Restaurierungstechniken Februar 2010

Die Wandmalerei in Bergens Marienkirche

Maria unter dem Skalpell

Es sollte eine Reise in die Vergangenheit werden, zu Abraham, David, Maria und den Jungfrauen. Doch die Fahrt nach Rügen führte in einen ganz anderen Kosmos mit Sonden, Lasern und Tracergas. Unheimlich für Kunsthistoriker, die von Beruf zwar Zeitreisende sind, sich aber daran gewöhnt haben, in Kirchen immer wieder auf die gleichen alten Bekannten zu treffen.

Hängende rote Fäden mit Sternen messen die Feuchtigkeit im Raum. 
© R. Rossner
Hängende rote Fäden mit Sternen messen die Feuchtigkeit im Raum.

In Bergen waren ihre Gestalten vom Verfall gezeichnet und die Gesichter völlig verblasst. Schon das Wetter versetzte mich beim Blick aus dem Fenster am frühen Morgen in Weltuntergangsstimmung. Die mächtige, in der Stadt hoch aufgetürmte Marienkirche gleich neben dem Hotel war im dichten Nebel verschwunden.


Im Chor der Kirche treffen der Fotograf Roland Rossner, der Restaurator Andreas Weiß - ausgestattet mit einer Sonde, die einem Laserschwert gleicht - und ich zuallererst auf den Teufel. Während rundherum die ganze Welt zu verschwimmen scheint, tritt ein kleiner Dämon deutlich hervor. Sogar den zarten Pinselschwung an den bloßen Schenkeln erkennt man genau. Das himmlische Paradies an der Chorwand gegenüber hat sich nicht gegen die Zeit behaupten können wie die Hölle und das Fegefeuer. Mich beschleichen Zweifel, ob am Ende das Gute von Dauer sein wird oder das Böse.

Dabei sind wir an dieser leicht erhöhten Stelle im Chor zusammengekommen, um über das Schöne, die Kunst und ihre Überlebenschance zu sprechen. Das schemenhafte Paradies ist eine Warnung: Die mittelalterlichen Bergener Wandmalereien - vielleicht noch aus dem späten 12. Jahrhundert und in ihrer Vollständigkeit von unschätzbarem Wert - sind in Gefahr zu verschwinden. Das Klima in der Kirche muss unbedingt stabil gehalten und die Malerei konserviert werden. Ihre Schönheit hatte bereits 1995 den Regensburger Professor Dr. Dieter Bierlein und seine Frau Helga tief beeindruckt, ein wahrer Glücksfall für Bergen: Sie errichteten im Gedenken an seine Mutter Margarethe eine Stiftung in der Treuhandschaft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Auf Rügen hatten sich Dieter Bierleins Eltern kennengelernt, und dort verbrachte die Familie bis 1939 viele glückliche Ferientage. Nun sollte ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen Rügens gesetzt werden.

Mit einem Datenlogger wird das Klima der Wandoberfläche überwacht. 
© R. Rossner
Mit einem Datenlogger wird das Klima der Wandoberfläche überwacht.

Diese Rettung ist eine Reise in die Zukunft, ein technisches Experiment. Finanziell wird sie auch von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt, da das Gotteshaus wie die Einwohner Bergens zu DDR-Zeiten Unmengen von Schwefeldioxid ausgesetzt waren, das ein nahegelegenes Heizkraftwerk ausstieß. An den Malereien hinterließ das Gips. Darüberhinaus drang überdurchschnittlich viel Nitrat in die Mauern ein, vermutlich, weil umliegende Felder aus der Luft gedüngt worden waren. Damit die Restaurierung überhaupt verständlich wird, muss ich mich in die technische Welt begeben. Es ist schwierig, den überirdisch anmutenden Raum um sich herum zu vergessen, den gegen 1180 der christlich getaufte slawische Führer Jaromar als Stammsitz für seine Familie gestalten ließ. Als es mir gelingt, mich von den allgegenwärtigen Figuren und den phantastischen Ornamenten zu lösen, nehme ich herunterhängende rote Fäden wahr. Sie sind mit Sternen besetzt - Sensoren, mit denen die Verweildauer der Luft im Raum gemessen wird. Die Sonden schickt der Restaurator nach Schweden zur Auswertung. Dort wurde das "Tracergasverfahren" entwickelt und patentiert.

Mit der Sonde kann man die Feuchtigkeit in meterdicken Wänden messen. 
© R. Rossner
Mit der Sonde kann man die Feuchtigkeit in meterdicken Wänden messen.

Auch die enorm große Glastür am Eingang, eine Windschleuse, ist ein Ergebnis dieses Klimamonitorings. Früher schwankte die Luftfeuchtigkeit im Raum manchmal innerhalb von zwei Stunden um fast 30 Prozent, und dies, obwohl das Gebäude, übrigens mit Unterstützung der DSD und der Margarethe Bierlein-Stiftung, instand gesetzt wurde. Nach einer endgültigen Lösung wird in Bergen aber derzeit noch gesucht, denn die Technik der Windschleuse muss verbessert werden. Noch immer ist es, wie in vielen mittelalterlichen Backsteinkirchen der südlichen Ostseeregion, unangenehm feucht. Weil der Backstein sehr viel mehr Wasser aufnehmen kann, als bis zum nächsten Schlagregen nach außen verdunstet, erläutert der Restaurator, geben die Mauern das Wasser nach innen in die Raumluft ab. Mit einer klimagesteuerten Lüftung kann es wieder nach draußen transportiert werden.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Wozu dann die 1,10 Meter lange Sonde unter dem Arm des Restaurators, die mir gleich aufgefallen war? Eigentlich dient sie Ingenieuren dazu, Böden zu analysieren, aber man kann sie auch dazu verwenden, Feuchtigkeit in meterdicken Wänden zu messen. Dies ist nötig, um den Gipsschichten auf der Malerei wirkungsvoll zuleibe rücken zu können. Die in diesem Jahr begonnenen Arbeiten an der abplatzenden Farbe, wo Salze wie Ekzeme auf Gesichtern blühen und Gips an Armen und Beinen Geschwüre ausbildet, werden mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Es sind keine Schönheitsoperationen, sondern lebensrettende Maßnahmen. Denn Gips ist immer in Bewegung, quillt auf und schwindet wieder bei Trockenheit. Er sprengt Malschichten und kann sie für immer zerstören. Er wandert auch an die Oberfläche der Malerei und überzieht die Farben mit einem Grauschleier.

Glücklicherweise lässt sich Gips in Kalk zurückverwandeln, der der Malerei dann nicht mehr schadet. Daher experimentierten die Restauratoren, begleitet durch den eigens gegründeten wissenschaftlichen Fachbeirat mit verschiedenen chemischen Umwandlungsverfahren. Kompressen werden wie feuchte Umschläge unter Beigabe von Ammoniumkarbonat oder Ionenaustauscherharzen auf die Malerei gelegt. Der übrigbleibende Kalk wird dann in noch feuchtem Zustand mit einem Skalpell entfernt, damit sich keine Weißschleier auf der Farbe bilden können. Dies ist sehr viel leichter geschrieben als getan. Mit bloßem Auge lässt sich kaum erkennen, wo der Kalkschleier endet und die kostbare Malschicht beginnt. Könnten im Atelier Mikroskope, die bei Operationen in Krankenhäusern zum Einsatz kommen, zur Kontrolle verwendet werden, musste für den flexiblen Einsatz des Mikroskops hier auf dem Gerüst eine Stativlösung maßgeschneidert werden. Besonders saugfähige Kompressen, die Schadstoffe aus der Farbe holen, bevor sie in die Tiefen der Backsteine entschwinden, lassen sich beispielsweise herstellen, indem man Superabsorber aus Einwegwindeln gewinnt. Die Restaurierungs-Branche ist zu klein, als dass für sie im großen Stil Instrumente, Werkzeuge und Materialien entwickelt würden. Positiv betrachtet, bleibt der Beruf auf diese Weise kreativ, und jedes Bauwerk ist ein Patient mit Schwachstellen, auf den man sich neu einstellen muss. Die fragile Malerei in der Marienkirche beispielsweise verträgt keine Laserstrahlen.

Unter die Lupe genommen: die Schleier des Marienzyklus im Querschiff 
© R. Rossner
Unter die Lupe genommen: die Schleier des Marienzyklus im Querschiff

Wie in der Medizin war viel Forschung vonnöten. Das Stifterehepaar Bierlein verfolgt alles mit Kennerschaft, Geduld und Großzügigkeit. Beglückt ist es darüber, dass die Bergener ein sehr lebendiges Gemeindeleben führen und die Rettung der Malereien zu ihrer Herzensangelegenheit machten. Initiativen der jeweiligen Pfarrer werden vom ehrenamtlichen Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates ergänzt. Allein stemmen kann die Gemeinde die Aufgabe allerdings nicht.

Restaurator Weiß, der die Hochschule für Bildende Kunst in Dresden besuchte - mit dem fernen Ziel, der Kunst einmal möglichst nahe zu sein -, scheint sich in den vergangenen sechs Jahren zum Naturwissenschaftler entwickelt zu haben. Nach neuesten Untersuchungen sind knapp die Hälfte der 600 Quadratmeter bemalten Fläche in St. Marien Originalputz aus dem Mittelalter. Ein sensationelles Ergebnis, denn ich hatte in älterer Fachliteratur noch gelesen, dass der Historienmaler August Oetken bei der Restaurierung ab 1896 die Malereien ohne Rücksicht auf Vorgefundenes rigoros übermalt und vieles frei hinzufügt hatte. Manch ein Denkmalpfleger zweifelte, dass überhaupt Romanisches über die Zeit gerettet wurde. Diese neue Perspektive auf die Geschichte interessiert den Fotografen sehr. Er nimmt die Details noch genauer ins Visier und versucht selbst, Mittelalterliches von Neuzeitlichem zu unterscheiden und abzulichten.

Als wir am Nachmittag die Kirche verlassen, sehen wir klarer. Es gibt keine Patentrezepte für die Restaurierung, aber es wurde ein Lösungsweg gefunden. Auch der Nebel draußen hat sich inzwischen verzogen. Beim Hinaustreten blitzt noch einmal der Gedanke an das nahezu verlorene Paradies im Chor und den im Gegensatz dazu überdeutlich gezeichneten Teufel an der Wand gegenüber auf. Aber ich verlasse Bergen und die Insel Rügen beruhigt. Denn jetzt weiß ich: Der hüpfende Teufel ist ein positives Signal. Er hat es geschafft, die Zeiten ungeschoren zu überdauern und wurde bereits nach jüngsten Erkenntnissen gereinigt. Warum sollte das dann nicht auch dem Erzengel Gabriel, Abraham und Maria gelingen? Letztlich wird doch wohl das Gute siegen ...

Christiane Schillig