Kurioses Material Februar 2010 W

Kunstwerke aus Wachs

Duell um Floras wächsernes Lächeln

Kaum ein Kunsthandwerk besitzt ein so schönes Vokabular wie die Wachsbildnerei: Da wird bossiert und zart beflockt, das Material zu Jungfernwachs gebleicht, werden Moulagen modelliert, Wangen rosiniert und Engelsflügel mit einem Hauch Glanz bestreut. Keroplastik nennt man die Kunst, die beinahe so alt ist wie die Menschheit selbst, aber dennoch fast versunken und vergessen.

Die Frau mit dem geöffneten Bauch (etwa 1785) ist Teil der berühmten Anatomiesammlung Kaiser Josephs II. in Wien, die er für die Ausbildung der Militärärzte anfertigen ließ. 
© akg images
Die Frau mit dem geöffneten Bauch (etwa 1785) ist Teil der berühmten Anatomiesammlung Kaiser Josephs II. in Wien, die er für die Ausbildung der Militärärzte anfertigen ließ.

In der Wachsbildnerei hat sich schon früh Schönes, Ernstes, Volkstümliches und Bizarres untrennbar miteinander verwoben. Skurriles entstand und blieb im Gedächtnis. Heute findet oft die einzige Begegnung mit einer Wachsplastik in einem der Wachsfigurenkabinette statt, deren berühmtestes in London steht. Als Madame Tussaud, geborene Marie Grosholtz, ab 1780 in Versailles Porträts der königlichen Familie und damit des untergehenden Ancien Régime anfertigte, ahnte sie sicher nicht, in welch gruseliger Welt sich Wachsfiguren im folgenden Jahrhundert bewegen würden: Sie wurden Attraktionen auf Jahrmärkten und in Panoptiken, Horrorfiguren mit Titeln wie "Lebendig begraben" und mit zunehmender Technisierung auch zu bewegten Geisterbahn-Automaten.

Aus mehreren Gussteilen und unterschiedlichen Wachsen wurde um 1750 diese Darstellung des hl. Joseph mit dem Jesuskind hergestellt. Das Relief ist über 60 Zentimeter groß. 
© Bayerisches Nationalmuseum, München
Aus mehreren Gussteilen und unterschiedlichen Wachsen wurde um 1750 diese Darstellung des hl. Joseph mit dem Jesuskind hergestellt. Das Relief ist über 60 Zentimeter groß.

Während sich Marie Grosholtz mit der menschlichen Darstellung in Wachs beschäftigte, befand sich Europa im Sog der europäischen Aufklärung. Sie selbst geriet in Paris in die Wirren der Revolution und musste zusehen, wie die von ihr angefertigten Aristokratenwachsköpfe aufgespießt wurden. Aufklärung verstand man in einigen Bereichen wörtlich: Der menschliche Körper wurde so gründlich auseinandergenommen wie nie zuvor, um ihn begreifen und - in Wachs nachgebildet - betrachten zu können. Dafür bediente sich die Anatomie der Keroplastik - von griechisch keros (Wachs) -, und nicht immer ist zu unterscheiden, was aus rein medizinischen Zwecken und was aus purer Sensationslust gezeigt wurde. Viele der weiblichen Wachsmodelle wirken mit ihren einsehbaren Bäuchen auf schockierende Art nackter als nackt. Jedoch trennten sich im Laufe der Zeiten Spektakel und Wissenschaft, Wunderkammer und anatomisches Institut. Bis in die 1950er Jahre wurden Wachsplastiken in der Medizin zu Lehrzwecken verwendet. Und je gewöhnungsbedürftiger das Ergebnis, desto hübscher der Name: Moulagen nennt man die plastischen Wachs-Darstellungen von Krankheiten, vor allem die der Dermatologie.

Es ist das Material selbst, das zu seiner Beliebtheit führte und es schließlich in Misskredit brachte: Denn kein anderer Werkstoff ist so sehr geeignet, Formen und andere Werkstoffe exakt nachzubilden, Haut verblüffend echt zu imitieren. Wachs lässt sich problemlos mit anderen Materialien verbinden: mit Textilien aller Art, mit Echthaar, Horn oder getrocknetem Hautleim für die Nägel, Glas für die Augen. Zusammen mit nachträglich aufgetragenen Fassungen oder geschickt mit dem Wachs vermengten Pigmenten kann man alle gewünschten Farben erzielen, unter anderem perfekte Inkarnate mit "rosinierten" Wangen.

Wachsputto 
© Bayerisches Nationalmuseum, München
Wachsputto

Manch wichtiger Mensch des 17. und 18. Jahrhunderts - nicht nur königlichen Geblüts - ließ sich in Wachs abbilden, um sich der Nachwelt zu präsentieren. Dabei stellten sich allerdings zwei Probleme: Zum einen ist Wachs ein sehr vergängliches Material. Man muss es sorgfältig vor Erschütterungen, Staub, Wärme und Kälte schützen. Zum anderen wurden die Bildnisse so echt, dass man sich zu gruseln begann und nicht mehr die rechte Achtung aufbringen konnte. Gründe, warum es heute gar nicht so einfach ist, Wachsbildnisse aufzuspüren.

Selbst in den Kirchen, dort, wo Wachs wegen der liturgischen Bedeutung der Kerzen schon immer eine wichtige Rolle spielte, sind viele der Keroplastiken verschwunden: zerstört oder einfach entsorgt. Dabei wurde dem Wachs einst eine große Bedeutung zugemessen, es war sehr wertvoll und wurde als göttliches Material angesehen. Bienen galten wegen ihrer vermeintlich geschlechtslosen Vermehrung als Mariensymbol. Lange schon war es für Votivzwecke genutzt worden: Wächserne Körperteile brachte man als Dank- und Bittgaben dar, in mancher Kirche hingen ganze Wände voller Arme und Beine. Es eignete sich auch vorzüglich zur Darstellung heiliger Szenen, heute noch gebräuchlich bei der weihnachtlichen Krippe - und damit wie auch die allzu genauen Porträts und die anatomischen Präparate für den Kunsthistoriker schwer fassbar. Denn dieser unterscheidet gern streng zwischen Nutzgegenstand, Volkstum und "ernster" Kunst, und es scheint eine der herausragenden Eigenschaften der Keroplastik zu sein, sich diesen Kategorien zu entziehen.

Eine der wenigen gut erhaltenen, lebensgroßen Wachsvotivfiguren des 18. Jahrhunderts: Anna Bruggmayr im Kaufbeurener Creszentia-Kloster 
© Stadtmuseum München Angela Häckel
Eine der wenigen gut erhaltenen, lebensgroßen Wachsvotivfiguren des 18. Jahrhunderts: Anna Bruggmayr im Kaufbeurener Creszentia-Kloster

Vergangene Zeiten waren im Kunstverständnis geschmeidiger: Viele Gold- und Silberschmiede galten gleichzeitig als angesehene Wachsbossierer - bossieren bedeutet die Herstellung einer dreidimensionalen Arbeit. Für Hautdarstellungen verwendeten die Wachsbildner am liebsten möglichst reines, das heißt weißes Wachs. Dieses war entweder das von Jungbienen unbebrütete "Jungfernwachs" oder wurde durch Wachsbleichen erzeugt: Ein bis zwei Wochen legte man das Wachs in die Sonne, wendete es regelmäßig und besprühte es mit kühlendem Wasser, damit es nicht verbräunte. In der weiteren Verarbeitung war der Künstler sehr frei: Wachs kann man gießen oder modellieren, oft wurden beide Techniken kombiniert. Zur besseren Modellierfähigkeit arbeitete man in das Wachs Harze, Terpene oder Kreiden ein. So entstanden erstaunlich große Plastiken. Die Votivfigur der Anna Bruggmayr im Creszentia-Kloster in Kaufbeuren ist zum Beispiel lebensgroß. 1778 entstand die 50 Kilo schwere Figur, deren Hände und Arme gegossen, das Gesicht aber modelliert wurde. Die wächserne Anna - mit Glasaugen und echten Wimpern - wurde mit viel Sorgfalt gekleidet: Der Rock besteht aus grob gewebter Leinwand, die von beiden Seiten mit Wachsplatten beschichtet und zusammengenäht wurde. Zur Verzierung von Schürze und Schultertuch legte man zwischen dünne Wachsplatten aus Papier gestanzte Blumen, für das Dekor an Haube, Schmuck, Ärmelspitzen, Handschuhen und Rocksaum verwendete man Stempelrollen. Die Restauratoren, die sich 1986 auf das Neuland der professionellen Wachsrestaurierung wagten und Anna Bruggmayr vor dem Zerfall retteten, staunten nicht schlecht, als sich selbst unter der Kleidung fein ausgearbeitete Details wie Strümpfe und Strumpfbänder fanden. Es ist ein Glücksfall, dass die Votivfigur der Anna Bruggmayr erhalten blieb - sie war mit Metallstützen in einem eigens für sie angefertigten Schrank verankert -, denn meist wurden über kurz oder lang aus dem kostbaren Material Kerzen hergestellt.

Mit Liebe zum Detail gestaltete Gaetano Giulio Zumbo um 1690 Reliefs wie "Die Pest". Später wandte er sich anatomischen Modellen zu. 
© bpk Scala
Mit Liebe zum Detail gestaltete Gaetano Giulio Zumbo um 1690 Reliefs wie "Die Pest". Später wandte er sich anatomischen Modellen zu.

Wachs scheint eine Affinität zum Tod zu haben - und das nicht nur, weil schon seit altägyptischen Zeiten Totenmasken aus Wachs und seit dem späten Mittelalter die sogenannten Effigies, Scheinleiber von Toten, bekannt sind: An Vergänglichkeit gemahnt zwar auch schon der äußere Anblick der Magdalenenklause im Nymphenburger Schlosspark mit seiner Ruinen-Architektur, doch bereitet dieses pittoreske Bild keineswegs auf das vor, was den Besucher im Inneren der 1725-28 gebauten Einsiedelei erwartet. Von den "letzten Dingen" erzählen vier Wachsreliefs in der im Grottenstil gestalteten Kapelle. Sie zeigen recht anschaulich den Werdegang eines Sterbenden mit der Auferstehung aus dem Grab und der Aufnahme in den Himmel beziehungsweise in die Hölle. In die Magdalenenklause wollte sich der alternde Kurfürst Max Emanuel von Bayern zur Buße und inneren Einkehr zurückziehen. Die Reliefs stellten drastisches Anschauungsmaterial dar. Auch hier kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass christliche Erbauung fließend in wohligen Schauer übergeht. Dabei sind die Nymphenburger Darstellungen noch gemäßigt.

Drastisches Andachtsbild für Kurfürst Max Emanuel. Das Wachsrelief in der Nymphenburger Magdalenenklause zeigt den Tod. 
© Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen
Drastisches Andachtsbild für Kurfürst Max Emanuel. Das Wachsrelief in der Nymphenburger Magdalenenklause zeigt den Tod.

1798 beschreibt E. Wichelmann in seinem Buch "Ideen über die beste Anwendung der Wachsbildnerei, nebst Nachrichten von den anatomischen Wachspräparaten in Florenz und deren Verfertigung für Künstler, Kunstliebhaber und Anthropologen" ein Relief der Art, wie sie in Italien Ende des 17. Jahrhunderts beliebt waren, mit dem aufschlussreichen Titel "La Corruzione dei Corpi": Es ist "die Verwesung der menschlichen Körper gleichfalls in Wachs vorgestellt. (...) An dem vierten Körper zeigen sich schon aufgebrochene Beulen, in deren röthlichen oder blutigen Geschwüren und Eyter kleine Würmer herum kriechen, (...) wie (sie) mit dem Menschen umgehen, und endlich ein fürchterliches Gerippe und bloße Knochen daraus werden." Zufrieden resümiert er: "So unangenehm der menschlichen Eigenliebe ein solcher Schauplatz ist, so vortrefflich ist hingegen die Arbeit, welche alles im Kleinen ausdrücket, und man kann sich kaum müde daran sehen."

Plastiken aus Wachs - auch monochrome - mit mythologischer und oder christlicher Thematik waren früher fester Bestandteil der Kunstwelt, heute sind sie in den Museen eine Rarität. Man mag kaum glauben, dass in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts um eine Wachsbüste ein erbitterter Streit entbrannte. Er wurde mit solcher Heftigkeit ausgetragen, dass sich tatsächlich zwei Kunstexperten zum Duell forderten.

Um die wächserne Flora im Berliner Bodemuseum wurde heftiger gestritten als um manche Büste aus hitzefesterem Material. 
© Museum für Byzant. Kunst SMB Jörg P. Anders
Um die wächserne Flora im Berliner Bodemuseum wurde heftiger gestritten als um manche Büste aus hitzefesterem Material.

Zwei Debatten im Preußischen Abgeordnetenhaus wurden geführt, innerhalb von zwei Jahren erschienen mehr als 730 Artikel über das Thema, ob die Wachsbüste, die Wilhelm Bode 1909 für das Kaiser Friedrich-Museum gekauft hatte, von Leonardo da Vinci stamme oder nicht. Die Diskussion über die wächserne Flora nahm in einer Zeit exzessiven wilhelminischen Kulturgebarens hochpolitische Formen an, Intrigen wurden geschürt, Karrieren zerbrachen. Noch heute widersprechen sich Kenner über die Herkunft Floras, denn das Material Wachs weiß auch unter dem Mikroskop Geheimnisse zu hüten. Eines dürfte allerdings sicher sein: Kein anderes wächsernes Bildnis - ob nun aus den Händen da Vincis oder, wie die Gegenpartei behauptet, eines ordinären englischen Wachsbildners des 19. Jahrhunderts - hat es jemals zum berühmtesten Ausstellungsstück eines Kunstmuseums geschafft. Die Flora ist, das sei noch angemerkt, im Ende 2006 wiedereröffneten Bodemuseum in einem Saal inmitten italienischer Skulpturen zu finden, ausgeschildert aber mit den Worten "England", "19. Jahrhundert" und einem Fragezeichen.

Beatrice Härig

Als eines der wenigen deutschen Museen zeigt das Bodemuseum auf der Berliner Museumsinsel - neben der Flora-Büste - eine Auswahl an Wachskunstwerken italienischer und deutscher Herkunft. Tel. 030/20 90-55 77, www.smb.spk-berlin.de

Die Wachsreliefs der Magdalenenklause im Nymphenburger Schlosspark sind von April bis Mitte Oktober zu besichtigen. Tel. 089/1 79 08-0, www.schloesser.bayern.de

In der Theatinerkirche in München ist in einer der nördlichen Seitenkapellen ein Wachsrelief des hl. Joseph mit Jesuskind - fast identisch mit dem hier abgebildeten - zu sehen. Die Theatinerkirche ist Förderprojekt der Baudenkmal-Stiftung München, einer Treuhandstiftung in der Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. www.theatinerkirche.de

Die Votivfigur der Anna Bruggmayr steht in der Gedenkstätte der hl. Creszentia im Kaufbeurener Franziskanerinnenkloster, zu sehen mittwochs und an jedem ersten und dritten Samstag im Monat um 15 Uhr. Tel. 08341/9 07-0

Eine Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum München hat 2006 die Wachsbildnerei einem größeren Publikum näher gebracht. Der 60-seitige Katalog Barocke Wachsbildwerke. Restaurieren und Entdecken kann für 15,80 Euro (zzgl. 2 Euro Versandkosten) beim Museum bestellt werden: Tel. 089/2 11 24- 296, www.bayerisches-nationalmuseum.de

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