Interviews und Statements

Interview mit Dr. Wolfgang Illert

Die Kunst des Barock

Dr. Wolfgang Illert, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, über die Bedeutung und Förderung von Denkmalen aus dieser Zeit

MO: Herr Dr. Illert, Sie haben sich in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn auf die Kunst des Barock spezialisiert. Liegen Ihnen auch die Förderprojekte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aus dieser Zeit besonders am Herzen?

Dr. Wolfgang Illert: Der Barockstil ist sicher einer der großen Stile Europas, der alle Baugattungen umfasst, nicht nur große Herrscherresidenzen, Stadtpfarrkirchen und Kathedralen, sondern auch kleine Herren- und Bürgerhäuser und die kleinen Dorfkirchen. Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) hat der Sakralbau einen Aufschwung erfahren, deshalb gibt es in den Dörfern nach den mittelalterlichen Feldsteinkirchen meistens Kirchen aus dem Barockzeitalter. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte sich um diese Kirchen kümmern, vor allem, wenn sie nicht mehr als Gotteshaus benötigt werden. Denn der Bevölkerungsschwund in den ländlichen Regionen führt in den evangelischen und katholischen Gemeinden zu einem Rückgang der Gläubigen, so dass man dort oftmals glaubt, die Kirchen könnten ihrem ursprünglichen Zweck nicht mehr dienen. Sie sind dann meist dem Verfall preisgegeben.

Blick auf das vor den Toren Würzburgs gelegene Kloster Oberzell. Für den Prämonstratenserkonvent schuf Balthasar Neumann ab 1742 neue Klostergebäude, die sein Sohn Franz Ignaz Michael vollendete. Seit 2003 unterstützt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Restaurierungsarbeiten. 
Zell, Kloster Oberzell © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick auf das vor den Toren Würzburgs gelegene Kloster Oberzell. Für den Prämonstratenserkonvent schuf Balthasar Neumann ab 1742 neue Klostergebäude, die sein Sohn Franz Ignaz Michael vollendete. Seit 2003 unterstützt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Restaurierungsarbeiten.

MO: Sollte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Baukunst des Barock und Bauwerke im süddeutschen Raum mehr in den Blick nehmen?

Dr. Wolfgang Illert: Dass sich die aufwendigeren Bauten des Barock mehr im süddeutschen Raum konzentrieren, hängt mit den religiösen Umständen des 17. Jahrhunderts zusammen. Im Zuge der Gegenreformation, die aus Italien kommt, hat sich der Barock als stadtrömischer Stil in den katholischen Ländern mehr verbreitet als in den protestantischen. Das Engagement der Stiftung in den neuen Bundesländern war natürlich in den 1990er Jahren und in den ersten Jahren des neuen Jahrzehnts geboten, weil ein enormer Nachholbedarf in den neuen Bundesländern an Sicherung und Sanierung der Bausubstanz bestand. Mittlerweile müssen wir aber sagen, dass es im Westen ebenso bedrohte Baudenkmale wie im Osten gibt. Deshalb werden wir uns auch im Westen und demzufolge auch mehr in Bayern und Baden-Württemberg engagieren.

MO: Einer unserer Leitartikel widmet sich dem Baumeister Balthasar Neumann (1687-1753). Von dessen Hauptwerken werden darin die Würzburger Residenz, die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen und das Treppenhaus im Brühler Schloss Augustusburg vorgestellt. Was ist für Sie das Besondere an der Architektur Balthasar Neumanns?

Dr. Wolfgang Illert: Balthasar Neumann gehört zu den ganz großen Baukünstlern des 18. Jahrhunderts. Er war von Haus aus kein Architekt für Schloss- oder Sakralbauten, sondern kommt aus der Festungsarchitektur. Seine Gönner - es sind mehrere - gehören alle der Familie Schönborn an, die viele kirchliche Würdenträger des Heiligen Römischen Reiches stellte. Sie besetzten damals mit Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim auch das Amt des Reichsvizekanzlers in Wien, womit enge Verflechtungen zum Wiener Hof entstanden. Gerade bei der Würzburger Residenz, dem 1719-80 erbauten Sitz der Würzburger Fürstbischöfe, weiß man heute um die Einflüsse Lukas von Hildebrandts (1668-1745) auf das Werk von Balthasar Neumann.

Aus der Tiefe der Gewölbe spannt sich die Treppe im Brühler Schloss Augustusburg in die Höhe.  
Brühl, Schloss Augustusburg © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Aus der Tiefe der Gewölbe spannt sich die Treppe im Brühler Schloss Augustusburg in die Höhe.

Neumanns Qualität besteht zum einen darin, ein erfahrener Techniker zu sein, der technisch kühnste Konstruktionen zu bauen verstand und dies mit hoher künstlerischer Qualität zu verbinden wusste. Zum anderen gelang es ihm, verschiedenste Einflüsse anderer Architekten, wie den Wiener Reichsstil, der durch Lukas von Hildebrand und Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723) am besten dokumentiert ist, in sein eigenes Werk aufzunehmen, und ebenso die Architektursprache von Germain Boffrand (1667-1754), dem Hofbaumeister des französischen Königs. Neumann nahm ihre Ideen auf und verarbeitete sie, speziell bei der Würzburger Residenz, zu einem grandiosen Bau, der zu den bedeutendsten Barockschlössern weltweit zählt.

Zu seinen genialen Konstruktionen gehört vor allem die äußerst flach gewölbte Decke des Treppenhauses in der Würzburger Residenz. Es ist nicht nur künstlerisch, sondern auch technisch ein Meisterwerk. Ebenso wie die Abteikirche St. Ulrich und Afra von Neresheim in Baden-Württemberg, die von 1747 bis 1792 erbaut wurde. Sie besitzt sphärische, äußerst flache Bögen, die den kurvierten Raum durchdringen. Bemerkenswert ist auch die Konstruktion der Doppelsäulen, die in den Treppenhäusern von Würzburg oder dem Schloss Augustusburg in Brühl die darüberliegende Wand tragen.

MO: Zu den Förderprojekten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gehören auch einige Werke Balthasar Neumanns.

Dr. Wolfgang Illert: Wie bereits erwähnt, war Balthasar Neumann sozusagen der Haus- und Hofarchitekt der Schönborns. Unsere Förderprojekte, die Stadtkirche St. Peter in Bruchsal, die Pfarrkirche St. Cäcilia und St. Barbara in Heusenstamm, die Pfarrkirche St. Mauritius in Wiesentheid, der Stationsweg zur Wallfahrtskirche Käppele in Würzburg und Kloster Oberzell in Zell am Main entstanden entweder unmittelbar oder mittelbar im Auftrag der Familie Schönborn. Die Schönborns waren ja nicht nur Erzbischöfe von Mainz und Bischöfe von Würzburg und Bamberg, sondern die Brüder und Cousins der jeweiligen Amtsinhaber waren auch Bischöfe von Speyer und Trier, womit es für Balthasar Neumann ein reiches Betätigungsfeld gab. Unsere Förderprojekte in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern zeigen, wie geographisch breit gelagert sein Aufgabengebiet war.

MO: Sie sind auch Geschäftsführer der Brandenburgischen Schlösser GmbH, die 1992 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zusammen mit dem Land Brandenburg gegründet wurde. Um welche Bauwerke kümmert sich die Schlösser GmbH und was sind ihre Aufgaben?

Dr. Wolfgang Illert: Die Brandenburgische Schlösser GmbH kümmert sich immer um Schlösser und Herrenhäuser, wobei man in Brandenburg in erster Linie von Herrenhäusern sprechen muss, nicht von Schlössern. Mit Schlössern, wie man sie aus Süddeutschland kennt, sind die brandenburgischen Adelssitze nicht zu vergleichen.

Die Brandenburgische Schlösser GmbH sichert und saniert Schlösser und Herrenhäuser in Brandenburg, die in Abgrenzung zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nicht dem ehemaligen preußischen Königshaus gehörten. Sie waren immer Sitze des landsässigen Adels aus allen Epochen vom späten Mittelalter bis zum späten Historismus.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Deckengemäldes von St. Cäcilia und St. Barbara im hessischen Heusenstamm gefördert.  
Heusenstamm, St. Cäcilia und St. Barbara © Florian Monheim, Krefeld
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Deckengemäldes von St. Cäcilia und St. Barbara im hessischen Heusenstamm gefördert.

Die eigentlich brandenburgisch-märkischen Herrenhäuser sind eher klein und bescheiden, was sicher auch an den finanziellen Möglichkeiten des damaligen landsässigen Adels lag. Die Schlösser Brandenburgs, die die Bezeichnung Schloss verdienen und entsprechend anspruchsvoll in ihrer Gestaltung sind, von denen auch einige der Brandenburgischen Schlösser GmbH gehören, befinden sich alle im Süden des Landes Brandenburg. Das heißt in dem Teil des heutigen Bundeslandes, der zur Erbauungszeit der Schlösser nicht brandenburgisch, sondern sächsisch war. Der sächsische Adel hat wesentlich repräsentativer gebaut als der märkische Adel. Gerade bei einem unserer größten Bauten, dem Schloss von Altdöbern, gibt es unmittelbare Beziehungen des Bauherrens Carl Heinrich von Heineken zum sächsischen Hof. Hier haben auch die Hofkünstler des sächsichen Kurfürsten und polnischen Königs August III. (1696-1763) gearbeitet.

Die Brandenburgische Schlösser GmbH wurde vom Land Brandenburg und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gegründet. Sie übernimmt sanierungsbedürftige Schlösser, setzt sie instand und sucht dann eine denkmalgerechte Nutzung für diese Bauten, um sie an geeignete Betreiber zu vermieten.

Die Brandenburgische Schlösser GmbH ist aber auch als Dienstleister für andere Bauherren tätig und hilft ihnen bei der Sanierung. Dies können sowohl private Schlossbesitzer als auch die öffentliche Hand sein. Die Schlösser GmbH hat in dieser Funktion zum Beispiel schon Gutachten erstellt oder die Eigentümer bei der Abstimmung mit den Denkmalbehörden unterstützt.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Ricker

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