günthers Teppichen einem Pavian ähnlich sieht, wurde sogar als die Personifikation des Teufels betrachtet: Er hat einen Kopf, aber keinen Schwanz, entsprechend dem Satan, dem als Erzengel ein Anfang, aber kein Ende zugeschrieben wurde.


Was mag den Grafen bewogen haben, der geladenen Festgesellschaft bei seiner Hochzeit 1560 mit Katharina von Nassau auf seinem neuen Schloss Neideck eine dafür erworbene Serie sechs großformatiger Tapisserien mit "Geschichten von Affen" zu präsentieren?

Der 31-jährige Graf von Schwarzburg-Arnstadt (1529-83) regierte mit seinen Brüdern über die Grafschaft Schwarzburg. Er hatte an Fürstenhöfen eine vorzügliche Ausbildung genossen, hatte - zu der Zeit noch recht ungewöhnlich - studiert, war Kriegsherr, Diplomat und kaiserlicher Vertrauter. Seine 16-jährige Braut Katharina von Nassau entstammte aus noch edlerem Hause: Ihre Mutter war Juliana von Stolberg, die Ahnfrau des Hauses Oranien-Nassau, ihr Bruder Wilhelm von Oranien (1533-84) Statthalter der Niederlande und später Begründer der niederländischen Unabhängigkeit. Günther und Wilhelm wurden nicht nur Schwäger, sie waren auch gute Freunde. Die Dienstpflicht führte den Schwarzburger Grafen oft in die unter Habsburger Herrschaft stehenden Niederlande, vor allem an den Hof in Brüssel und nach Antwerpen.

Das Detail zeigt Affen bei der "königlichen" Falkenjagd. Bei der Stadt im Hintergrund könnte es sich um Rom handeln. Die Art der Darstellung lässt zudem vermuten, dass die Arnstädter Tapisserien zu den ersten gehören, die Jagdszenen mit Affen präsentieren, die wie Menschen agieren. 
© Thomas Wolf, Gotha
Das Detail zeigt Affen bei der "königlichen" Falkenjagd. Bei der Stadt im Hintergrund könnte es sich um Rom handeln. Die Art der Darstellung lässt zudem vermuten, dass die Arnstädter Tapisserien zu den ersten gehören, die Jagdszenen mit Affen präsentieren, die wie Menschen agieren.

Gerade als Kunstsammler kamen ihm diese Aufenthalte zupass. In Brüssel, einer Hochburg der Teppichwirkerei, und in Antwerpen war er am Puls der Zeit und wusste, dass sich mit der Entdeckung der Welt auch der geistige Horizont erweiterte. In diesem gebildeten Umfeld entging es ihm nicht, dass der Exot Affe immer mehr von seinem religiösen Symbol-Ballast befreit und ihm stattdessen eine neue, ungemein große Wertschätzung zuteil wurde. Er, der den Menschen nachäfft und verspottet, der sie zum Bösen verleiten will, avanciert nun gleichzeitig zum Inbegriff der gottähnlichen Eigenschaften des Menschen. Jetzt vereint er in sich all die erstrebenswerten Fähigkeiten, durch die der Mensch die Natur nachahmt und vollendet - im Universum des Renaissance-Menschen sind dies die Künste und die Wissenschaften. Bereits der italienische Dichter und Renaissance-Vordenker Giovanni Bocaccio (1313-75) hatte den Affen zur Allegorie der Kunst schlechthin umgewertet. Daher bestellte Graf Günther für seine Hochzeitsfeierlichkeiten, bei denen sich eine erlesene Gesellschaft zusammenfand, die flämischen Affen-Teppiche mit Szenen des höfischen Lebens. Dazu gehörte auch die Kunst der Jagd, und zwar die "Königsdisziplin", die Falkenjagd.

Tapisserien galten damals als eines der wichtigsten Instrumente zur Repräsentation und Legitimation. Zu besonderen Anlässen des Hofzeremoniells wie Krönungen, Empfängen, Hochzeiten, Geburten und Beerdigungen wurden sie als prachtvoller Schmuck eingesetzt. Dabei war die Wahl der Themen sehr wichtig, für deren Darstellung Künstler die Vorlagen schufen. Neben den Affenteppichen hatte Günther auch neun Tapisserien geordert, die aus dem Leben des Apostels Paulus erzählen. Denn Tapisserien mit der Geschichte der Apostel wurden zu dieser Zeit an verschiedenen Fürstenhöfen bevorzugt gesammelt. Günther hatte einen selbstbewussten Sinn für die Darstellung seiner Person, seiner Familie und seines Standes. Er leistete sich und seiner Braut nicht nur das neue Schloss Neideck in Arnstadt, sondern er besaß neben zahlreichen Kunstwerken auch 75 wertvolle Tapisserien, wie ein Inventar nach seinem Tod 1583 festhielt. Zum Vergleich: 1544 gehörten Kaiser Karl V. 131 Bildteppiche.

Die mehrtägige Hochzeit von Graf Günther XLI. und Katharina von Nassau ging als das glanzvollste und aufwendigste Fest seiner Art in die thüringische Geschichte ein. Damals schon als ungewöhnliches Bildmotiv bestaunt, gelten auch heute unter den elf kostbaren Tapisserien die beiden erhaltenen Affenteppiche als die spektakulärsten Exponate des Arnstädter Schlossmuseums.

Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.arnstadt.de

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Bernhard Hoetger-Bauten in Bad Harzburg 08.11.2012 Cafe Winuwuk Märchenhaftes in der Elfenecke

    Märchenhaftes in der Elfenecke

    Ein Jahr lang suchte die Hotelierfamilie Kühn in ganz Deutschland nach einem schönen Haus, in dem sie Übernachtungen mit Frühstück anbieten wollte. Angekommen in Bad Harzburg, schlossen die Kühns das Café Winuwuk sofort in ihr Herz.

  • Die Kant-Garagen in Berlin sind vom Abriss bedroht 08.11.2012 Historische Parkhäuser Historische Parkhäuser

    Historische Parkhäuser

    Die Kant-Garagen in Berlin sind vom Abriss bedroht. Das Bauwerk von 1930 ist nicht im besten Zustand und offenbart erst auf den zweiten Blick, dass es sich um eine damals sensationell innovative Architektur handelte. Dieses Schicksal teilen viele Parkhäuser mit den Kant-Garagen. Dabei ist diese Baugattung bis heute eine Herausforderung für Architekten und Stadtplaner, die einige spannende Ergebnisse präsentieren kann.

  • Die Wieskirche fing mit einem hölzernen Christus an 08.11.2012 Die Wieskirche Ein Hochamt des Rokoko

    Ein Hochamt des Rokoko

    Für Touristen aus Übersee ist sie ein fester Programmpunkt auf der gebuchten Reiseroute "Europa in zehn Tagen". Abends in Frankfurt am Main eingetroffen, wird die Nacht im Bus verbracht, um pünktlich um 8.00 Uhr morgens, wenn die Wieskirche ihre Pforten öffnet, von diesem Inbegriff des bayerischen Rokoko empfangen zu werden.

Service

Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


 
 
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
1
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


2
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn